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Hitzefrei? Von der Kunst, cool zu bleiben

27.07.2025
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Stuart Rupert

Hitzefrei? Von der Kunst, cool zu bleiben

Liebe Kollegin, lieber Kollege,

während ich diese Zeilen schreibe, zeigt das Thermometer vor meinem Bürofenster 34 Grad im Schatten. Die Jalousien sind heruntergelassen, der Ventilator surrt, und auf meinem Schreibtisch liegt – Sie werden schmunzeln – ein eleganter spanischer Fächer. Ein Geschenk aus Madrid, das mich daran erinnert, dass nicht alle Lösungen für die Klimakrise hochtechnologisch sein müssen.

Der Juli ist traditionell die Zeit der großen Ferien, der Reisen in den Süden, der Sehnsucht nach Sonne und Wärme. Doch was einst erstrebenswert war, wird zunehmend zur Belastung. Die romantische Vorstellung vom dolce far niente unter südlicher Sonne weicht der Realität überhitzter Städte, in denen das süße Nichtstun zur schweißtreibenden Tortur wird. Hitzefrei – einst der Traum aller Schulkinder – bekommt eine neue, bedrohliche Dimension.

Zwischen Alarmismus und Inspiration

Diese Ausgabe widmet sich der Frage, wie wir als Planende mit der neuen Normalität extremer Temperaturen umgehen. Dabei schwanken wir zwischen zwei Polen: der notwendigen Dramatisierung des Problems und der ebenso wichtigen Suche nach inspirierenden Lösungen. Unser Beitrag über den deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale zeigt exemplarisch dieses Dilemma: Müssen wir wirklich immer mit dem moralischen Zeigefinger wedeln, oder gäbe es nicht elegantere Wege, die Dringlichkeit klimagerechten Bauens zu vermitteln?

Die Antwort liefert ironischerweise die Biennale selbst: Der mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnete Bahrain-Pavillonzeigt, wie aus der Not eine ästhetische Tugend werden kann. Hier wird Hitzearchitektur zur Poesie, werden traditionelle Windtürme zu skulpturalen Elementen einer neuen Formensprache. Es ist diese Verbindung von Schönheit und Funktion, die unsere Zunft seit jeher auszeichnet – und die wir gerade jetzt nicht aus den Augen verlieren dürfen.

Vom Großen ins Kleine

Während in Venedig über die Zukunft der Architektur philosophiert wird, suchen Millionen von Menschen nach konkreten Lösungen für ihre überhitzten Wohnungen. Unser Artikel über kühlende Wärmepumpen zeigt, dass viele Hausbesitzer bereits über die Technologie verfügen, sie nur noch nicht richtig nutzen. Die Fußbodenheizung, die im Winter für warme Füße sorgt, kann im Sommer zur sanften Kühlung beitragen – ganz ohne zusätzliche Klimaanlage.

Diese pragmatische Herangehensweise ist typisch für unsere Zeit: Wir müssen nicht auf die perfekte Lösung warten, sondern können mit dem arbeiten, was bereits vorhanden ist. Das gilt auch für die Ausbildung der nächsten Generation: Neue Studiengänge bereiten angehende Architektinnen und Architekten gezielt auf die klimatischen Herausforderungen vor. Von Leipzig bis Luzern entstehen Curricula, die Klimaanpassung nicht als Zusatzmodul, sondern als integralen Bestandteil der Ausbildung begreifen.

Die Weisheit der Einfachheit

Besonders fasziniert hat mich bei der Vorbereitung dieser Ausgabe die Renaissance eines fast vergessenen Kulturguts: Der Fächer erlebt als analoges Kühlgerät ein bemerkenswertes Comeback. Von Rihanna bis zu den Besuchern der Tennisturniere in Wimbledon – überall sieht man wieder Menschen, die sich mit eleganten Handbewegungen Luft zufächeln. Es ist eine stille Revolution gegen die Technologiegläubigkeit unserer Zeit, ein Plädoyer für die Kraft einfacher Lösungen.

Diese Rückbesinnung auf bewährte Prinzipien sollte uns zu denken geben. Nicht jede Antwort auf die Klimakrise muss hochtechnologisch sein. Manchmal liegt die Lösung in der Wiederentdeckung traditioneller Techniken, in der klugen Anpassung überlieferter Praktiken an moderne Bedürfnisse. Der Fächer ist dabei nur die sichtbarste Manifestation eines größeren Trends: der Suche nach resilienten, stromlosen, wartungsarmen Lösungen.

Wenn Algorithmen das Klima retten

Gleichzeitig – und das macht unsere Zeit so spannend – erleben wir technologische Durchbrüche, die noch vor wenigen Jahren undenkbar schienen. Künstliche Intelligenz entwickelt Kühlmaterialien, die Gebäude passiv kühlen können. Diese thermischen Meta-Emitter versprechen Temperaturreduktionen ohne Energieverbrauch – eine verlockende Vision für alle, die unter glühend heißen Dachgeschossen leiden.

Doch bei aller Begeisterung für solche Innovationen dürfen wir nicht vergessen: Technologie allein wird uns nicht retten. Es braucht einen ganzheitlichen Ansatz, der traditionelles Wissen mit modernen Möglichkeiten verbindet, der soziale Gerechtigkeit mitdenkt und der die Schönheit nicht der Effizienz opfert.

Ein Sommer der Möglichkeiten

Liebe Kolleginnen und Kollegen, dieser Sommer 2025 könnte ein Wendepunkt sein. Nicht weil die Temperaturen neue Rekorde brechen – das werden sie leider ohnehin. Sondern weil wir beginnen, die Hitze nicht mehr nur als Problem, sondern auch als Gestaltungsaufgabe zu begreifen. Weil wir lernen, mit dem Klima zu bauen statt gegen es. Weil wir verstehen, dass Resilienz nicht Verzicht bedeutet, sondern kreative Anpassung.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen inspirierenden Sommer. Mögen Sie in der Hitze die Muße finden, über neue Wege nachzudenken. Mögen Sie im Schatten eines Baumes sitzen und die kühlende Wirkung der Verdunstung am eigenen Leib erfahren. Und mögen Sie – warum nicht? – mit einem eleganten Fächer für sich selbst und andere eine kleine Brise erzeugen.

Bleiben Sie cool!

Ihr Stuart Stadler