Baukunst - Der Mann, der Denkmäler in Kraftwerke verwandelt: Zu Besuch bei Generalkonservator Pfeil
Sonnenstrom statt Münzprägung: Wenn ein Amt sein eigenes Dach zur Forschungsstation macht © Baukunst.art

Der Mann, der Denkmäler in Kraftwerke verwandelt: Zu Besuch bei Generalkonservator Pfeil

26.11.2025
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Stuart Rupert

Das Pilotprojekt: Forschung für die Zukunft der Denkmäler

Seit Ende September 2025 werkeln Solarteure und Dachdeckerinnen und Dachdecker auf dem Dach der Alten Münze im Herzen der Münchner Altstadt. Was dort entsteht, ist mehr als eine gewöhnliche Photovoltaikanlage: Es handelt sich um die erste großflächige Indach-Anlage aus sogenannten Solarbiberschwänzen auf einem Denkmal in Bayern. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD), das seit 1986 seinen Sitz in dem historischen Gebäude hat, nutzt dabei seinen gesetzlichen Forschungsauftrag zur Entwicklung von Pilotprojekten.

Das BLfD ist die Denkmalschutzbehörde des Freistaats Bayern und betreut rund 110.000 Denkmäler. Zu seinen Kernaufgaben gehören Restaurierungswissenschaften, Beratung und Materialforschung. Die Entwicklung von Solarbiberziegeln für herausgehobene Denkmäler gehört zu diesem Forschungsauftrag. Vergleichbare Lösungen gab es bislang nicht.

Die rechtliche Grundlage: Novellierung des Denkmalschutzgesetzes 2023

Mit der Novelle des Gebäudeenergiegesetzes (GEG § 105) im Jahr 2023 erhielt die Gewinnung erneuerbarer Energien einen besonderen Vorrang. Bayern reagierte darauf mit einer Änderung des Denkmalschutzgesetzes. Heute wird Denkmaleigentümerinnen und Denkmaleigentümern ein Rechtsanspruch auf die Errichtung denkmalgerechter Photovoltaikanlagen eingeräumt. Die Mehraufwendungen gegenüber normalen Anlagen werden gefördert.

Bei nur etwa 1,5 Prozent des Gesamtgebäudebestands und bei der Bedeutung von Denkmälern, die nach Artikel 141 der Bayerischen Verfassung Verfassungsrang genießen, ist diese Regelung angemessen und vertretbar. Die Bilanz nach zwei Jahren: 2,8 Millionen Euro Fördermittel wurden bewilligt und rund 500 Beratungsfälle bearbeitet.

Die technische Lösung: Solarbiber als Innovation

Das Projekt beruht auf einer eleganten Lösung: Statt standardisierter schwarzer Solarmodule kommen speziell entwickelte Photovoltaikelemente zum Einsatz, die wie traditionelle Biberschwanz-Dachschindeln wirken. Sie sind etwas dunkler gefärbt und mit Solarzellen ausgestattet. Im ornamentalen Übergang von Solar- und Terrakottabibern wird die architektonische Ausformulierung des Einklangs von Klima- und Denkmalschutz sichtbar.

In einem vom Landesamt für Denkmalpflege 2023 ausgerichteten Wettbewerb gewann der Entwurf des Architekten Prof. Florian Nagler den ersten Preis. Auf der Dachfläche wurden zunächst drei Musterflächen mit unterschiedlichen Anbietern des am Markt noch nicht beziehbaren „Solar-Biberschwanzziegels“ gesetzt, um deren Leistungsfähigkeit zu ermitteln und im Gespräch mit den Anbietern die richtige Lösung zu finden, die sich besonders gut für Photovoltaik eignen. Der Entwurf sieht vor, die oberen Teilflächen des Daches mit den eigens entwickelten Solarbibern zu bedecken, die dann zur Traufe hin in einem Muster auslaufen.

Ein wichtiger Hinweis: Solarmodule können von den Herstellern in jeder Form nach Fertigungszeichnungen individuell angefertigt werden. Es gibt keine Marktbegrenzung. Die Firmen, die beim Pilotprojekt Solarbiber angeboten haben, erkannten das Potenzial und konkurrierten bewusst um das Projekt.

Die Zahlen: Effizienz und Nachhaltigkeit

Die 385 Quadratmeter große PV-Anlage mit einer Leistung von 29,9 kWp wird nach 30 Jahren circa 319 Tonnen CO₂ und rund 10.000 Euro Stromkosten pro Jahr eingespart haben. Fast der gesamte Strom wird direkt im Gebäude genutzt: Die Eigenverbrauchsquote liegt bei 98 Prozent. Die Gesamtinvestitionskosten trägt das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst.

