
Eine Siedlung sucht ihre Zukunft
Am 19. November 2025 versammelten sich Anwohnerinnen und Anwohner, Planerinnen und Lokalpolitiker im Foyer der Leonore Goldschmidt Schule zu einem besonderen Termin. Drei Stunden lang sollte über die Zukunft des hannoverschen Stadtteils Mühlenberg diskutiert werden. Nicht irgendeine Informationsveranstaltung, sondern ein Planungsdialog, der Zwischenbilanz ziehen und gleichzeitig den Blick bis 2030 richten wollte.
Mühlenberg, gelegen im Südwesten der niedersächsischen Landeshauptstadt, ist eine dieser Großwohnsiedlungen, die zwischen 1965 und 1986 aus dem Boden gestampft wurden. Langgezogene Mehrfamilienhäuser mit bis zu fünfzehn Geschossen prägen das Bild. Rund 7.500 Menschen leben heute hier, viele von ihnen in prekären Verhältnissen. Der Stadtteil weist den höchsten Anteil an Einwohnerinnen und Einwohnern mit Migrationshintergrund in ganz Hannover auf. Die vierspurige Bornumer Straße zerschneidet das Quartier und trennt die Hochhaussiedlung am Canarisweg vom übrigen Gebiet.
Ein Jahrzehnt der Veränderung
Seit Ende 2014 ist Mühlenberg Teil der Städtebauförderung, zunächst im Programm ‚Soziale Stadt‘, seit 2020 im Nachfolgeprogramm ‚Sozialer Zusammenhalt‘. Bund und Länder haben dieses Instrument geschaffen, um benachteiligte Quartiere zu stabilisieren und aufzuwerten. Das Sanierungsgebiet umfasst etwa 72 Hektar und deckt sich nahezu mit den Stadtteilgrenzen.
Die Bilanz nach über zehn Jahren kann sich sehen lassen: Zwei große Spielplätze wurden erneuert, der Spielpark Mühlenberg aufgewertet. Bushaltestellen an der Bornumer Straße sind nun barrierefrei gestaltet. Eine neue Grünverbindung am Canarisweg schafft sicherere Wege für Fußgängerinnen und Radfahrer. Die Grundschule Mühlenberg wird bis 2026 komplett neu gebaut. Im Jahr 2025 stellte das Land Niedersachsen gemeinsam mit dem Bund rund 122 Millionen Euro für die gesamte Städtebauförderung im Land bereit. Davon fließen 4,3 Millionen Euro nach Hannover, wovon Mühlenberg einen erheblichen Teil erhält.
Die Architektur der Beteiligung
Seit 2016 begleitet eine Sanierungskommission den Prozess als politisches Gremium. Die 18 Plätze sind paritätisch besetzt: neun Mandatsträgerinnen und Mandatsträger aus dem Stadtbezirksrat Ricklingen oder dem Rat der Stadt Hannover, neun von den Parteien benannte Vertreterinnen und Vertreter aus dem Stadtteil selbst. Das Quartiersmanagement der städtischen Wohnungsgesellschaft hanova fungiert als Vermittlerin zwischen Verwaltung und Bevölkerung.
Doch die Frage drängt sich auf: Erreicht diese Struktur tatsächlich die Menschen, um die es geht? In einer Siedlung, in der viele Bewohnerinnen und Bewohner von Armut betroffen sind und besonderen sozialen Unterstützungsbedarf haben, ist die Schwelle zur Teilnahme an formellen Beteiligungsverfahren oft hoch. Sprachbarrieren, Arbeitszeiten, Kinderbetreuung, das Gefühl, ohnehin nicht gehört zu werden – all das kann Menschen davon abhalten, an einem Mittwochabend drei Stunden im Schulfoyer zu verbringen.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Die Bundespolitische Zentrale für politische Bildung bringt das Dilemma auf den Punkt: Partizipationsverfahren der Stadtplanung wecken Wünsche, die sie nicht erfüllen können. Sie sind in rechtsstaatlichen und repräsentativ demokratischen Verfahren organisiert, in die Bürgerinnen und Bürger formell nur durch Anhörungen eingebunden werden. Wenn zentrale Ursachen von Verdrängung in der Marktförmigkeit der Wohnraumversorgung liegen, kann auch die beste Bürgerbeteiligung daran zunächst wenig ändern.
