
Zwischen Erbe und Gegenwart: Ein Festival sucht Antworten
Die Triennale der Moderne 2025 hätte kaum einen treffenderen Titel wählen können. „Zerrissene Moderne(n)“ – das klingt nach Bruch, nach unvollendeten Projekten, nach dem ewigen Kampf zwischen Vision und Realität. Vom 25. September bis 14. Dezember 2025 wagen Weimar, Dessau und Berlin einen schonungslosen Blick auf ihr modernes Erbe. Es ist eine Bestandsaufnahme, die längst überfällig war.
Der Auftakt in der Landesvertretung Sachsen-Anhalts beim Bund gerät dabei zur programmatischen Standortbestimmung. Wenn Posaunenquartette Kurt Weills Dreigroschenoper intonieren, während Soziologinnen und Soziologen über die Moderne als unvollendetes Projekt philosophieren, manifestiert sich die grundlegende Ambivalenz: Hier trifft das kulturelle Erbe auf politische Realitäten, hier prallen regionale Identitäten auf globale Ansprüche.
Drei Städte, drei Schicksale: Regionale Eigenarten der Moderne
Weimar: Zwischen klassischem Erbe und modernem Trauma
Weimar trägt schwer an seiner Geschichte. Die Stadt der deutschen Klassik wurde zur Geburtsstätte des Bauhauses – und zu dessen erstem Verbannungsort. Diese doppelte Identität prägt bis heute die lokale Planungskultur. Die Thüringer Landesbauordnung spiegelt diesen Zwiespalt: Denkmalschutz genießt höchste Priorität, während zeitgenössische Architektur oft argwöhnisch beäugt wird.
Die Klassik Stiftung Weimar navigiert geschickt zwischen diesen Polen. Stephan Dahme, Kustode der Moderne-Sammlung, steht vor der Herausforderung, das Bauhaus-Erbe in einer Stadt zu vermitteln, die ihre moderne Geschichte lange verdrängte. Die regionalen Förderstrukturen konzentrieren sich hauptsächlich auf Kulturtourismus und Denkmalpflege – innovative Baukultur findet kaum Unterstützung. Das Ergebnis: Eine Stadt, die ihr modernes Erbe musealisiert statt weiterzuentwickeln.
Dessau: Industrielles Erbe trifft demografischen Wandel
Dessau-Roßlau kämpft mit anderen Dämonen. Die einstige Bauhaus-Hochburg in Sachsen-Anhalt verlor seit 1990 fast die Hälfte ihrer Einwohnerinnen und Einwohner. Hier manifestiert sich die „zerrissene Moderne“ in leerstehenden Plattenbauten und schrumpfenden Quartieren. Barbara Steiner, Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau, muss das weltberühmte Erbe in einer Stadt vermitteln, die mit existenziellen Zukunftsfragen ringt.
Die Landesbauordnung Sachsen-Anhalts ermöglicht experimentellere Ansätze als in Thüringen. Pilotprojekte zur Nachnutzung industrieller Brachen entstehen, gefördert durch das Landesprogramm „Modern denken“. Dennoch: Die regionalen Handwerkstraditionen schwinden, Fachkräfte fehlen. Das berühmte Bauhausgebäude steht inmitten einer Stadt, die ihre eigene Moderne-Vision sucht.
Berlin: Metropole der Widersprüche
Berlin präsentiert sich als selbstbewusste Moderne-Metropole, doch auch hier zeigen sich Risse. Die sechs UNESCO-Welterbesiedlungen der Moderne stehen unter enormem Gentrifizierungsdruck. Die Hufeisensiedlung feiert 2025 ihr hundertjähriges Bestehen – während ringsum Mietpreise explodieren und soziale Milieus verdrängt werden.
Petra Kahlfeldt, Senatsbaudirektorin, steht vor der Quadratur des Kreises: Wie bewahrt eine wachsende Metropole ihr modernes Erbe, ohne es zur Kulisse für Besserverdienende verkommen zu lassen? Die Berliner Bauordnung ermöglicht zwar verdichtetes Bauen, doch die Gestaltungsbeiräte ringen um jeden Quadratmeter. Das Landesdenkmalamt Berlin, vertreten durch Stephanie Otto, setzt auf partizipative Ansätze – ein Novum in der oft autoritären Denkmalpflege.
Das Motto als Spiegel: Politische Verwerfungen und kulturelle Identität
Wolfgang Knöbl, Direktor des Hamburger Instituts für Sozialforschung, trifft einen wunden Punkt: Die Moderne als Epochenbegriff entstand erst in den späten 1960er Jahren – als Reaktion auf deren erstes Scheitern. Heute, nach den jüngsten Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen-Anhalt, gewinnt das Motto „Zerrissene Moderne(n)“ brisante Aktualität.
