
World Design Capital 2026: Diese Veranstaltungen lohnen sich
Frankfurt RheinMain trägt 2026 als erste Region Deutschlands den Titel World Design Capital. Die World Design Organization (WDO) mit Sitz in Montreal vergibt diese Auszeichnung alle zwei Jahre an Städte und Regionen, die Design als Instrument gesellschaftlicher Veränderung einsetzen. Mit dem Motto „Design for Democracy. Atmospheres for a better life“ gewann die Rhein-Main-Region gegen die saudi-arabische Hauptstadt Riad.
Am 16. Januar feierte das Programmjahr seinen offiziellen Auftakt mit dem Grand Opening in der Darmstädter Centralstation. Ministerpräsident Boris Rhein, Darmstadts Oberbürgermeister Hanno Benz und WDC-Geschäftsführerin Carolina Romahn eröffneten das Veranstaltungsjahr. Die Soziologin Prof. Dr. Martina Löw hielt eine Keynote unter dem Titel „Kann Qualität demokratisch sein?“ und stellte damit eine Frage, die das gesamte Programmjahr durchzieht.
Der WDC-Hub als Schaltzentrale
Das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt verwandelt sich seit dem 24. Januar in den WDC-Hub. Er ist als lebendiger Treffpunkt und zentrale Anlaufstelle konzipiert. Das Studio formagora aus Münster gestaltete den Raum bewusst als „Soft Opening“: kein fertiger Ort, sondern ein sich wandelndes Labor für Austausch und Experiment. Forum und Foyer verschmelzen zu einem flexiblen Raum für Gespräche, Workshops und spontane Begegnungen. Der Eintritt ist frei.
Für Architektinnen und Architekten bietet der Hub die Möglichkeit, sich über die rund 450 Kooperationsprojekte zu informieren. Darunter befinden sich namhafte Institutionen wie die HfG Offenbach, das Jüdische Museum Frankfurt und die Mathildenhöhe Darmstadt. Der monatliche WDC-Stammtisch, jeden dritten Mittwoch an wechselnden Orten, erleichtert die Vernetzung mit lokalen Akteuren.
Open Design Week: Zehn Tage Gestaltungskompetenz
Der erste echte Höhepunkt für die Designbranche findet vom 5. bis 14. Juni statt. Die Open Design Week Frankfurt RheinMain ist als zentrale Design Week Deutschlands konzipiert und vernetzt Agenturen, Studios, Hochschulen und Unternehmen. Im Mittelpunkt steht das Thema „Gestaltung als Wegbereiter einer ressourcenschonenden und zukunftsfähigen Ökonomie“.
Das internationale Forward Festival bildet einen Treffpunkt für Designerinnen und Designer sowie Branchenprofis. Das Massif E, ein Schiff auf dem Main, und der schwimmende Floating Space ergänzen das Programm als mobile Ausstellungsorte. Für die Architekturbranche bietet die Design Week die Gelegenheit, über den eigenen Tellerrand zu schauen und interdisziplinäre Ansätze kennenzulernen.
Module Festival: Kulturcampus als Experimentierfeld
Vom 13. bis 16. August verwandelt sich der Kulturcampus in Frankfurt-Bockenheim in ein Labor für künstlerische und gesellschaftliche Experimente. Das Module Festival ist kostenlos und verbindet Musik, Gestaltung und gesellschaftlich relevante Themen. Musikerinnen und AV-Künstler entwickeln neue Werke, die als audiovisuelle Projektionen auf die umliegenden Gebäude übertragen werden.
Der Kulturcampus selbst ist für Architektinnen und Architekten interessant: Das ehemalige Universitätsgelände durchläuft einen umfassenden Transformationsprozess. Eine temporäre Radiostation begleitet das Festival und wird täglich von verschiedenen Communities kuratiert. Die Kooperation mit internationalen Online-Radios unterstreicht den Anspruch, lokale Initiativen mit globalen Netzwerken zu verbinden.