In Mühlenberg zeigt sich dieses Spannungsfeld besonders deutlich. Einerseits stehen alteingesessene Eigentümerinnen und Eigentümer von Reihenhäusern und Bungalows, die seit Jahrzehnten die traditionellen Vereinsaktivitäten tragen. Andererseits leben in den Hochhäusern am Canarisweg junge, kinderreiche Familien mit Migrationshintergrund, deren Alltag von ganz anderen Sorgen geprägt ist. Beide Gruppen unter einen Hut zu bringen, ihre unterschiedlichen Bedürfnisse in einen gemeinsamen Planungsprozess zu übersetzen – das ist die eigentliche Herausforderung.
Die bauliche Dimension
Aktuell läuft eine umfangreiche Modernisierung der Großwohnsiedlung im Canarisweg. Die elf Gebäude mit insgesamt rund 560 Wohneinheiten stammen aus den 1970er Jahren und haben einen enormen Sanierungsbedarf. Eine vorbereitende Untersuchung aus dem Jahr 2008 hatte bereits festgestellt, dass viele Wohngebäude dringend modernisiert werden müssen.
Die Leonore Goldschmidt Schule, in deren Foyer der Planungsdialog stattfand, ist selbst ein Beispiel für den Wandel. Das ursprüngliche Schulgebäude aus den 1970er Jahren wurde schrittweise abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Mit einer Geschossfläche von etwa 30.000 Quadratmetern und rund 1.350 Schülerinnen und Schülern ist sie die größte Schule Hannovers. Die hanova hat den Neubau realisiert und vermietet ihn im Rahmen einer Öffentlich öffentlichen Partnerschaft langfristig an die Stadt.
Was noch fehlt
Der Planungsdialog stellte nicht nur die Erfolge dar, sondern fragte auch: An welchen Projekten fehlt es? Welche Vorhaben sind für die kommenden Jahre entscheidend? Das Mühlenberger Zentrum mit Marktplatz und Fußgängerzone soll neu gestaltet werden, um die Aufenthaltsqualität zu verbessern. Die für den Stadtteil notwendigen Funktionen wie Einkaufsmöglichkeiten, medizinische Versorgung und andere Dienstleistungen sollen gestärkt werden.
Besonders brisant bleibt die Verkehrssituation. Der Kreuzungsbereich Bornumer Straße, Beckstraße und Auffahrt zur Bundesstraße 65 soll sicherer und barrierefrei umgestaltet werden. Die Planung musste bereits mehrfach angepasst werden, weil die Abfahrt von der B65 verändert werden muss. Ein zähes Ringen mit der Landesverkehrsbehörde begleitet das Vorhaben.
Perspektiven bis 2030
Städtebauförderung ist als Impulsprogramm konzipiert, nicht als Dauereinrichtung. Das Ziel ist klar formuliert: die Akteure und Bewohnerinnen einer Nachbarschaft zu motivieren, Projekte anzustoßen und durch die Fortführung der Prozesse die Verstetigung sicherzustellen. In Mühlenberg wird bereits an einem Konzept gearbeitet, das die spezifische politische, räumliche und soziale Situation des Quartiers berücksichtigt.
Die Frage bleibt, ob nach dem Ende der Förderung genug Schwung entstanden sein wird, um den Stadtteil dauerhaft zu stabilisieren. Großwohnsiedlungen wie Mühlenberg tragen schwer an ihrem Erbe der autogerechten Stadt. Die Architektur der 1970er Jahre, mit ihrer Trennung von Wohnen und Verkehr, ihrer Gleichförmigkeit und ihrer oft mangelhaften Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum, lässt sich nicht durch ein Förderprogramm überwinden. Doch sie lässt sich verbessern, Stück für Stück, wenn die Menschen, die dort leben, tatsächlich mitreden dürfen.
Der Planungsdialog in der Leonore Goldschmidt Schule war ein kleiner Baustein in diesem langen Prozess. Ob er mehr war als eine ritualisierte Veranstaltung, wird sich erst zeigen, wenn die dort geäußerten Wünsche und Kritikpunkte tatsächlich in konkrete Maßnahmen münden. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Mühlenberg haben es verdient, dass ihre Stimmen nicht nur gehört, sondern auch ernst genommen werden.

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