Die Frage nach einem Batteriespeicher wurde natürlich geprüft. Er schied jedoch wegen hoher Investitionskosten bei geringer Effizienz aus: Die Erhöhung des Eigenbedarfs hätte nur zwei Prozent betragen. Zudem ist die Lebenserwartung von Batteriespeichern gegenüber den Solarmodulen deutlich begrenzt.

Das Fördermodell: Unterstützung für private Denkmaleigentümer

Das Projekt hat Modellcharakter, und das bedeutet konkret: Private Eigentümerinnen und Eigentümer von denkmalgeschützten Gebäuden werden bei der Installation von Photovoltaikanlagen unterstützt. Das Fördermodell funktioniert so: Wenn bei der privaten Sanierung eines Denkmals die bestehende Dachdeckung – und das kann, je nach Denkmal, auch eine Biberschwanzdeckung sein – durch eine neue Photovoltaikdeckung in Biberschwanzform ersetzt wird, kann eine Förderung in Höhe der Mehrkosten zur normalen Deckung mit normaler Photovoltaik beantragt werden.
Die Förderung deckt die gesamten Mehrkosten gegenüber dem normalen Aufwand ab. Meist werden dann die Mehrkosten zu bis zu 100 Prozent vom BLfD übernommen; die absoluten Kosten für die Eigentümer sind dadurch gering. Und natürlich ist auch kein Denkmaleigentümer verpflichtet, eine Solaranlage zu installieren. Es soll lediglich sichergestellt sein, dass auch am Denkmal eine Teilhabe an der Gewinnung regenerativer Energien möglich ist. Seit 2023 wurde zudem die Mehrwertsteuer auf den Kauf von Solaranlagen auf null Prozent gesetzt, und die KfW bietet zusätzlich Sonderkonditionen an.

Das BLfD berät stets auf die verträglichste und wirtschaftlichste Lösung im Sinne der Steuerzahler. Solarbiber bleiben sicher eine Ausnahme für besonders herausgehobene Denkmäler. Beim BLfD gibt es ein eigenes Referat, das sich um die Beratung der Denkmaleigentümerinnen und Denkmaleigentümer kümmert.

Das historische Gebäude: Vom Hofmarstall zum Landesamt

Die Alte Münze selbst ist ein faszinierendes Palimpsest der Geschichte: 1563 als Hofmarstall und Kunstkammer für Herzog Albrecht V. von Bayern erbaut, von 1807 bis 1809 zur Königlichen Münzprägeanstalt umgebaut, im Zweiten Weltkrieg zu 70 Prozent zerstört und bis Ende 1952 wieder vollständig aufgebaut. Seit 1986 ist sie Sitz des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege. Die Arkaden und der Südteil, die heutige Säulenhalle, blieben im Krieg unbeschadet.

Ausgerechnet hier, auf diesem traditionsreichen Renaissancebau, kommen nun Solarbiberschwänze zum Einsatz. Die technisch hochmoderne Solaranlage wird so zum selbstverständlichen Bauteil des historischen Gebäudes. Die alten Biberschwänze, die vom Dach genommen werden, finden übrigens ein zweites Leben: Sie werden bei der Sanierung anderer Denkmäler wiederverwendet.

Ausblick: Vorbild für eine neue Umbaukultur

Prof. Mathias Pfeil, Generalkonservator des BLfD, betont: Die Novelle des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes 2023 hat Denkmalschutz und Klimaschutz zu einer Erfolgsgeschichte verbunden. Die PV-Anlage auf dem Dach der Alten Münze sei ein sichtbarer Beweis dafür. Sie vereine technische Innovation mit dem Schutz des kulturellen Erbes und diene als Inspirationsquelle und Forschungsplattform für künftige Projekte.

Das Projekt demonstriert, dass Denkmalschutz und Klimaschutz nicht im Antagonismus stehen müssen. Im Denkmalbereich ist die PV-Anlage ein Pilotprojekt mit doppelter Funktion: Ihre Vorbildfunktion für nachhaltiges Bauen mit gestalterischem Anspruch im sensiblen Stadtbild vereint sie mit ihrer Treiberfunktion für technische Innovation. Bei Montage, Materialwahl und Brandschutz wurden technische Standards weiterentwickelt. Das erworbene Wissen birgt Mehrwert über das Projekt hinaus.