
Die Alarmglocken läuten längst
Die österreichische Bauwirtschaft steuert auf einen perfekten Sturm zu. Was sich bereits 2022 abzeichnete, manifestiert sich nun in dramatischen Zahlen: Von einst 45.000 fertiggestellten Wohneinheiten sinkt die Prognose für 2025 auf magere 30.000 Einheiten – ein Rückgang von über 30 Prozent innerhalb von nur drei Jahren. Diese Entwicklung trifft nicht nur Bauträgerinnen und Bauträger, sondern erschüttert die gesamte Architektur- und Planungsbranche in ihren Grundfesten.
Berufspolitisches Versagen oder systemische Krise?
Die Bundeskammer der ZiviltechnikerInnen schlägt seit Monaten Alarm. „Wir erleben keine konjunkturelle Delle, sondern eine strukturelle Krise“, betont Kammerpräsident Rudolf Kolbe in einem aktuellen Statement. Die Zahlen geben ihm recht: Während die Bevölkerung in den Ballungsräumen Wien, Graz und Linz weiter wächst, kommt der Wohnbau nahezu zum Erliegen.
Die Ursachen sind vielschichtig und berufspolitisch höchst brisant. Einerseits haben explodierende Baukosten – getrieben durch Materialknappheit und gestiegene Energiepreise – die Kalkulationen vieler Projekte obsolet gemacht. Andererseits ersticken komplexe gesetzliche Auflagen und langwierige Widmungsverfahren jede unternehmerische Initiative bereits im Keim. „Wir regulieren uns zu Tode“, kritisiert eine Wiener Architektin, die anonym bleiben möchte, „während gleichzeitig der soziale Wohnbau faktisch eingestellt wurde.“
Die HOAI-Debatte flammt wieder auf
In diesem Kontext gewinnt die nie ganz verstummte Diskussion um angemessene Honorare neue Brisanz. Die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) wurde zwar durch EU-Recht in ihrer Verbindlichkeit beschnitten, doch zeigt sich gerade jetzt, welche Folgen der Preiswettbewerb nach unten hat. Planungsbüros kalkulieren mit Dumpingpreisen, um überhaupt noch Aufträge zu erhalten – bei gleichzeitig steigenden Haftungsrisiken und verschärften Nachhaltigkeitsanforderungen.
Der Verband der Ziviltechnikerinnen und Ziviltechniker fordert daher eine Renaissance der Orientierungshonorare. „Qualität hat ihren Preis“, argumentiert Verbandssprecherin Maria Schneider. „Wenn wir weiterhin Architekturleistungen unter Wert verkaufen, gefährden wir nicht nur die wirtschaftliche Existenz unserer Mitglieder, sondern auch die Baukultur insgesamt.“
Widmungsverfahren als Flaschenhals
Ein besonders heikles berufspolitisches Thema sind die verzögerten Widmungsverfahren. Was einst sechs Monate dauerte, zieht sich heute über Jahre. Die Gründe sind vielfältig: Personalmangel in den Behörden, komplexere Umweltauflagen, verstärkte Bürgerbeteiligung. Letztere ist demokratiepolitisch erwünscht, führt aber zu endlosen Einspruchsverfahren.
Die Länderarchitektenkammern haben hierzu einen bemerkenswerten Vorstoß gewagt: Sie fordern die Einführung von „Fast-Track-Verfahren“ für sozialen Wohnbau. „Wir müssen zwischen Luxusprojekten und dringend benötigtem leistbarem Wohnraum unterscheiden“, erklärt der steirische Kammerpräsident. Ein mutiger Vorschlag, der jedoch auf erheblichen Widerstand stößt – nicht zuletzt bei jenen Kolleginnen und Kollegen, die im hochpreisigen Segment tätig sind.
Die Allianz-Forderung: Mehr als nur Rhetorik?
Wenn Wirtschaftsverbände und Politik eine „Allianz für den Wohnbau“ fordern, klingt das zunächst nach den üblichen Sonntagsreden. Doch diesmal scheint mehr dahinterzustecken. Konkret im Raum stehen steuerliche Anreize, vereinfachte Verfahren und – besonders umstritten – gelockerte Nachhaltigkeitsstandards für den sozialen Wohnbau.
Hier zeigt sich ein fundamentaler Zielkonflikt der Berufsvertretung: Einerseits pochen Architekten- und Ingenieurkammern auf hohe ökologische Standards, andererseits gefährden eben diese Standards die Wirtschaftlichkeit vieler Projekte. „Wir können nicht gleichzeitig Passivhausstandard fordern und uns über fehlenden leistbaren Wohnraum wundern“, provoziert ein Tiroler Bauingenieur in einer Kammerversammlung.
ESG-Kriterien und Realitätsverweigerung
Die neuen ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) verschärfen die Situation zusätzlich. Banken vergeben Kredite zunehmend nur noch für nachhaltige Projekte – eine löbliche Entwicklung, die jedoch die Finanzierung konventioneller Wohnbauten erschwert. Die Berufsverbände stehen hier vor einem Dilemma: Sie haben diese Entwicklung jahrelang gefordert und gefördert, müssen nun aber erkennen, dass die Umsetzung den Wohnbau zusätzlich verteuert.
Ein Wiener Projektentwickler bringt es auf den Punkt: „Wir haben die schönsten Nachhaltigkeitskonzepte, aber niemand kann sie sich leisten.“ Diese Aussage mag polemisch sein, trifft aber einen wunden Punkt der berufspolitischen Debatte.
Fachkräftemangel als zusätzlicher Brandbeschleuniger
Als wäre die Lage nicht schon angespannt genug, verschärft der Fachkräftemangel die Krise zusätzlich. Sowohl in Planungsbüros als auch auf Baustellen fehlt qualifiziertes Personal. Die Kammern reagieren mit Nachwuchskampagnen und fordern erleichterte Anerkennungsverfahren für ausländische Fachkräfte. Doch diese Maßnahmen greifen zu kurz und zu langsam.
Besonders brisant: Viele junge Architektinnen und Architekten wandern in andere Branchen ab. Die Kombination aus schlechter Bezahlung, hohem Arbeitsdruck und unsicheren Zukunftsperspektiven macht den Beruf zunehmend unattraktiv. „Wir bilden für die Arbeitslosigkeit aus“, klagt eine Professorin der TU Wien.
Der Blick nach vorn: Reform oder Revolution?
Die österreichische Architektur- und Baubranche steht an einem Scheideweg. Entweder gelingt es, durch beherzte Reformen die Rahmenbedingungen grundlegend zu verbessern, oder wir erleben eine Marktbereinigung ungekannten Ausmaßes. Die Berufsverbände müssen hier ihrer Verantwortung gerecht werden und über Partikularinteressen hinausdenken.
Konkret bedeutet das: Schluss mit der Kleinstaaterei zwischen Bundes- und Länderkammern. Her mit einem nationalen Aktionsplan, der Verfahrensbeschleunigung, Kostensenkung und Qualitätssicherung gleichermaßen im Blick hat. Und vor allem: Weg von der Verwaltung des Mangels, hin zur aktiven Gestaltung der Zukunft.
Die Zeit drängt. Während wir diskutieren, fehlen täglich mehr Wohnungen. Während wir regulieren, gehen Betriebe pleite. Und während wir auf die perfekte Lösung warten, verschärft sich die soziale Krise in unseren Städten. Es ist höchste Zeit, dass die Berufsvertretung ihrer berufspolitischen Verantwortung gerecht wird – mit Mut, Pragmatismus und dem Blick fürs Wesentliche: bezahlbaren Wohnraum für alle.

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