
Das Jahr ohne Abiturienten: Chancen und Risiken der G9 Umstellung für Hochschulen und Studierende
Die deutsche Hochschullandschaft steht vor einer beispiellosen Situation. Im Jahr 2026 werden in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen kaum Abiturientinnen und Abiturienten die Gymnasien verlassen. Die Rückkehr vom achtjährigen zum neunjährigen Gymnasium erzeugt eine Lücke, die weit über die Bildungspolitik hinaus Auswirkungen zeigt.
Eine bildungspolitische Zäsur
Die Kultusministerkonferenz prognostiziert einen Rückgang der Studienanfängerzahlen um rund 50 Prozent. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In Schleswig-Holstein legten 2025 etwa 10.600 Schülerinnen und Schüler das Abitur ab. Für 2026 rechnet das Land mit lediglich 3.800 Absolventinnen und Absolventen. Nordrhein-Westfalen erwartet nur noch rund 30.000 Abiturientinnen und Abiturienten, während 2027 wieder etwa 70.500 die Hochschulreife erlangen werden.
Diese Entwicklung ist keine Überraschung. Bayern hat bereits 2025 die gleiche Situation durchlebt. Die Umstellung auf G9 begann in Nordrhein-Westfalen im Schuljahr 2019/2020 und wächst seitdem sukzessive nach oben. Der erste G9 Jahrgang wird regulär 2027 sein Abitur ablegen. Die Zwischenzeit erzeugt ein Vakuum, das Hochschulen, Wohnheimverwaltungen und den Ausbildungsmarkt gleichermaßen betrifft.
Veränderte Zugangschancen an den Hochschulen
An den Universitäten in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen könnte sich die Situation für Bewerberinnen und Bewerber entspannen. Die Christian-Albrechts-Universität Kiel und die Universität zu Köln haben angekündigt, die Zahl ihrer Studienplätze nicht zu verringern. Bei niedrigeren Bewerberzahlen verschiebt sich automatisch die Zulassungsgrenze nach hinten. Die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf rechnet für das Wintersemester 2026/27 und das Sommersemester 2027 mit einem temporären Rückgang der Bewerbungen von bis zu 50 Prozent.
Einige Hochschulen haben bereits reagiert. Die Universität Duisburg-Essen und die Ruhr-Universität Bochum haben die Zahl der Studiengänge ohne Zulassungsbeschränkung erhöht. An der RUB wurde der Numerus Clausus in vier Studiengängen gestrichen. Diese Maßnahmen zeigen, dass die Hochschulen aktiv um Studierende werben.
Besonders Studiengänge mit Lehramtsoption könnten von der veränderten Bewerberlage profitieren. Diese Programme ziehen traditionell viele Bewerberinnen und Bewerber aus dem eigenen Bundesland an. Hier sei eine erkennbare Veränderung der NC-Werte zu erwarten, heißt es von der Universität zu Köln.
Medizin und Psychologie: Weiterhin hohe Hürden
Die Hoffnung, dass beliebte Studienfächer wie Medizin oder Psychologie plötzlich leichter zugänglich werden, dämpft die Universität zu Köln. In diesen Studiengängen müssten seit Jahren selbst Bewerberinnen und Bewerber mit einem Abiturschnitt von 1,0 mangels ausreichender Plätze abgelehnt werden. Der Anteil der nordrhein-westfälischen Bewerberinnen und Bewerber falle hier seit jeher vergleichsweise gering aus. Vielmehr erwarte man weiterhin eine enorme Konkurrenz im Bewerbungsverfahren.
Auch bei wirtschaftswissenschaftlichen Bachelorstudiengängen und den Rechtswissenschaften dürfte sich wenig ändern. Bei diesen Fächern liegt das Abitur bei vergleichsweise vielen Bewerberinnen und Bewerbern bereits einige Jahre zurück. Die frische Abiturientengeneration macht hier nur einen Teil der Bewerbungen aus.
