
Die Architektur in der Krise des Wohnens
Weltweit ist die Bauindustrie zu einem der größten Treiber der Klimakatastrophe geworden. Natürliche Ressourcen werden ausgebeutet, Arbeitskräfte unter unwürdigen Bedingungen beschäftigt, während Wohnungen längst zu Finanzinstrumenten mutiert sind, die sich ein wachsender Teil der Bevölkerung schlicht nicht mehr leisten kann. In Wien, München, Zürich und Berlin kennen Architektinnen und Architekten diese Realität nur zu gut: Das Diktat lautet ‚Form folgt Geld‘, nicht mehr ‚Form folgt Funktion‘.
Das Architekturzentrum Wien stellt sich dieser Problematik mit einer Ausstellung, die mehr ist als eine Werkschau: ‚Reichtum statt Kapital. Anupama Kundoo‘ läuft noch bis zum 16. Februar 2026 und präsentiert das Schaffen der indischen Architektin als Manifest für eine radikal andere Baukultur.
Auroville als Labor einer anderen Moderne
Anupama Kundoo wuchs in Mumbai auf und studierte dort in den späten 1980er Jahren Architektur. 1989, als die globalisierte Urbanisierung in Indien das Kommando übernahm, traf sie eine ungewöhnliche Entscheidung: Mit nur 23 Jahren zog sie in die experimentelle Stadt Auroville in Tamil Nadu und gründete dort ihr Büro Anupama Kundoo Architects. Auroville, Ende der 1960er Jahre als utopisches Projekt einer universellen Gemeinschaft gegründet, bot der jungen Architektin einen Raum jenseits konventioneller Marktlogiken.
Die Kuratorinnen Angelika Fitz, Direktorin des Architekturzentrums Wien, und Elke Krasny, Professorin an der Akademie der bildenden Künste Wien, haben für diese Ausstellung eine kuratorische Feldforschung in Indien unternommen. Ihr gemeinsames Buch ‚Abundance Not Capital. The Lively Architecture of Anupama Kundoo‘ erscheint begleitend bei MIT Press und vertieft die These der Fülle als Widerstand gegen das kapitalistische ‚Nie genug‘.
Lokale Ressourcen, globale Relevanz
Was unterscheidet Kundoos Bauten von der globalisierten Architekturproduktion? Der Reichtum ihrer Projekte liegt nicht in edlen Materialien und perfektionierten Industrieprodukten. Er entsteht durch die neuartige Verwendung von Ressourcen, die lokal im Überfluss vorhanden sind: Lehm, Terrakotta, Kokosfasern, Granit. Ihr berühmtes Wall House in Auroville, das 2012 auf der Architekturbiennale in Venedig maßstabsgetreu nachgebaut wurde, demonstriert diese Philosophie exemplarisch. Das Gewölbedach besteht aus vor Ort gefertigten Terrakotta Kegeln, die von lokalen Handwerkerinnen und Handwerkern ohne Spezialkenntnisse hergestellt werden können.
Kundoo verbindet dabei scheinbar Unvereinbares: Low Tech mit High Tech, Tradition mit Innovation, Ressourcenschonung mit räumlicher Großzügigkeit. ‚Der Akt des Bauens erzeugt Wissen, ebenso wie das daraus resultierende Wissen Gebäude hervorbringt‘, beschreibt die Architektin ihren prozesshaften Ansatz. Für sie ist das fertige Gebäude stets das Ergebnis eines längeren Entstehungsprozesses, der Materialforschung, lokale Arbeitskräfte und ökonomische Zusammenhänge gleichermaßen berücksichtigt.
Soziale Dimension: Wohnen als Menschenrecht
Besonders eindrucksvoll zeigt sich Kundoos soziales Engagement im Projekt ‚Volontariat Homes for Homeless Children‘ in Puducherry. Mit der sogenannten In situ Brenntechnik, bei der das Gebäude quasi während des Bauprozesses gebrannt wird, schuf sie ein Ensemble für obdachlose Kinder und ihre Pflegeeltern. Das Full Fill Home, ein modulares Baukastensystem aus Ferrozement, adressiert direkt die Wohnungskrise: leicht, transportabel und ohne industrielle Infrastruktur herstellbar.
