
Von Druckerschwärze zu Licht: Der Ort als eigentlicher Star
Die Alte Druckerei in Hannover Bemerode liegt an der August Madsack Straße 1 und war früher eine Druckerei für Tageszeitungen und Wochenblätter der Madsack Mediengruppe. Damit steht die Halle in einer Tradition, die in Hannover immer etwas mehr war als Logistik: Nachrichten, Papier, Taktung. Heute ersetzt Projektion den Rotationsdruck, doch das Prinzip bleibt ähnlich. Große Flächen, klare Abläufe, ein Gebäude als Maschine.
Als Eventlocation wirbt die Alte Druckerei mit Industriecharme, rund 6.700 Quadratmetern Fläche, Teilbarkeit in zwei Eventflächen und der Möglichkeit, schwere Fahrzeuge in die Halle zu bringen. Andere touristische Gastgeberinformationen nennen größere Gesamtdimensionen und mehr Teilflächen. Schon diese Differenz erzählt etwas über die Typologie: Industriebauten bleiben selten eindeutig. Sie wachsen, schrumpfen, werden in Abschnitten neu interpretiert. Genau diese Unschärfe macht sie für temporäre Kulturformate so attraktiv.
Ankunft in Bemerode: Infrastruktur statt Innenstadtromantik
Bemerode liefert keine Postkartenkulisse, sondern Erreichbarkeit. Die Location liegt unweit der Bundesstraßen 3 und 65, per Auto führt der Weg bequem über die A7 Abfahrt Hannover Anderten. Wer mit dem ÖPNV kommt, erreicht die Halle mit der Stadtbahn Linie 6 Richtung Messe Ost, Haltestelle August Madsack Straße, dann etwa zwei Minuten zu Fuß.
Diese Anbindung zeigt eine regionale Planungskultur, die Funktion vor Flaniermeile setzt. Das passt zur DNA des Gebäudes. Eine Druckerei musste Lastwagen, Schichtwechsel, Lieferketten bedienen. Eine immersive Ausstellung braucht Besucherinnen und Besucherströme, Ticketzeiten, Sicherheitswege. Beides verlangt Klarheit, nicht Charme.
Die Inszenierung: Wenn Wände zu Leinwänden werden
Die Ausstellung Van Gogh: The Immersive Experience läuft in Hannover vom 12. November 2025 bis zum 1. März 2026 in der Alten Druckerei. Sie arbeitet laut Stadt Hannover mit großformatigen Projektionen und Lichtinstallationen, die Motive wie Sonnenblumen, Sternennacht oder Schlafzimmer in Arles raumfüllend vergrößern. Dazu kommt ein optionales Virtual Reality Angebot, das vor Ort zusätzlich gebucht wird.
Architektonisch spannend wird der Moment, in dem die Halle nicht mehr Hintergrund bleibt. Projektionen brauchen Dunkelheit, definierte Raumkanten und kontrollierte Blickrichtungen. Industriebauten liefern das oft besser als klassische White Cubes: wenige Fensterflächen, große Wandlängen, robuste Deckenraster. Die Alte Druckerei bringt zudem die nüchterne Selbstverständlichkeit einer Produktionshalle mit. Genau dadurch wirken die Projektionen umso opulenter. Das Gebäude spielt nicht Kunsttempel, sondern Arbeitsraum. Die Sonnenblume leuchtet dann nicht sakral, sondern fast trotzig.
Kritik: Immersion ist auch ein Geschäftsmodell
Die Ausstellung empfiehlt etwa 1,5 Stunden Aufenthalt, die Verweildauer bleibt innerhalb der Öffnungszeiten grundsätzlich unbegrenzt. Gleichzeitig steuert das System den Eintritt über Zeitfenster Tickets, um Besucherinnen und Besucherströme zu dosieren. Das ist organisatorisch plausibel, verschiebt aber das Kunsterlebnis in Richtung Eventbetrieb. Kunstvermittlung wird hier zu einer Choreografie aus Slots, Shop, Fotopunkt und optionaler Zusatzleistung.