Irina Scherbakowa, Memorial-Mitgründerin und Friedensnobelpreisträgerin, erweitert den Blick: Ihre Frage nach dem „Putinismus als zerrissener Postmoderne“ verknüpft regionale mit globalen Verwerfungen. Die erzwungene Migration des Bauhauses von Weimar nach Dessau 1925 spiegelt sich in heutigen Fluchtbewegungen. Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich – bitter.
Regionale Netzwerke und europäische Ambitionen
Die ETOM – European Triennial of Modernism – soll ab 2025 die regionale Veranstaltung in einen europäischen Kontext einbetten. Das New European Bauhaus fördert diesen Ansatz, doch die Umsetzung offenbart strukturelle Probleme: Während Berlin über internationale Netzwerke verfügt, kämpfen Weimar und Dessau um Anschluss. Die unterschiedlichen Förderstrukturen der Bundesländer erschweren gemeinsame Projekte.
Robert K. Huber von BHROX bauhaus reuse kuratiert den Auftakt mit Blick für diese Disparitäten. Seine Initiative verbindet Nachhaltigkeit mit Bauhaus-Erbe – ein Ansatz, der in allen drei Städten unterschiedlich rezipiert wird. Berliner Architektinnen und Architekten diskutieren über zirkuläres Bauen, während in Dessau erst grundlegende Sanierungen anstehen.
Handwerk und Digitalisierung: Regionale Kompetenzen im Wandel
Ein kritischer Punkt bleibt unterbelichtet: Die regionalen Handwerkstraditionen, einst Grundlage der Bauhaus-Pädagogik, erodieren. Thüringen verliert spezialisierte Restauratorinnen und Restauratoren, Sachsen-Anhalt kämpft mit Nachwuchsmangel im Bauhandwerk. Nur Berlin kann auf internationale Fachkräfte zurückgreifen.
Die Digitalisierung könnte Lösungen bieten, doch die Umsetzung stockt. Während das Bauhaus-Archiv Berlin digitale Archive aufbaut, fehlen in Weimar und Dessau oft basale IT-Infrastrukturen. Die föderale Struktur erweist sich als Innovationsbremse.
Ausblick: Moderne als ewige Baustelle
Die Triennale der Moderne 2025 diagnostiziert richtig: Die Moderne ist zerrissen, plural, unvollendet. Doch die therapeutischen Ansätze bleiben vage. Festivals und Konferenzen können Diskurse anstoßen, strukturelle Probleme lösen sie nicht.
Die drei Städte müssen ihre regionalen Stärken neu definieren: Weimar als Labor für Denkmalschutz und zeitgenössische Intervention, Dessau als Experimentierfeld für schrumpfende Städte, Berlin als Metropole sozialer Baukultur. Nur wenn lokale Akteurinnen und Akteure, Landespolitik und Bundesinitiativen verzahnt agieren, kann aus der zerrissenen eine versöhnte Moderne werden.
Die Musik Kurt Weills beim Auftakt mahnt: Zwischen Dreigroschenoper und amerikanischem Exil liegt eine Fluchtgeschichte. Die Moderne war nie nur Fortschrittsversprechen, sondern immer auch Verlusterfahrung. Diese Ambivalenz anzuerkennen, ohne in Nostalgie oder Zynismus zu verfallen – das wäre die eigentliche Leistung dieser Triennale.
Wo, Wann, Was: Die Fakten zur Triennale der Moderne 2025
Auftaktveranstaltung:
- Datum: Donnerstag, 25. September 2025, ab 17:00 Uhr
- Ort: Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt beim Bund, Luisenstraße 18, 10117 Berlin-Mitte
- Anmeldung: Erforderlich bis 22. September 2025 unter veranstaltungen@lv.stk.sachsen-anhalt.de
Festivalprogramm:
- Gesamtzeitraum: 25. September bis 14. Dezember 2025
- Schwerpunktwochenende Weimar und Dessau: 26. bis 28. September 2025
- Berliner Programm: Durchgehend bis Mitte Dezember
- 100 Jahre Hufeisensiedlung: Sonderveranstaltungen in Berlin-Britz
- ETOM2025pilot-Conference: 28. und 29. November 2025 in Berlin (Abschlussveranstaltung)
Kernprogramm des Auftakts: Die Veranstaltung beginnt mit Grußworten der Ländervertreterinnen und -vertreter, gefolgt von Kurt Weills Musik durch das Posaunenquartett der Anhaltischen Philharmonie Dessau. Wolfgang Knöbls Keynote zur „Zerrissenen Moderne“ bildet den theoretischen Rahmen, bevor die Programmverantwortlichen aus allen drei Städten ihre Schwerpunkte vorstellen. Die abschließende Podiumsdiskussion mit Irina Scherbakowa, Anke Blümm und Jörg Gleiter verspricht kontroverse Debatten über die Gegenwart der Moderne.
Information und Dokumentation: Programmbroschüren liegen in den Tourist-Informationen aller drei Städte sowie in den Berliner Festivalzentralen aus. Details unter www.triennale-der-moderne.de

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