Baukunst - Soziale Utopie oder Ghetto? Der Plattenbau im Spiegel der Kunst
Plattenbau? © Baukunst.art

Soziale Utopie oder Ghetto? Der Plattenbau im Spiegel der Kunst

24.09.2025
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Claudia Grimm

Platte als Projektionsfläche

Zwischen Utopie und Alltag – eine Spurensuche

Die Platte polarisiert. Noch immer. Während westdeutsche Feuilletons gerne von „Betonwüsten“ sprechen, leben allein in Brandenburg über 400.000 Menschen in den industriell gefertigten Wohnbauten der DDR-Zeit. Das Kunsthaus DAS MINSK in Potsdam wagt nun einen differenzierten Blick auf dieses architektonische Erbe: Die Ausstellung „Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau“ versteht den Plattenbau nicht als architektonisches Relikt, sondern als lebendigen kulturellen Resonanzraum, der bis heute Fragen von Zugehörigkeit, Gemeinschaft und gesellschaftlicher Transformation aufwirft.

Gastkurator Kito Nedo hat für die vom 6. September 2025 bis 8. Februar 2026 laufende Schau rund 50 Positionen versammelt – von Karl-Heinz Adlers konstruktivistischen Arbeiten der 1970er Jahre bis zu Henrike Naumanns raumgreifenden Installationen der Gegenwart. Diese zeitliche Spannweite ist programmatisch: Der Plattenbau wird hier nicht als abgeschlossenes Kapitel der Architekturgeschichte behandelt, sondern als fortdauernde Herausforderung für Stadtentwicklung und kollektives Gedächtnis.

Brandenburgs besondere Plattenbau-Realität

In Brandenburg hat die Debatte um den Plattenbau eine besondere Brisanz. Städte wie Cottbus, Frankfurt (Oder) oder Brandenburg an der Havel bestehen zu erheblichen Teilen aus industriell gefertigten Wohnbauten. Die Landesbauordnung Brandenburg musste sich in den vergangenen Jahren intensiv mit Fragen der energetischen Sanierung, des barrierefreien Umbaus und der demografieangepassten Nachnutzung auseinandersetzen. Das Land fördert seit 2020 gezielt die Aufwertung von Plattenbauquartieren – nicht deren Abriss, sondern deren Transformation zu zeitgemäßen Wohnformen steht im Fokus.

Diese regionale Perspektive spiegelt sich in der Ausstellung wider. Sabine Moritz‘ großformatige Malereien zeigen die Plattenbausiedlung Drewitz bei Potsdam – heute als „Gartenstadt Drewitz“ ein Vorzeigeprojekt energetischer und sozialer Stadterneuerung. Sonya Schönbergers fotografische Arbeiten dokumentieren den Alltag in Brandenburger Plattenbausiedlungen mit einem ethnografischen Blick, der weder romantisiert noch dämonisiert. Die Berliner Fotografin Sibylle Bergemann hatte bereits in den 1970er und 80er Jahren das Leben in Marzahn und Hellersdorf festgehalten – ihre Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen Menschen, die sich ihre standardisierten Wohnungen individuell aneignen.

Architektur als soziale Skulptur

Der kuratorische Ansatz Nedos behandelt den Plattenbau konsequent als „soziale Skulptur“ im Beuys’schen Sinne. Die ausgestellten Werke thematisieren weniger die baulichen Strukturen als vielmehr die sozialen Prozesse, die sich in und um sie herum abspielen. Markus Drapers Videoarbeiten etwa untersuchen die Soundscapes von Plattenbausiedlungen – das charakteristische Hallen in den Treppenhäusern, die Geräuschübertragung durch die dünnen Wände, aber auch die akustische Gemeinschaft, die daraus entsteht.

Ruth Wolf-Rehfeldts Typewritings aus den 1970er Jahren, entstanden in einer Plattenbau-Wohnung in Berlin-Karlshorst, zeigen die subversive Kraft künstlerischer Produktion unter beengten Wohnverhältnissen. Manfred Pernices skulpturale Arbeiten hingegen dekonstruieren die modulare Logik des Plattenbaus und führen sie ad absurdum – seine aus Spanplatten und Fundstücken zusammengefügten Objekte wirken wie dystopische Miniaturmodelle gescheiterter Wohnutopien.

Plattenbau als Laboratorium der Moderne

Die Ausstellung macht deutlich: Der Plattenbau war und ist ein Laboratorium der Moderne. In der DDR sollte er nicht weniger als eine neue Gesellschaft hervorbringen – kollektiv, egalitär, fortschrittlich. Harald Metzkes‘ Gemälde aus den 1980er Jahren zeigen die Ambivalenz dieses Versprechens: Seine Interieurs wirken gleichzeitig intim und entfremdet, die dargestellten Figuren scheinen in ihren genormten Räumen gefangen und doch zuhause.

Diese Ambivalenz prägt auch die aktuelle Debatte. Während in westdeutschen Großstädten über bezahlbaren Wohnraum diskutiert wird, bietet der ostdeutsche Plattenbau genau das: günstige, oft gut geschnittene Wohnungen mit funktionierender Infrastruktur. Die Potsdamer Stadtverwaltung hat erkannt, dass die Plattenbaugebiete Am Stern und Drewitz nicht Problem-, sondern Potenzialräume sind. Mit dem Integrierten Stadtentwicklungskonzept 2035 werden diese Quartiere als „Reallabore für sozial-ökologische Transformation“ definiert.

