
Vitruv Basilika in Fano entdeckt: Archäologische Sensation nach 500 Jahren Suche
Mehr als zwei Jahrtausende lang existierte die Basilika des Vitruv ausschließlich in der Vorstellungswelt von Architektinnen und Architekten. Im fünften Buch seines epochalen Werkes De architectura beschrieb der römische Baumeister Marcus Vitruvius Pollio ein Gebäude, das er selbst in der Kolonie Fanum Fortunae errichtet hatte. Generationen von Gelehrten interpretierten diese Zeilen, zeichneten Rekonstruktionen, stritten über Proportionen. Doch niemand konnte belegen, ob das Bauwerk jemals so ausgesehen hatte, wie der Autor es schilderte.
Seit dem 19. Januar 2026 hat diese Unsicherheit ein Ende. Bei Arbeiten zur Neugestaltung der Piazza Andrea Costa in Fano stießen Ausgräberinnen und Ausgräber auf antike Strukturen, die exakt mit Vitruvs Beschreibungen übereinstimmen. Wie das italienische Kulturministerium in einer Pressekonferenz in der Mediateca Montanari bekanntgab, handelt es sich um das einzige Gebäude, das dem antiken Architekten mit Sicherheit zugeschrieben werden kann. Minister Alessandro Giuli, der per Videoschaltung teilnahm, erklärte: Fano sei das Herz der ältesten architektonischen Weisheit der westlichen Zivilisation. (Quelle: https://cultura.gov.it/comunicato/28580 )
Präzision über die Jahrtausende
Die technischen Details des Fundes übertreffen alle Erwartungen. Die Basilika besitzt einen rechteckigen Grundriss mit umlaufendem Säulengang: acht Säulen an den Längsseiten, vier an den Kurzseiten. Die Säulen messen etwa fünf römische Fuß im Durchmesser, das entspricht 147 bis 150 Zentimetern. Ihre Höhe betrug circa 15 Meter. Sie waren an Pilaster und tragende Paraste angelehnt, die ein Obergeschoss stützten.
Die endgültige Bestätigung lieferte ein letzter Sondierungsgraben, der die fünfte Ecksäule freilegte. Damit konnte die genaue Position und Orientierung des Gebäudes zwischen den beiden Plätzen bestimmt werden. Die planimetrische Rekonstruktion auf Basis der vitruvianischen Beschreibung stimmte auf den Zentimeter genau mit dem Befund überein. Der regionale Denkmalpfleger Andrea Pessina, der die Soprintendenz für Archäologie, Schöne Künste und Landschaft von Ancona und Pesaro-Urbino leitet, sprach von einer außerordentlichen Bedeutung für die Forschungsgeschichte und die wissenschaftliche Gemeinschaft.
Der Vater der westlichen Baukunst
Wer versteht, warum dieser Fund die Fachwelt derart elektrisiert, muss sich die Bedeutung Vitruvs für die abendländische Architektur vergegenwärtigen. Seine Zehn Bücher über Architektur sind das einzige vollständig erhaltene Architekturtraktat der Antike. Darin formulierte er die berühmte Trias firmitas, utilitas, venustas: Festigkeit, Nützlichkeit, Schönheit. Diese drei Grundprinzipien prägten das Bauen von der Renaissance bis in die Gegenwart.
Die Basilika von Fano war das einzige Gebäude, das Vitruv in seinem Werk ausdrücklich als eigenes Werk erwähnte. Damit stellt sie eine einzigartige Verbindung zwischen Theorie und Praxis her. Der Theoretiker Vitruv blieb für die Nachwelt stets etwas abstrakt. Nun zeigt sich, dass er auch ein fähiger Praktiker war, dessen gebaute Realität seinen geschriebenen Ansprüchen standhielt.
Eine Forschungsgeschichte mit Vorläufern
Der aktuelle Fund steht nicht isoliert. Bereits 2022 kamen in der Via Vitruvio, unweit der Piazza Andrea Costa, imposante Mauerstrukturen und Fußböden aus edlen Marmorsorten zum Vorschein. Diese Funde deuteten auf öffentliche Gebäude von hohem Rang hin, ließen jedoch noch keine eindeutige Zuordnung zu. Erst die jüngsten Grabungen im Rahmen der mit PNRR-Mitteln finanzierten Platzumgestaltung brachten den Durchbruch.
Pessina betonte, dass die Entdeckung auch neue Perspektiven für bereits bekannte archäologische Zeugnisse eröffne. So könne nun etwa das Gebäude unter der Kirche Sant’Agostino neu interpretiert werden. Die Identifizierung der Basilika liefere einen entscheidenden Schlüssel, um Spuren, Strukturen und Zeugnisse der Vergangenheit klarer miteinander in Beziehung zu setzen.
Renaissance der Rekonstruktionen
Die Geschichte der Suche nach Vitruvs Basilika ist selbst ein faszinierendes Kapitel der Architekturgeschichte. Seit der Wiederentdeckung von De architectura im 15. Jahrhundert versuchten Gelehrte, das beschriebene Bauwerk zeichnerisch zu rekonstruieren. Francesco di Giorgio, Fra Giocondo, Andrea Palladio, Sebastiano Serlio, Giovanni Poleni und sogar Raffael lieferten Interpretationen. Jeder las die lateinischen Zeilen anders, jeder zeichnete eine andere Basilika.
