
Discount trifft Dachgeschoss: Wie Aldi Süd Baden-Württembergs Wohnungsnot bekämpft
Mixed-Use-Konzepte zwischen Kassenbon und Campusleben verändern regionale Planungskultur
In der Universitätsstadt Tübingen nimmt seit Anfang 2025 ein architektonisches Experiment seine finale Form an: Über einer neu errichteten Aldi Süd-Filiale entstehen 28 weitere Appartements für Studierende, nachdem das Unternehmen bereits 2016 am selben Standort 40 Wohnungen für Studentinnen und Studenten realisiert hatte. Was zunächst wie eine pragmatische Lösung für akute Raumprobleme aussieht, entwickelt sich zu einem regionalen Modell mit weitreichenden Konsequenzen für die Planungskultur im Südwesten.
Baden-Württemberg als Experimentierfeld der Nachverdichtung
Baden-Württemberg verzeichnet mit 46.660 fehlenden Wohnheimplätzen eine dramatische Unterversorgung im studentischen Wohnsegment. Besonders in den Universitätsstädten zwischen Bodensee und Neckar verschärft sich die Situation kontinuierlich. Aldi Süd nutzt diese regionale Problemlage geschickt für eine bundesweite Expansion seines Mixed-Use-Konzepts: Allein in Baden-Württemberg plant das Unternehmen 450 neue Wohneinheiten über seinen Filialen.
Die regionalen Rahmenbedingungen erweisen sich dabei als vorteilhaft. Die Landesbauordnung wurde 2025 erneut reformiert und erleichtert das Aufstocken von Bestandsgebäuden erheblich. Seit 2019 lösen Dachaufstockungen keine zusätzlichen Stellplatzanforderungen aus, seit 2023 entfällt auch die Aufzugverpflichtung. Diese schrittweise Deregulierung schafft ideale Voraussetzungen für Aldis Wohnbaustrategie.
Tübingen: Prototyp für intelligente Innenverdichtung
Das Tübinger Modell zeigt exemplarisch, wie sich regionale Besonderheiten und unternehmerische Interessen erfolgreich verknüpfen lassen. Die neue Filiale in der Wohlboldstraße kombiniert barrierefreie Verkaufsflächen im Erdgeschoss mit 28 Appartements in den Obergeschossen sowie Gemeinschaftsgärten und einer 150-kWp-Photovoltaikanlage auf dem Dach.
Andreas Grupp, Real Estate Director bei Aldi Süd, betont die regionale Anpassungsfähigkeit: „Wir können hier den städtischen Wunsch nach einer Innenverdichtung sehr gut erfüllen. Ohne zusätzliche Flächenversiegelung entschärfen wir mit dem Neubau die lokale Konkurrenz-Situation um Wohnraum.“
Die Wärmepumpentechnik und das Huckepack-Verfahren der Wohnungsintegration demonstrieren, wie sich energetische Standards des Landes mit ökonomischen Zwängen des Einzelhandels verbinden lassen. Bemerkenswert ist die zentrale Lage: Studierende wohnen direkt über ihrer Nahversorgung – ein Konzept, das in baden-württembergischen Universitätsstädten mit historisch gewachsenen, dichten Innenstädten besonders gut funktioniert.
Rheinland-Pfalz folgt dem baden-württembergischen Vorbild
Die Übertragbarkeit des Modells zeigt sich bereits in der benachbarten Pfalz. In Landau entstehen über einer neuen Aldi Süd-Filiale in der Annweilerstraße 126 Appartements mit 199 Wohnplätzen – ein Projekt, das in enger Kooperation mit dem Studierendenwerk Vorderpfalz entwickelt wurde.
Andreas Schülke, Geschäftsführer des Studierendenwerks, sieht in der Aufstockung eine „Win-Win-Situation“: „In Hochschulstädten mit einem angespannten Wohnungsmarkt für Studierende und in Städten ohne geeignete Bauplätze ist die Aufstockung von Aldi Süd eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.“
Mannheim: Der nächste regionale Baustein
Das ambitionierteste Projekt startet 2026 in Mannheim am Campus der Dualen Hochschule Baden-Württemberg: Über 150 Wohneinheiten für etwa 200 Studierende entstehen über einer neuen Filiale in nachhaltiger Holzbauweise. Die Fertigstellung ist für Frühjahr 2027 geplant.
Thorsten Koch von Aldi Süd erläutert den regionalen Ansatz: „Bei der Weiterentwicklung unserer Standorte greifen wir lokale Anforderungen und Rahmenbedingungen auf.“ Dieser standortspezifische Ansatz zeigt sich in der Wahl der Holzbauweise – eine Reaktion auf die Nachhaltigkeitsanforderungen der Region und die Nähe zu innovativen Forschungseinrichtungen.
Planungsrechtliche Herausforderungen und Chancen
Die regionalen Unterschiede in den Bauordnungen erweisen sich als entscheidender Faktor für den Projekterfolg. Während Baden-Württemberg mit seiner reformierten LBO optimale Rahmenbedingungen schafft, müssen andere Bundesländer noch nachziehen. Die Einführung der Genehmigungsfiktion für das vereinfachte Baugenehmigungsverfahren beschleunigt Projekte erheblich.
Jan Riemann, Group Director Real Estate bei Aldi Süd, bestätigt die Bedeutung regionaler Partnerschaften: „Wir arbeiten eng mit Städten und Kommunen zusammen, um gemeinsam Hürden abzubauen und nachhaltige Wohnlösungen zu entwickeln.“
Regionale Wertschöpfung trifft globale Strategie
Bis Ende 2025 will Aldi Süd bundesweit 550 Wohnungen über Filialen fertigstellen, mittelfristig sollen über 2.000 weitere Wohneinheiten folgen. Die regionale Verteilung zeigt klare Schwerpunkte: 750 Wohnungen in Hessen, 600 in Nordrhein-Westfalen, 450 in Baden-Württemberg, 200 in Bayern und 50 in Rheinland-Pfalz.
Diese Zahlen verdeutlichen, wie sich regionale Bedarfe und überregionale Unternehmensstrategien verschränken. Baden-Württemberg profitiert dabei doppelt: von der Lösung akuter Wohnungsprobleme und von seiner Rolle als Vorreiter für innovative Planungsansätze.
Ausblick: Vom regionalen Experiment zur überregionalen Norm
Das baden-württembergische Modell der Supermarkt-Wohnung-Kombination könnte Schule machen. Die erfolgreiche Verknüpfung von Einzelhandel und Wohnen zeigt, wie sich auch ohne zusätzliche Flächenversiegelung dringend benötigter Wohnraum schaffen lässt.
Entscheidend wird sein, ob andere Bundesländer ähnlich mutige Reformen ihrer Bauordnungen wagen wie Baden-Württemberg. Die regionalen Unterschiede in Genehmigungsverfahren und Standards bestimmen letztlich über Erfolg oder Scheitern solcher Konzepte.
Die Studentinnen und Studenten in Tübingen, Landau und bald auch Mannheim jedenfalls dürften die kurzen Wege zwischen Vorlesung, Wohnung und Einkauf zu schätzen wissen – auch wenn sie dabei über einem Discounter schlafen.

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