Kritische Würdigung ohne Nostalgie

Henrike Naumanns raumgreifende Installation „Ostalgie“ persifliert die romantisierende Verklärung der DDR-Wohnkultur. Ihre mit originalen Schrankwänden und Couchgarnituren ausgestatteten Environments zeigen die Plattenbau-Wohnung als Bühne für rechtsextreme Ideologien – ein unbequemer, aber notwendiger Kommentar zur aktuellen politischen Situation in vielen ostdeutschen Plattenbaugebieten.

Die Stärke der Ausstellung liegt in dieser Vielstimmigkeit. Sie vermeidet sowohl die pauschale Verdammung als auch die nostalgische Verklärung des Plattenbaus. Stattdessen zeigt sie ihn als das, was er ist: ein komplexes architektonisches und soziales Phänomen, das Millionen von Biografien geprägt hat und weiter prägt.

Übertragbare Lehren für die Gegenwart

Für Architektinnen und Stadtplaner bietet die Ausstellung wichtige Denkanstöße. Die modulare Bauweise, die standardisierte Produktion, die Trennung von Tragwerk und Ausbau – all das sind Prinzipien, die angesichts der Wohnungskrise und Klimakrise neue Aktualität gewinnen. Die Bundesstiftung Baukultur hat 2024 in ihrem Baukulturbericht explizit auf die Potenziale der Plattenbaubestände hingewiesen: energetische Sanierung statt Abriss, Nachverdichtung statt Neubau, soziale Mischung statt Segregation.

Der zweisprachige Ausstellungskatalog (DISTANZ Verlag) dokumentiert diese Perspektiven umfassend. Mit Essays, einem Glossar und einer Chronik zur Geschichte der Plattenbauarchitektur wird er zum Standardwerk für alle, die sich differenziert mit diesem Erbe auseinandersetzen wollen.

Fazit: Mehr als eine Ausstellung

„Wohnkomplex“ ist mehr als eine Kunstausstellung – es ist ein Beitrag zur überfälligen Neubewertung des baukulturellen Erbes der DDR. Für Brandenburg und die anderen neuen Bundesländer ist das von existenzieller Bedeutung. Denn die Zukunft dieser Regionen wird auch davon abhängen, wie kreativ und respektvoll mit den Plattenbaubeständen umgegangen wird. Das MINSK zeigt: Der Plattenbau ist kein Ballast der Vergangenheit, sondern ein Experimentierfeld für die Stadt von morgen.

Ausstellungsdetails für Ihren Besuch

„Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau“

Laufzeit: 6. September 2025 – 8. Februar 2026

Ort: DAS MINSK Kunsthaus Potsdam Max-Planck-Straße 17, 14473 Potsdam

Öffnungszeiten:

  • Mittwoch bis Montag: 10:00 – 19:00 Uhr
  • Dienstag: geschlossen
  • An Feiertagen: 10:00 – 19:00 Uhr

Eintritt:

  • Regulär: 10 Euro
  • Ermäßigt: 7 Euro (Studierende, Auszubildende, Schwerbehinderte)
  • Familienkarte: 20 Euro (2 Erwachsene + Kinder bis 18 Jahre)
  • Freier Eintritt: Kinder unter 7 Jahren, Mitglieder des Freundeskreises
  • MinskDay: Jeden ersten Mittwoch im Monat freier Eintritt für alle

Führungen:

  • Öffentliche Führungen: Samstags 15:00 Uhr, Sonntags 11:00 Uhr
  • Kuratorenführung mit Kito Nedo: 14. September 2025, 16:00 Uhr
  • Architekturführungen: Jeden ersten Sonntag im Monat, 14:00 Uhr
  • Gruppenführungen: Nach Voranmeldung unter bildung@dasminsk.de

Rahmenprogramm:

  • Artist Talks mit Henrike Naumann (Oktober 2025) und Sonya Schönberger (November 2025)
  • Symposium „Plattenbau reloaded“: 15. November 2025
  • Filmreihe „Leben in der Platte“: Oktober – Dezember 2025
  • Workshops für Architekturstudierende: Termine auf Anfrage

Anreise:

  • Mit ÖPNV: Tram 96 bis „Campus Jungfernsee“ oder Bus 605 bis „Max-Planck-Straße“
  • Mit dem Auto: A115, Ausfahrt Potsdam-Babelsberg, Parkplätze vorhanden
  • Mit dem Fahrrad: Direkt am Radweg Berlin-Kopenhagen gelegen

Barrierefreiheit: Das MINSK ist vollständig barrierefrei zugänglich. Induktionsschleifen und Audioguides verfügbar.

Katalog: „Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau“ DISTANZ Verlag, 240 Seiten, deutsch/englisch Museumsausgabe: 35 Euro ISBN: 978-3-95476-XXX-X

Kontakt: DAS MINSK Kunsthaus Potsdam Tel: +49 331 236014-699 E-Mail: info@dasminsk.de Web: www.dasminsk.de

Begleitende Architekturtouren: Die Brandenburgische Architektenkammer bietet begleitend zur Ausstellung Exkursionen in Potsdamer Plattenbaugebiete an: