
Ostalgie? Von wegen! Diese DDR-Pläne sind brandaktuell
In den Planungsbüros wurde mit den weltweit üblichen Arbeitsutensilien gearbeitet. Doch was Architektinnen und Architekten der DDR daraus machten, zeigt die aktuelle Ausstellung “Pläne und Träume – Gezeichnet in der DDR” in der Tchoban Foundation als faszinierendes Spannungsfeld zwischen normierter Bauplanung und individueller Vision. Vom 24. Mai bis zum 7. September 2025 präsentiert das Museum für Architekturzeichnung in Berlin-Prenzlauer Berg über 140 Arbeiten, die eine alternative Baugeschichte der DDR erzählen – 35 Jahre nach dem Mauerfall.
Die kuratorische Leistung von Wolfgang Kil und Dr. Kai Drewes beeindruckt durch ihre Vielschichtigkeit. Markante Zeichnungen, die für konkrete Bauaufgaben in unterschiedlichen Phasen der DDR-Baugeschichte entstanden, werden spannungsvoll kontrastiert mit privaten Zeichenblättern, die oft über ganz anders gelagerte Visionen und Reflexionen Auskunft geben: hier Auftragsbilder, da Wunschproduktion! Diese Gegenüberstellung offenbart eine bisher kaum beachtete Dimension ostdeutscher Architekturgeschichte.
Berliner Träume auf Transparentpapier
Die Ausstellung dokumentiert eindrucksvoll, wie Berliner Architekturbüros trotz zentralistischer Vorgaben kreative Freiräume suchten. Lutz Brandts “Balkonträumereien 2” von 1983 steht exemplarisch für diese stille Rebellion gegen die Normierung. Während offiziell Plattenbauten das Stadtbild prägten, entstanden auf Transparentpapier fantastische Visionen urbaner Lebensräume, die erst jetzt ihre Würdigung erfahren.
Besonders erhellend sind die gezeigten Arbeiten aus dem Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) in Erkner, dem wichtigsten Archiv für ostdeutsche Architekturgeschichte. Dieter Bankerts Vogelschau des Berliner Stadtzentrums von 1976 oder Leopold Wiels Wettbewerbsbeitrag für den Dresdner Kulturpalast von 1960 zeigen eine gestalterische Ambition, die weit über die realisierten Projekte hinausging.
Regionale Besonderheiten der Hauptstadt-Moderne
Die Berliner Baukultur der DDR-Zeit war geprägt von einem spezifischen Spannungsverhältnis: Als Hauptstadt musste Ost-Berlin repräsentative Staatsarchitektur hervorbringen, gleichzeitig sollte sie Modell für sozialistische Wohnkonzepte sein. Viele Zeichnungen gingen über die reine Visualisierung offizieller Bauaufträge hinaus: Sie waren Ausdruck individueller Träume, künstlerischer Reflexion und stiller Kritik.
Die Ausstellung zeigt, wie Berliner Architekten mit dieser Doppelrolle umgingen. Während in Marzahn und Hellersdorf industrialisierte Großsiedlungen entstanden, experimentierten Planerinnen und Planer auf dem Papier mit organischen Stadtlandschaften und durchgrünten Wohnquartieren. Diese Entwürfe lesen sich heute wie Vorläufer aktueller Konzepte zur klimagerechten Stadtentwicklung.
Brandenburger Verflechtungen
Die regionale Dimension der Schau erstreckt sich über Berlin hinaus. Das IRS in Erkner fungierte als zentrales Planungsinstitut für die gesamte Region. Die dort archivierten Zeichnungen dokumentieren auch die Entwicklung der Brandenburger Industriestädte wie Eisenhüttenstadt oder Schwedt. Diese regionalen Verflechtungen zeigen, wie eng die Berliner Architekturszene mit dem Umland verbunden war – eine Beziehung, die nach 1990 weitgehend gekappt wurde und erst heute langsam wiederentdeckt wird.
Die Mechanismen des Vergessens und Wiederentdeckens
Viele junge Architekt*innen seien damals mit hochgesteckten Zielen in eine Berufspraxis geraten, in der kreatives Entwerfen auf Kosten radikal technisierter Bauprozesse und Sparvorgaben ging. Diese Diskrepanz zwischen Ausbildung und Praxis, zwischen Vision und Realität, prägte eine ganze Generation von Bauschaffenden. Dass ihre künstlerischen Ambitionen erst jetzt gewürdigt werden, hat mehrere Gründe.
