
Wo einst Schwestern beteten: Ein Besuch im neu erwachten Kloster Beuerberg
Vom Augustinerstift zum Zukunftslabor kirchlicher Baukultur
Hoch über der Loisach thront es seit 900 Jahren, das Kloster Beuerberg. Was hier im oberbayerischen Voralpenland zwischen Starnberger See und Benediktenwand am 29. Mai 2025 vollendet wurde, markiert einen Paradigmenwechsel im Umgang mit historischen Klosteranlagen: Die Erzdiözese München und Freising investierte 43 Millionen Euro in eine Generalsanierung, die nicht weniger als eine Blaupause für die Zukunft kirchlicher Baudenkmäler darstellt. Kardinal Reinhard Marx sprach bei der Eröffnung zu Christi Himmelfahrt von einem „Ort der Welterfassung und -gestaltung im Geist des Evangeliums“ – eine Formulierung, die den Anspruch des Projekts treffend zusammenfasst.
Die Transformation des 12.000 Quadratmeter umfassenden Areals steht exemplarisch für eine regionale Herausforderung, die weit über Bayern hinaus Relevanz besitzt: Wie lassen sich monumentale Klosteranlagen in Zeiten schwindender Ordensgemeinschaften erhalten und sinnvoll nutzen? Die Antwort aus Beuerberg ist vielschichtig und durchdacht. Statt einer profitmaximierenden Verwertung als Luxuswohnungen – eine Option, die 2014 beim Erwerb von den Salesianerinnen durchaus im Raum stand – entschied sich die Erzdiözese für einen mutigen dritten Weg: die Schaffung eines kirchlichen Kultur- und Seminarzentrums, das monastische Tradition mit zeitgenössischer Gastlichkeit verbindet.
Architektonische Symbiose aus Bestand und Innovation
Die architektonische Umsetzung durch das Planungsteam um DAI GmbH und AHG Architekten Haushofer Gnadke zusammen mit dem Innenarchitekturbüro formstelle zeigt, wie sensible Denkmalpflege und moderne Nutzungsanforderungen harmonieren können. Seit 2020 leiteten sie die vollumfängliche Planung und Umsetzung, nachdem bereits 2011 erste Bestandsaufnahmen und Brandschutzkonzepte erarbeitet worden waren. Die Herausforderung bestand darin, die barocke Substanz des ab 1729 errichteten Stiftsgebäudes zu bewahren und gleichzeitig zeitgemäße Standards für Barrierefreiheit, Brandschutz und Komfort zu integrieren.
Besonders bemerkenswert ist die gestalterische Grundhaltung des Teams von formstelle. Aus einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Formenkanon der Salesianerinnen entwickelten die Planerinnen und Planer ein Gestaltungsprinzip, das auf Einfachheit, Menschenfreundlichkeit und Authentizität basiert. Die Hohlkehle und das Oval als wiederkehrende Grundformen, die Neuinterpretation traditioneller Materialien wie Schwarzstahl, Leinen und Porzellan sowie das charakteristische „Beuerberger Grün“ als Akzentfarbe schaffen eine zeitgeistige Übersetzung klösterlicher Ästhetik.
Im völlig entkernten Josefstrakt entstanden 23 neue Gästezimmer, während der historische Zellentrakt weitere 25 Zimmer beherbergt. Die Entfernung von Einbauten der vergangenen 50 Jahre legte die ursprünglichen Saal- und Zimmerstrukturen wieder frei. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege begleitete die Wiederherstellung historischer Farb- und Stuckfassungen – ein aufwendiger Prozess, der sich besonders im großen Festsaal mit seiner originalen Rokoko-Stuckdecke auszahlt.
Regionale Verankerung als Erfolgsfaktor
Die enge Verbindung zwischen Kloster und Ort Beuerberg, die seit der Gründung durch die Grafen von Iringsburg 1121 besteht, wurde bewusst als Leitmotiv der Neukonzeption aufgegriffen. Das zeigt sich nicht nur in der Klosterküche, die vorrangig regionale Produkte verarbeitet und die wiedereröffnete Klosterbackstube betreibt, sondern auch in der Einbindung lokaler Handwerksbetriebe und der Schaffung von Arbeitsplätzen für die knapp 1.000 Einwohnerinnen und Einwohner des Ortes.