Superblock Wiesbaden: Barcelona als Vorbild
Das Rheingauviertel in Wiesbaden wird an mehreren Sonntagen zum ersten Superblock Hessens. Nach dem Vorbild Barcelonas, der diesjährigen Welthauptstadt der Architektur, verwandelt sich der Straßenraum temporär in eine öffentliche Spiel- und Begegnungszone. Die Initiative „Superblock Rheingauviertel“ arbeitet gemeinsam mit der Stadtverwaltung an diesem Pilotprojekt.
Für Planerinnen und Planer bietet das Projekt eine seltene Gelegenheit, temporäre Verkehrsberuhigung im deutschen Kontext zu beobachten. Barcelona hat seit 2016 mit Superblocks Erfahrungen gesammelt, die in verdichteten Stadtquartieren zu verbesserter Lebensqualität führten. Ob sich das Konzept auf deutsche Verhältnisse übertragen lässt, wird das Wiesbadener Experiment zeigen.
Weitere Projekte mit Architekturrelevanz
Das Projekt Main-Light am Frankfurter Mainufer installiert eine autarke und klimaneutrale Beleuchtung für den öffentlichen Raum. Der Fahrradweg wird insektenfreundlich und bedarfsgesteuert illuminiert. Das Designstudio OMC°C entwickelt mit „Schattengrün“ modulare Systeme zur Begrünung urbaner Räume und setzt damit auf Abkühlung durch Grünstrukturen.
Die Ada-Kantine in Frankfurt-Bockenheim entwickelt zusammen mit dem Studio formagora Tische und Stühle für ihr „solidarisches Restaurant“. Die Möbel werden in öffentlichen Bauevents gemeinsam hergestellt. In Offenbach wird die frühere Kaufhof-Filiale zu einem lebendigen Treffpunkt mit öffentlicher Bibliothek umgebaut.
Policy Days: Abschluss in der Paulskirche
Vom 11. bis 14. November bilden die World Design Policy Days den Abschluss des Programmjahres. Die dreitägige Konferenz findet simultan in Wiesbaden, Frankfurt und Offenbach statt und behandelt die Themenbereiche Politik, Verwaltung und Haltung.
Der Höhepunkt ist die Abschlussveranstaltung in der Frankfurter Paulskirche. Hier trifft das internationale Netzwerk der World Design Capitals auf regionale Akteure. Die feierliche Übergabe des WDC-Titels an Busan in Südkorea bildet den symbolischen Schlusspunkt. Die Wahl der Paulskirche als Veranstaltungsort ist programmatisch: Sie gilt als Wiege der deutschen Demokratie und unterstreicht das Leitmotiv „Design for Democracy“.
Kritische Einordnung
Die Architektin und Kuratorin Anna Scheuermann, verantwortlich für die Bewerbungsphase, räumt selbst ein, dass der hochtrabende Titel der Weltdesignhauptstadt bezogen auf manche Orte in der Region „etwas lächerlich“ klinge. Allerdings sei es nie darum gegangen, zu zeigen, wie schick alles ist. Vielmehr gehe es darum, wie das Zusammenleben in der Region funktioniert.
Diese Selbstreflexion ist sympathisch, wirft aber Fragen auf. Mit 4,5 Millionen Euro Budget für Projekte und Kooperationen ist die WDC kein Prestigeprojekt ohne Substanz. Ob die Impulse jedoch über 2026 hinaus wirken, hängt von der Nachhaltigkeit der angestoßenen Prozesse ab. Die WDC-Akademie soll Projektmacherinnen und Projektmacher befähigen, langfristig wirksame Beiträge zu leisten.
Für Architektinnen und Architekten in der Region bietet das Programmjahr zahlreiche Anknüpfungspunkte. Die Verbindung von Design, Demokratie und Stadtentwicklung entspricht aktuellen Diskursen in der Fachwelt. Ob die World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 tatsächlich nachhaltige Veränderungen bewirkt oder als aufwendige Selbstinszenierung in Erinnerung bleibt, wird sich erst nach dem Programmjahr zeigen.

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