Auch die Preislogik unterstreicht das. Die offizielle Hannover Seite und die Ausstellungsseite nennen unter anderem Zeitfenster Tickets ab 22 Euro werktags und ab 24 Euro am Wochenende sowie weitere Kategorien wie ermäßigte Tickets, Familienoptionen und Flex Tickets. Das bleibt im Rahmen großer Kulturshows, doch es schafft eine Schwelle, die klassische Museen häufig niedriger halten. Die Halle bewahrt zwar den demokratischen Gestus des Industriebauens, der Eintritt organisiert dennoch eine gewisse Exklusivität.
Umbaukultur und Nachhaltigkeit: Wiederverwendung ja, aber nicht gratis
Die stärkste architektonische Botschaft lautet: Umnutzung funktioniert. Eine ehemalige Druckerei wird zur Kulturmaschine, ohne ihre Materialehrlichkeit zu verstecken. Das spart in der Regel graue Energie, weil Bestand weiterarbeitet, statt Neubau zu verlangen. Gleichzeitig braucht das Format aufwendige Lichttechnik und Projektion, also Energie und Techniklogistik. Die Nachhaltigkeitsbilanz hängt damit weniger am Gebäude als am Betrieb.
Hinzu kommt ein praktischer Hinweis: Die Alte Druckerei nennt Umbauarbeiten und eine eingeschränkte Buchbarkeit bis zum 31. März 2026. Das ist der Realitätscheck hinter jeder Umnutzungserzählung. Bestand bleibt ein Projekt, kein Zustand.
Lokaler Kontext: Pop Kultur trifft Messe Stadt
Dass solche Formate in Hannover in einer ehemaligen Produktionshalle landen, passt zur Stadt als Messe und Veranstaltungsort. Die Hannover Seite verweist darauf, dass in der Alten Druckerei zuvor bereits die Ausstellung Körperwelten gastierte. Die Halle etabliert sich damit als wiederkehrende Bühne für internationale Wanderausstellungen. Für die Region ist das ein zweischneidiger Erfolg: Es stärkt das Kulturangebot jenseits klassischer Institutionen, birgt aber die Gefahr, dass lokale Inhalte zur Kulisse eines global standardisierten Formats werden.
Gerade hier liegt die architektonische Aufgabe. Die Alte Druckerei kann mehr sein als eine neutrale Black Box. Sie könnte ihre Herkunft als Medien und Produktionsort stärker lesbar machen, etwa über Spuren, Fotografien oder kurze bauhistorische Erzählstücke. Die Historie Seite zeigt bereits Bildmaterial aus der Vergangenheit der Hallen. Dieses Potenzial dürfte die Ausstellung selbst ruhig mutiger integrieren. Van Gogh braucht keine zusätzliche Patina, aber Hannover hat eine.
Fazit: Ein starkes Gebäude, eine starke Show, ein offener Streitpunkt
Als Erlebnis funktioniert Van Gogh in 360 Grad, weil die Alte Druckerei das Richtige liefert: Größe, Robustheit, Klarheit. Als Architekturbeitrag überzeugt die Umnutzungsidee, doch die Inszenierung bleibt im Kern ein perfekt getaktetes Eventprodukt. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Immersion Kunst ersetzt. Interessanter ist, ob solche Formate dem Bestand eine Zukunft geben, die über die nächste Saison hinaus trägt.
Besucherinformationen
Alte Druckerei Hannover, August Madsack Straße 1, 30559 Hannover. 12. November 2025 bis 1. März 2026.
Dienstag, Mittwoch, Sonntag sowie Feiertage: 10 bis 18 Uhr.
Donnerstag bis Samstag: 10 bis 20 Uhr.
Letzter Einlass: eine Stunde vor Ausstellungsende.
Keine Veranstaltung am 24. und 25. Dezember 2025 sowie am 1. Januar 2026.
Tickets und Preise
Zeitfenster Tickets ermöglichen den Eintritt im gebuchten Zeitfenster, die Verweildauer ist innerhalb der Öffnungszeiten unbegrenzt.
Online Vorverkauf wird empfohlen, es gibt ab Ausstellungsbeginn auch eine Tageskasse, je nach Auslastung mit Wartezeiten.
Preisbeispiele laut offizieller Ausstellungsseite: Erwachsene 22 Euro Dienstag bis Freitag, 24 Euro Samstag, Sonntag und Feiertage, Ermäßigungen und Familientickets sind ausgewiesen.
Optional vor Ort: Virtual Reality Add on 3 Euro pro Person, nicht im Ticket enthalten.

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