Baukunst - Zurück in die Zukunft: Die Wiederbelebung der EH55 Förderung
Die Rückkehr zur EH55 Förderung: Pragmatismus auf Kosten der Klimaziele?

Zurück in die Zukunft: Die Wiederbelebung der EH55 Förderung

09.12.2025
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Berthold Bürger

Das Ende der Schubladenprojekte

Fast drei Jahre nach dem abrupten Förderstopp für den Effizienzhaus 55 Standard kehrt die Bundesregierung zu einer Förderpraxis zurück, die sie selbst einst als überholt bezeichnete. Ab dem 16. Dezember 2025 können Bauherrinnen und Bauherren wieder zinsverbilligte KfW Kredite für Neubauten im EH55 Standard beantragen. Das Fördervolumen beträgt zunächst 800 Millionen Euro, die Kredithöhe bis zu 100.000 Euro pro Wohneinheit. Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat die Mittel im Rahmen der Bereinigungssitzung am 14. November 2025 bewilligt.

Die Initiative von Bundesbauministerin Verena Hubertz zielt auf ein konkretes Problem: den sogenannten Bauüberhang. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren zum Jahresende 2024 rund 759.700 Wohnungen zwar genehmigt, aber noch nicht fertiggestellt. Davon befanden sich lediglich 330.000 bereits im Bau. Die restlichen Projekte liegen in den Schubladen der Bauherren, blockiert durch gestiegene Zinsen, explodierende Baukosten und veränderte Förderbedingungen.

Die Vorgeschichte: Warum EH55 verschwand

Im Januar 2022 zog die damalige Ampelregierung die Notbremse bei der KfW Förderung. Ein regelrechter Ansturm auf die EH55 Mittel hatte die Fördertöpfe innerhalb weniger Wochen geleert. Über 20 Milliarden Euro waren beantragt worden. Das Bundeswirtschaftsministerium argumentierte seinerzeit, der EH55 Standard habe sich längst auf dem Markt durchgesetzt und benötige keine zusätzliche staatliche Unterstützung mehr. Fortan sollte nur noch der strengere und teurere EH40 Standard gefördert werden.

Die Konsequenzen dieser Entscheidung zeigten sich schnell. Viele Investorinnen und Investoren, die ihre Projekte unter den alten Rahmenbedingungen kalkuliert hatten, legten ihre Pläne auf Eis. Der ohnehin angespannte Wohnungsmarkt verschärfte sich weiter. Die Zahl der Baugenehmigungen sank drei Jahre in Folge und erreichte 2024 mit 215.900 genehmigten Wohnungen den niedrigsten Stand seit 2010.

Euphorie bei der Baulobby

Die Reaktionen aus der Bauwirtschaft fallen erwartungsgemäß positiv aus. Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe, sieht in dem Programm eine wichtige Ergänzung zum Bau Turbo der Bundesregierung. Die Förderung könne den Bau von über 120.000 Wohnungen wieder in greifbare Nähe rücken, so Pakleppa. Der Verband schätzt, dass zahlreiche bereits geplante Projekte nun endlich realisiert werden können.

Axel Gedaschko, Präsident des Spitzenverbands der Wohnungswirtschaft GdW, spricht von einem herausragenden Signal für alle, die dringend Wohnungen schaffen wollen. Allein die Mitglieder seines Verbandes könnten kurzfristig bis zu 90.000 Wohnungen auf den Weg bringen. Die Förderung sei genau der richtige Weg, um dringend benötigte Wohnungen zügig zu realisieren und die Fördermittel sinnvoll auf die Straße zu bringen.

CDU Baupolitiker Jan Marco Luczak bezeichnet die Maßnahme als wuchtiges Signal in die Bauwirtschaft hinein. Viele baureife, aber aktuell brachliegende Projekte könnten nun realisiert werden und Zehntausende neue Wohnungen entstehen.

Kritik von den Grünen: Teures Strohfeuer

Deutlich kritischer bewerten die Grünen das Vorhaben. Lisa Paus, Mitglied im Haushaltsausschuss, und Hanna Steinmüller, Obfrau im Ausschuss für Wohnen, Stadtentwicklung, Bauwesen und Kommunen, bezeichnen die Rückkehr zur EH55 Förderung als teures Strohfeuer von Schwarz Rot. Mit der EH55 Förderung werde ein Programm aus der Mottenkiste geholt, das die Ampelkoalition zu Recht 2022 gestoppt habe, weil es innerhalb von nur wenigen Wochen Milliarden verbrannt habe und nicht auf die Klimaziele eingezahlt habe, so Paus.