Nach 1990 dominierte in Berlin der Wunsch nach radikaler Erneuerung. DDR-Architektur galt pauschal als Manifestation eines gescheiterten Systems. Diese reflexhafte Ablehnung verhinderte lange eine differenzierte Auseinandersetzung. Hinzu kam, dass viele Architektinnen und Architekten der DDR nach der Wende ihre Büros schließen mussten oder in untergeordnete Positionen gedrängt wurden. Ihre Archive verschwanden in Kellern oder wurden entsorgt.
Aktuelle Relevanz für die Metropolregion
Die späte Würdigung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Berlin und Brandenburg vor enormen städtebaulichen Herausforderungen stehen. Die Wohnungsnot zwingt zum Umdenken im Umgang mit dem Bestand. Plötzlich erscheinen DDR-Großsiedlungen nicht mehr als Abrisskandidaten, sondern als wertvolle Ressource. Die in der Ausstellung gezeigten, nie realisierten Nachverdichtungskonzepte aus den 1980er Jahren könnten Impulse für aktuelle Planungen liefern.
Besonders brisant: Die dokumentierten Experimente mit vorgefertigten Bauelementen und industrialisiertem Bauen gewinnen angesichts des Fachkräftemangels neue Aktualität. Was damals aus ideologischen Gründen forciert wurde, könnte heute aus praktischen Erwägungen Renaissance erleben – allerdings unter völlig anderen Vorzeichen.
Landesspezifische Förderung der Neubewertung
Die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat die Bedeutung dieser Archivbestände erkannt. Mit der Förderung des IRS und verschiedener Digitalisierungsprojekte wird die Sicherung dieses kulturellen Erbes vorangetrieben. Auch die Architektenkammer Berlin engagiert sich zunehmend für die Aufarbeitung der DDR-Baugeschichte. Diese institutionelle Unterstützung war überfällig und zeigt, dass die Neubewertung kein nostalgisches Projekt Einzelner ist, sondern gesellschaftliche Relevanz besitzt.
Die Tchoban Foundation als privat finanzierte Institution spielt dabei eine Schlüsselrolle. Sie schafft einen neutralen Raum für die Auseinandersetzung, frei von staatlichen Vorgaben oder ideologischen Prämissen. Diese Konstellation – öffentliche Archive, private Präsentation, wissenschaftliche Aufarbeitung – ermöglicht erst die differenzierte Betrachtung.
Ein überfälliger Perspektivwechsel
Die Schau fragt dabei explizit: Was unterscheidet das zeichnerische Arbeiten von DDR-Architektinnen und -Architekten vom globalen Standard? Die Antwort liegt weniger in der Technik als im Kontext: Nirgendwo sonst mussten Planerinnen und Planer so konsequent zwischen offizieller Linie und persönlicher Vision navigieren.
Die Ausstellung markiert einen Wendepunkt. Sie zeigt, dass die späte Würdigung kein Versäumnis war, sondern historische Notwendigkeit. Es brauchte den zeitlichen Abstand, um Propaganda von Poesie zu trennen. Es brauchte eine neue Generation von Kuratorinnen und Kuratoren ohne biografische Verstrickungen. Und es brauchte die Dringlichkeit aktueller Krisen, um den Wert des Vorhandenen zu erkennen.
Berlin vollzieht damit einen wichtigen Schritt von der Verdrängung zur Integration seiner gesamten Baugeschichte. Die Frage “Wieso erst jetzt?” beantwortet sich beim Ausstellungsbesuch von selbst: Manchmal braucht es eine Generation, um Geschichte in Kultur zu verwandeln.
Ausstellungsdetails: “Pläne und Träume – Gezeichnet in der DDR” Tchoban Foundation – Museum für Architekturzeichnung Christinenstraße 18a, 10119 Berlin 24. Mai – 7. September 2025 Mo–Fr: 14–19 Uhr, Sa–So: 13–17 Uhr Eintritt: 6€ / ermäßigt 4€ http://www.tchoban-foundation.de

EU Wohnungsplan 2025: 43 Milliarden Euro gegen die europäische Wohnungskrise

Haus der Geschichte: Wenn Demokratie zum Erlebnispark wird