Palladio etwa übernahm die Maßverhältnisse aus Vitruvs Beschreibung für seine eigene Rekonstruktion von 1556. Er variierte jedoch Details nach eigenem Ermessen. Seine Zeichnungen beeinflussten wiederum Generationen von Architekten. Die Basilika von Vicenza, sein bekanntestes öffentliches Gebäude, trägt zwar den Namen einer antiken Bauform, folgt aber bereits anderen Prinzipien als das römische Vorbild.
Nun lässt sich erstmals überprüfen, welche der zahllosen Rekonstruktionen der historischen Realität am nächsten kam. Das Vitruvianische Studienzentrum in Fano, das seit über 30 Jahren die Erforschung des antiken Baumeisters vorantreibt, dürfte in den kommenden Monaten Hochkonjunktur erleben.
Politische Dimension und regionale Bedeutung
Die Pressekonferenz vom 19. Januar verdeutlichte auch die politische Tragweite der Entdeckung. Neben Minister Giuli waren der Präsident der Region Marken, Francesco Acquaroli, und der Bürgermeister von Fano, Luca Serfilippi, anwesend. Acquaroli sprach davon, dass der Fund die Wahrnehmung der Stadt Fano, der Region und des gesamten italienischen Kulturerbes verändere. Er kündigte an, die Entdeckung gemeinsam in einen Motor der Entwicklung für Stadt und Region zu verwandeln.
Bürgermeister Serfilippi betonte den identitätsstiftenden Charakter: Die Entdeckung gebe der Gemeinschaft ein Fragment ihrer historischen und kulturellen Identität von universellem Wert zurück. Nach Jahrhunderten des Wartens und Forschens habe sich das, was lange nur durch das geschriebene Wort überliefert worden sei, in eine konkrete, greifbare und teilbare Realität verwandelt.
Offene Fragen und kritische Perspektiven
So euphorisch die Reaktionen auch ausfallen: Einige kritische Anmerkungen erscheinen angebracht. Zunächst befinden sich die Ausgrabungen noch in einem frühen Stadium. Wie viel von der ursprünglichen Basilika tatsächlich erhalten ist, muss noch geklärt werden. Die gotischen Invasoren zerstörten Fano im Jahr 540 n. Chr. weitgehend. Die mittelalterliche und neuzeitliche Stadt wurde direkt über den römischen Ruinen errichtet.
Zudem stellt sich die Frage, wie Fano mit diesem Erbe umgehen wird. Acquaroli sprach bereits vom wirtschaftlichen Wert und dem touristischen Potenzial. Die Gefahr besteht, dass die wissenschaftliche Erforschung hinter Vermarktungsinteressen zurücktritt. Eine sorgfältige Ausgrabung und Dokumentation benötigt Zeit und Ruhe, die im Zeitalter der sozialen Medien und des Overtourism knapp bemessen sein könnten.
Lehren für die Architekturausbildung
Für die Ausbildung von Architektinnen und Architekten bietet der Fund außergewöhnliche Chancen. Vitruv formulierte nicht nur ästhetische Prinzipien, sondern auch ein umfassendes Bildungsideal. Ein Architekt sollte nach seiner Vorstellung in zehn Wissensgebieten bewandert sein: Schriftkunde, Zeichnen, Geometrie, Arithmetik, Geschichte, Philosophie, Musik, Medizin, Jura und Astronomie. Nur wer alle diese Fächer beherrsche, erreiche den summum templum architecturae, den höchsten Tempel der Baukunst.
Dieses Ideal einer umfassenden Bildung wirkt in einer Zeit der Spezialisierung beinahe utopisch. Doch gerade die Interdisziplinarität erlebt in der zeitgenössischen Architekturausbildung eine Renaissance. Nachhaltiges Bauen erfordert Kenntnisse in Materialwissenschaft, Klimatechnik, Soziologie und Ökonomie. Die Digitalisierung verlangt Kompetenzen in Programmierung und parametrischem Entwerfen. Vielleicht war Vitruv seiner Zeit näher als gedacht.
Der Fund in Fano könnte als Anlass dienen, die Geschichte der Architekturtheorie wieder stärker in die Curricula zu integrieren. Wer versteht, wie unterschiedlich dieselbe Textpassage über Jahrhunderte interpretiert wurde, entwickelt ein Gespür für die Relativität vermeintlicher Gewissheiten. Diese Kompetenz erscheint im Zeitalter von KI-generierten Entwürfen und parametrischer Optimierung wertvoller denn je.
Ausblick
Die Archäologinnen und Archäologen werden in den kommenden Monaten und Jahren weiter graben. Jede freigelegte Schicht verspricht neue Erkenntnisse. Vielleicht finden sich Reste der Innenausstattung, Fragmente von Wandmalereien oder Inschriften, die weitere Fragen beantworten. Vielleicht widerlegen neue Funde auch Teile der bisherigen Interpretation.
Pessina sprach vom Beginn einer neuen Forschungsphase: bewusster, präziser, ambitionierter. Fano habe nun ein Werkzeug mehr, um der Welt seine Geschichte zu erzählen. Minister Giuli formulierte es noch emphatischer: Die Geschichte der Archäologie und der Forschung teile sich nun in ein Davor und ein Danach dieser Entdeckung.
Quelle: Ministero della Cultura, Pressemitteilung vom 19. Januar 2026 https://cultura.gov.it/comunicato/28580

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