Steinmüller ergänzt eine differenzierte Analyse der Problemlage. Der Bauüberhang sei 2019 fast genauso hoch gewesen wie heute, und das weit vor der starken Erhöhung der Bauzinsen und der Baupreise oder dem Ende der EH55 Förderung. Wer wirklich an den Bauüberhang wolle, solle sich der Spekulation mit Grundstücken widmen und den Kommunen ermöglichen, Baugebote zu verhängen. Die Politikerin spricht von klimaschädlichen Geschenken für die Baulobby.

Der grüne Kompromiss: Erneuerbare Wärme als Bedingung

Ein näherer Blick auf die Förderkonditionen zeigt allerdings, dass die schwarz rote Koalition durchaus klimapolitische Leitplanken eingezogen hat. Förderfähig sind nur Neubauten, deren Wärmeerzeugung zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien erfolgt. Wärmepumpen, Biogas oder Fernwärme sind zulässig, Öl oder Gasheizungen hingegen ausgeschlossen. Für die Versorgung über Wärmenetze gibt es keine Einschränkungen bezüglich der Energieträger.

Das Programm wird in das bestehende KfW Programm Klimafreundlicher Neubau integriert und bildet dort eine dritte Förderstufe neben den bestehenden EH40 LCA und EH40 QNG Varianten. Die Kreditlaufzeit beträgt maximal 35 Jahre bei einer Zinsbindung von bis zu zehn Jahren. Kommunale Gebietskörperschaften können alternativ zum Kredit einen Zuschuss von fünf Prozent direkt bei der KfW beantragen.

Strukturelle Probleme bleiben

Kritische Stimmen finden sich auch in Teilen der Fachwelt, die grundsätzlich Fördermaßnahmen befürworten. Daniel Föst vom Zentralverband SHK hält die Entscheidung im Kern für nachvollziehbar, moniert aber die begrenzten Mittel. Die 800 Millionen Euro seien angesichts der Dimension der Baukrise ein Tropfen auf den heißen Stein. Die eigentlichen Bremsklötze lägen nicht im Bereich der Förderung allein, sondern bei massiv gestiegenen Baukosten, hohen Zinsen und unsicheren Rahmenbedingungen. Die temporäre Rückkehr zu EH55 helfe nicht über die strukturellen Probleme hinweg.

Branchenkenner warnen zudem, dass bei nur 800 Millionen Euro Volumen der Fördertopf innerhalb weniger Wochen erschöpft sein könnte. Die Erfahrungen von 2022, als die Mittel in kürzester Zeit aufgebraucht wurden, mahnen zur Eile. Die KfW veröffentlicht die genauen Zinskonditionen erst am Starttag, was die Planungssicherheit für Bauherren einschränkt.

Ein pragmatischer Kompromiss

Die Wiedereinführung der EH55 Förderung offenbart einen Kurswechsel in der deutschen Baupolitik: Pragmatismus statt Vision. Deutschland versucht nicht, neue Märkte zu erschließen, sondern den bestehenden Genehmigungsstau abzubauen. Die EH55 Förderung ist ein Rettungsanker für bereits genehmigte Projekte, kein Anreiz für ambitioniertere Energiestandards.

Für Architektinnen und Architekten bedeutet dies konkret: Wer Bauherren mit genehmigten, aber auf Eis gelegten EH55 Projekten betreut, sollte jetzt aktiv werden. Die Antragsunterlagen müssen vorbereitet werden, die Bestätigung zum Antrag vom Energieeffizienz Experten kann ab dem 10. Dezember 2025 erstellt werden. Bei begrenztem Budget entscheiden oft Minuten über Erfolg oder Misserfolg.

Die Frage, ob 800 Millionen Euro ausreichen, um den Wohnungsbau nachhaltig zu beleben, oder ob es sich tatsächlich um ein teures Strohfeuer handelt, wird erst die Zukunft beantworten. Fest steht: Die deutsche Baupolitik navigiert zwischen Wohnungsnot und Klimazielen, zwischen kurzfristiger Aktivierung und langfristiger Transformation. Die EH55 Förderung ist dabei ein Symptom, keine Lösung der grundlegenden Herausforderungen.