Die Ausstellung im Architekturzentrum Wien macht diese Arbeitsweise sinnlich erlebbar. Sie zeigt nicht nur Fotografien und Modelle, sondern vermittelt die räumliche Qualität von Kundoos Architekturen. Der Town Hall Complex in Auroville etwa bietet mit seinen schattigen Terrassen, Brücken und Rampen großzügige öffentliche Räume für die tägliche Nutzung, die weit über die reine Funktionserfüllung hinausgehen.
Kritische Perspektive: Transfer nach Europa möglich?
Die entscheidende Frage, die sich beim Besuch der Ausstellung aufdrängt: Lässt sich Kundoos Ansatz auf europäische Verhältnisse übertragen? Die klimatischen Bedingungen Südindiens sind mit jenen in Wien oder Berlin kaum vergleichbar. Die Bauordnungen in deutschsprachigen Ländern erlauben keine experimentellen Lehmbauten im urbanen Kontext. Und die Lohnstrukturen machen den Einsatz ungelernter Arbeitskräfte zu einer ethisch heiklen Angelegenheit.
Doch genau hier liegt der Wert der Ausstellung: Sie zeigt, dass die binären Kategorien, in denen Architektur gedacht wird, aufgebrochen werden können. Entweder innovativ oder traditionell. Entweder ökologisch oder ästhetisch anspruchsvoll. Entweder sozial verträglich oder wirtschaftlich tragfähig. Kundoos Werk beweist, dass diese Gegensätze konstruiert sind. Ihre Architekturen sind zugleich modernistisch und ökologisch, technologisch und spirituell, sozial und schön.
Eine Architektur des Sorgetragens
Angelika Fitz und Elke Krasny haben bereits 2019 mit der Ausstellung ‚Critical Care‘ den Begriff der sorgenden Architektur ins Zentrum ihrer kuratorischen Arbeit gestellt. ‚Reichtum statt Kapital‘ führt diesen Diskurs konsequent weiter. In einer Zeit, in der Städte zunehmend nach den Interessen von Investorinnen und Investoren gestaltet werden, während kommunale Wohnungsbauprogramme ausgehungert werden, liefert Kundoos Werk keine nostalgische Flucht in vorindustrielle Zeiten. Es zeigt vielmehr, wie zeitgemäße Architektur aussehen kann, die Sorge trägt: für die Menschen, die sie nutzen, für die Menschen, die sie bauen, und für den Planeten, dessen Ressourcen sie verbraucht.
Die Ausstellung läuft noch bis zum 16. Februar 2026 im Architekturzentrum Wien, täglich von 10 bis 19 Uhr. Am 7. November 2025 hielt Anupama Kundoo einen Werkvortrag mit anschließendem Gespräch mit Ko Kuratorin Elke Krasny. Wer sich für Alternativen zur kapitalistischen Architekturproduktion interessiert, findet hier nicht nur Inspiration, sondern konkrete Beispiele dafür, dass ein anderer Weg möglich ist.
Besucherinformationen:
- Öffnungszeiten: Täglich 10:00 bis 19:00 Uhr, an Heiligabend und Silvester nur bis 14:00 Uhr
- Adresse: Museumsplatz 1, Hof 7, 1070 Wien im MuseumsQuartier MuseumsQuartier Wien
- Eintritt: Regulär 12 €, ermäßigt 9 €, Familienkarte 14 €
- Freier Eintritt für Kinder unter 6 Jahren, Kulturpassbesitzer und Beschäftigungslose
- Mittwochs von 17:00 bis 19:00 Uhr gratis Ausstellungseintritt für Studierende und Schülerinnen und Schüler
- Kontakt: Tel. +43 1 522 31 15, office@azw.at, www.azw.at MuseumsQuartier Wien

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