Wohnheimplätze: Nur bedingte Entlastung
Die Studierendenwerke in Köln und Schleswig-Holstein sehen eine größere Chance auf freie Zimmer. Allerdings sollte niemand sich zu große Hoffnungen machen. Das Kölner Studierendenwerk verwaltet rund 5.000 Zimmer in 90 Wohnheimen. Jedes Jahr bewerben sich etwa 10.000 Studierende auf die rund 3.000 angebotenen Plätze. Nur ein Drittel der Bewerberinnen und Bewerber erhält eines der begehrten günstigen Zimmer.
Die strukturelle Wohnungsnot in Universitätsstädten wird durch einen fehlenden Abiturjahrgang nicht gelöst. Die durchschnittliche Warmmiete für einen Wohnheimplatz in Köln liegt bei etwa 304 Euro monatlich, deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt von 493 Euro. Diese Preisdifferenz erklärt den anhaltenden Andrang, der durch kurzfristig sinkende Studienanfängerzahlen nur marginal gemildert wird.
Strategische Überlegungen für Studieninteressierte
Für Abiturientinnen und Abiturienten aus anderen Bundesländern könnte 2026 ein günstiger Zeitpunkt sein, sich an nordrhein-westfälischen oder schleswig-holsteinischen Hochschulen zu bewerben. Die Universität Duisburg-Essen erwartet, dass Absolventinnen und Absolventen früherer Jahrgänge sich bewusst für einen Studienstart 2026 entscheiden, um von den besseren Chancen zu profitieren.
Der sogenannte G9 Effekt wird sich insgesamt auf mehrere Jahre verteilen. Viele Schulabgängerinnen und Schulabgänger absolvieren nach dem Abitur einen Bundesfreiwilligendienst oder gehen ins Ausland. Die Hochschulen rechnen daher nicht mit einem abrupten Einbruch, sondern mit einem moderaten Rückgang über mehrere Jahre hinweg.
Auswirkungen auf den Ausbildungsmarkt
Die Bildungslücke betrifft nicht nur die Hochschulen. Der Ausbildungsmarkt verliert ebenfalls potenzielle Nachwuchskräfte. In der IHK-Region Dortmund, Hamm und Kreis Unna werden rund 2.650 weniger Schulabgängerinnen und Schulabgänger erwartet. Unternehmen müssen ihren Blick erweitern und verstärkt Studienabbrecherinnen und Studienabbrecher sowie Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger ansprechen.
Ein Bildungssystem im Wandel
Die G8/G9 Debatte begleitet die deutsche Bildungspolitik seit mehr als einem Jahrzehnt. Das ursprüngliche Argument für die Schulzeitverkürzung war ökonomischer Natur: Abiturientinnen und Abiturienten sollten ein Jahr früher ins Berufsleben eintreten. Die Realität zeigte jedoch erhöhte Belastung für Jugendliche und unzureichende Ganztagsangebote an Schulen.
In den westdeutschen Bundesländern halten nur noch die Stadtstaaten Hamburg und Bremen am achtjährigen Gymnasium fest. Niedersachsen vollzog den Wechsel zurück zu G9 bereits 2019 und erlebte 2020 ähnliche Auswirkungen. Die ostdeutschen Bundesländer und Berlin zeigen keine Entwicklung hin zu G9.
Fazit: Eine vorübergehende Anomalie mit Lernpotenzial
Das Jahr 2026 markiert keine Krise, sondern eine strukturelle Übergangsphase. Hochschulen, Studierendenwerke und der Ausbildungsmarkt haben sich vorbereitet. Für Studieninteressierte bieten sich Chancen, die es zu nutzen gilt. Die langfristigen Fragen der Bildungsfinanzierung, der Wohnraumversorgung für Studierende und der Nachwuchsgewinnung bleiben jedoch bestehen.
Die G9 Umstellung ist letztlich eine Korrektur bildungspolitischer Entscheidungen aus der Vergangenheit. Ob die verlängerte Schulzeit tatsächlich zu besser vorbereiteten Abiturientinnen und Abiturienten führt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Der erste G9 Jahrgang in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein legt 2027 seine Prüfungen ab. Dann beginnt eine neue Phase der Evaluation.

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