
Förderkürzung als Bremsklotz der Klimaneutralität
Die Rechnung geht nicht auf
Bis 2040 will Österreich klimaneutral werden. Dieses ambitionierte Ziel hat die schwarz-rot-pinke Koalition aus ÖVP, SPÖ und NEOS in ihrem Regierungsprogramm festgeschrieben. Der Weg dorthin führt zwangsläufig durch Millionen österreichischer Keller, denn noch immer heizen rund ein Drittel aller Haushalte mit Öl oder Gas. Die neue Förderschiene für den Heizungstausch, die seit Anfang Dezember beantragt werden kann, soll den Umstieg beschleunigen. Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich: Die Mathematik stimmt nicht.
Statt der bisherigen Förderquote von maximal 75 Prozent erhalten Antragstellerinnen und Antragsteller nun nur noch bis zu 30 Prozent der förderfähigen Kosten erstattet. Das Umweltministerium verweist auf eine Analyse des Schweizer Beratungsunternehmens Prognos, wonach die bisherigen Förderungen deutlich zu hoch gewesen seien. Die Neuauflage solle effizienter und steuergeldschonender ablaufen. Jährlich sollen so mehr als 30.000 Heizungen umgerüstet werden.
Eine Lücke von 42.000 Anlagen
Die Österreichische Energieagentur hat nachgerechnet, und ihre Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Um 95 Prozent aller bestehenden fossilen Heizsysteme bis 2040 durch erneuerbare zu ersetzen, müssten jährlich 25.000 Ölkessel und 47.000 Gasheizungen ausgetauscht werden. Zusammen sind das 72.000 Anlagen pro Jahr. Die Regierung plant mit 30.000. Die Differenz von 42.000 Heizungen jährlich ist keine statistische Unschärfe, sondern ein strukturelles Defizit.
Beim Öl-Ausstieg steht Österreich noch vergleichsweise gut da. 2024 wurden 24.000 Kessel ersetzt, nur tausend weniger als für das Erreichen der Klimaneutralität notwendig wären. Bei Gasheizungen klafft hingegen eine beträchtliche Lücke: Nur 27.000 der erforderlichen 47.000 Geräte wurden im vergangenen Jahr umgestellt. Rund 450.000 Haushalte heizen nach wie vor mit Öl, etwa 850.000 verfügen über eine Gastherme. Immerhin: Die Zahl der Ölheizungen ist in den vergangenen zwanzig Jahren um die Hälfte zurückgegangen, während Gasheizungen im gleichen Zeitraum nur um drei Prozent abnahmen.
Das Mehrparteienproblem
Während der Umstieg in Einfamilienhäusern meist relativ unkompliziert verläuft, gestaltet sich die Situation in Mehrparteienhäusern ungleich schwieriger. Die Verkaufszahlen der Vereinigung der österreichischen Kessel- und Heizungsindustrie belegen das Problem: Allein im ersten Halbjahr 2025 wurden 15.640 Gasthermen verkauft, dazu kommen rund 13.600 Festbrennstoffheizungen und 417 Ölkessel. Im gleichen Zeitraum gingen 18.700 Wärmepumpen über die Ladentische, wobei sich hier allerdings auch der Neubau widerspiegelt.
Christoph Dolna-Gruber von der Österreichischen Energieagentur bringt es auf den Punkt: Förderungen allein seien nicht ausreichend, auch eine Überarbeitung beim Wohn- und Mietrecht sei zentral. Im mehrgeschossigen Wohnbau könne der Umstieg nur gelingen, wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen stimmen. Der Beschleunigungseffekt sei enorm, wenn in einem Haus gleich 50 oder 60 Heizungen auf einmal umgestellt werden können.
Juristische Hürden höher als technische
Der Dachverband Erneuerbare Energie Österreich kritisiert die wohnrechtlichen Hindernisse scharf. Juristisch gesehen sei es einfacher, eine Satellitenanlage zu installieren als eine klimafreundliche Heizung. In Wohnungseigentümergemeinschaften erfordert ein Heizungstausch in den meisten Fällen die Zustimmung aller anderen Wohnungseigentümerinnen und Wohnungseigentümer derselben Gemeinschaftsanlage. Im Mietrechtsbereich bleibt zudem fraglich, ob es sich beim Heizungstausch um eine Erhaltungs- oder eine Verbesserungsmaßnahme handelt.