Die bayerische Landesbauordnung stellte dabei besondere Anforderungen an das Projekt. Die Kombination aus Denkmalschutzauflagen, Brandschutzvorschriften und den Anforderungen an barrierefreie Gestaltung erforderte innovative Lösungen. So entwickelte das Team gemeinsam mit Spezialisten eine eigene Konstruktion für den brandschutzgerechten Umbau der historischen Geschossdecken in Holzbauweise – ein Detail, das für ähnliche Projekte in Bayern Modellcharakter haben könnte.
Kultureller Mehrwert statt musealer Erstarrung
Seit 2016 nutzt das Diözesanmuseum Freising das Kloster für temporäre Ausstellungen, die klösterliches Leben in Bezug zur Gegenwart setzen. Die aktuelle Dauerausstellung im Erdgeschoss dokumentiert mit Fotografien von Thomas Dashuber das Leben der letzten Salesianerinnen und macht die 900-jährige Geschichte des Ortes erfahrbar. Diese kulturelle Dimension ist keine Dekoration, sondern integraler Bestandteil des Konzepts: Das Kloster soll Landmarke geistlichen und kulturellen Lebens bleiben, nicht Museum werden.
Die elf unterschiedlich großen Tagungsräume und die öffentlich zugängliche Gastronomie im ehemaligen Refektorium schaffen Begegnungsräume, die über den kirchlichen Kontext hinaus Relevanz besitzen. Dabei profitieren kirchliche Gruppen von einem 25-prozentigen Preisnachlass – eine kluge Strategie, die wirtschaftliche Tragfähigkeit mit kirchlichem Auftrag verbindet.
Lehren für die bayerische Klosterlandschaft
Das Projekt Beuerberg liefert wichtige Erkenntnisse für den Umgang mit den zahlreichen gefährdeten Klosteranlagen in Bayern. Die Investitionssumme von 43 Millionen Euro mag hoch erscheinen, relativiert sich aber angesichts der kulturhistorischen Bedeutung und der nachhaltigen Nutzungsperspektive. Entscheidend war der partizipative Planungsprozess unter Einbeziehung der Ortsgemeinde, des Diözesanmuseums und verschiedener kirchlicher Organisationen.
Die Projektsteuerung durch Dietrichs zeigt, dass professionelles Management und spirituelle Authentizität keine Gegensätze sein müssen. Die sukzessive Entwicklung seit 2011, beginnend mit der Grundsanierung der Stiftskirche für über 5 Millionen Euro, ermöglichte ein organisches Wachstum des Konzepts und kontinuierliche Anpassungen.
Zukunftsperspektiven und Übertragbarkeit
Was in Beuerberg gelungen ist, könnte Schule machen. Die Verbindung aus denkmalpflegerischer Sorgfalt, zeitgenössischer Architektur und lebendiger Nutzung zeigt, dass Klöster auch ohne Ordensgemeinschaften ihre spirituelle und kulturelle Ausstrahlung bewahren können. Generalvikar Christoph Klingan formulierte es treffend: Das Kloster sei besonders geeignet, „die Menschen über ihren Glauben, seine kirchliche Prägung und tragende Werte für ein gutes Miteinander in der Gesellschaft nachdenken zu lassen.“
Die regionale Baukultur Oberbayerns findet hier eine zeitgemäße Fortsetzung. Die Nähe zum Starnberger See und zur Autobahn München-Garmisch-Partenkirchen verschafft dem Standort zusätzliche Attraktivität. Doch der eigentliche Erfolg liegt in der klugen Balance zwischen Bewahrung und Erneuerung, zwischen monastischer Tradition und weltlicher Öffnung. Kloster Beuerberg beweist: Transformation bedeutet nicht Verlust, sondern kann zur Vertiefung der ursprünglichen Bestimmung führen – als Ort der Begegnung, der Besinnung und der gemeinschaftlichen Suche nach dem guten Leben.

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