Martina Prechtl-Grundnig, Geschäftsführerin des EEÖ, fordert ein wohnrechtliches Dekarbonisierungsmaßnahmen-Begleitgesetz, das Klimaschutzmaßnahmen im Gebäudebereich ein überragendes öffentliches Interesse zugesteht. Österreich brauche sowohl einen klaren, rechtlich verankerten Pfad für den Ausstieg aus der fossilen Raumwärme als auch Lösungen im Wohnrecht, und zwar schnell. Die beste Förderung helfe nichts, wenn Gesetze dem Heizungstausch hinderlich seien.
Die Branche zwischen Hoffnung und Frustration
Bei den Kesselherstellern herrscht großer Unmut über die aktuellen Entwicklungen. Elisabeth Berger, Sprecherin der Vereinigung der österreichischen Kessel- und Heizungsindustrie, beklagt die mangelnde Planungssicherheit. Die dringenden Bitten nach Kontinuität seien leider nicht sehr ernst genommen worden. Die volatilen und vielseitigen Landes- und Bundesförderungen stellten ein riesiges Problem dar. Die Ausbildung von Fachkräften dauere mehrere Jahre. Die Branche denke und plane in Jahrzehnten, nicht in Wahljahren.
Die Zahlen der Kommunalkredit Personal Consulting zeigen ein differenziertes Bild der bisherigen Umstiegsströme. Die meisten Haushalte wechselten von einer Öl- zu einer Pelletsheizung, gefolgt von Luftwärmepumpen. Gasheizungen wurden besonders oft durch Luftwärmepumpen ersetzt, Pellets folgen auf Platz zwei. Rund 20.000 Haushalte stiegen auf Fernwärme um.
Klimaneutralität 2040: Ambition trifft Realität
Die neue Dreierkoalition bekennt sich in ihrem Regierungsprogramm zur Klimaneutralität 2040 und zur Transformation des Wärmesektors. Konkret sind bis 2030 jährlich 360 Millionen Euro für den Heizungstausch und die thermische Sanierung budgetiert. Doch Kritikerinnen und Kritiker bemängeln, dass im ersten Entwurf des neuen Klimaschutzgesetzes von Umweltminister Norbert Totschnig das Ziel der Klimaneutralität bis 2040 gar nicht mehr vorkomme.
Der Budgetrahmen wurde gegenüber der Vorgängerregierung deutlich reduziert. Zwischen 2021 und 2024 wurden über die Programme ‘Raus aus Öl und Gas’ sowie ‘Sauber Heizen für Alle’ insgesamt etwa 157.000 Heizungen getauscht. Davon waren rund 75.500 Ölheizungen und 60.500 Gasthermen. Selbst in Zeiten extrem hoher Förderungen wurden also nicht jene Umstiegswerte erreicht, die für die angestrebte Klimaneutralität notwendig wären.
Ein Paradigmenwechsel ist überfällig
Die Wärmewende in Österreich steht an einem kritischen Punkt. Die Regierung setzt nach dem Scheitern eines Verbots fossiler Heizungen im Bestand nun auf Anreize. Doch die drastische Reduktion der Förderquote bei gleichzeitig ungelösten wohnrechtlichen Problemen erscheint als widersprüchliche Strategie. Wenn ein Haus mit 50 Wohnungen technisch und wirtschaftlich auf eine zentrale Wärmepumpe umgestellt werden könnte, aber das Wohnungseigentumsgesetz dies blockiert, bleibt die beste Förderung wirkungslos.
Die Zahlen lassen wenig Interpretationsspielraum: Mit 30.000 Heizungsumstellungen pro Jahr wird Österreich das Ziel der Klimaneutralität 2040 verfehlen. Die Differenz zum Notwendigen ist nicht mit Optimierungen zu überbrücken, sondern erfordert einen grundlegenden Kurswechsel. Dieser müsste neben einer robusten Förderarchitektur vor allem die längst überfällige Reform des Wohn- und Mietrechts umfassen. Solange die juristische Installation einer Satellitenanlage einfacher bleibt als der Einbau einer klimafreundlichen Heizung, bleibt die Wärmewende eine Übung in Symbolpolitik.

Wie Österreich seine Denkmaler digital rettet – und real gefährdet

Die Pixellüge: Wie KI-Bilder die Architektur korrumpieren









