Baukunst - Geschäftsklima Architekturbüros 2026: ifo Index auf 17 Jahres Tief, Nachfrage bricht ein, KI als Hoffnungsschimmer
Nichts zu planen: Warum der Bau Turbo bei den Architekturbüros nicht ankomm

Geschäftsklima Architekturbüros 2026: ifo Index auf 17 Jahres Tief, Nachfrage bricht ein, KI als Hoffnungsschimmer

06.02.2026
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Ignatz Wrobel

Stimmung in Architekturbüros im Keller: Geschäftsklimaindex fällt auf 17 Jahres Tief

Wer zu Jahresbeginn 2026 auf einen konjunkturellen Silberstreif am Horizont der deutschen Architekturlandschaft gehofft hatte, wurde im Januar bitter enttäuscht. Der Geschäftsklimaindex (GKI) des ifo Instituts für Architekturbüros sackte auf minus 9,8 Saldenpunkte ab. Das ist nicht nur eine deutliche Verschlechterung gegenüber dem Jahresende 2025, sondern markiert zugleich den schlechtesten Wert seit dem Frühsommer 2009, als die Lehman Pleite die gesamte Immobilienwirtschaft erschütterte. Zum Vergleich: Der Gesamtwert für alle Branchen liegt im Januar bei minus 8,6 Punkten. Die Architekturbranche schneidet damit sogar schlechter ab als der ohnehin schwächelnde Durchschnitt der deutschen Wirtschaft.

Drei Jahre im Negativbereich

Der GKI basiert auf monatlichen Umfragen des Münchner ifo Instituts unter mehreren Hundert Architekturbüros und setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: der Beurteilung der aktuellen wirtschaftlichen Situation und den Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate. Beide Teilindizes fielen im Januar so schlecht aus wie seit mindestens einem Jahr nicht mehr. In der Bundesarchitektenkammer (BAK) hatte man gerade zu Jahresbeginn auf einen Aufschwung gehofft. Seit gut drei Jahren bewegen sich die Werte inzwischen im negativen Bereich. Im vergangenen Sommer zeigte der Index bei Architektinnen und Architekten zwar mehrere Monate lang nach oben, doch die Erholung hat sich nicht verfestigt.

Das ist besonders bemerkenswert, weil das Geschäftsklima bei den befragten Architekturbüros laut BAK Daten seit dem Jahr 2022 kontinuierlich eingetrübt ist. Die Geschäftserwartungen schwanken seit drei Jahren um einen negativen Saldenwert von minus 20. Zum Ende des dritten Quartals 2025 hatte der Pessimismus bei den Erwartungen sogar weiter zugenommen, die Auftragsbestände waren gesunken und die Zahlen deuteten auf erwarteten Personalabbau hin. Der kurze Lichtblick im Sommer 2025 erwies sich als Strohfeuer.

Nachfrage als Kernproblem

Die Diagnose der BAK Wirtschaftsabteilung ist eindeutig: Für die Architekturbüros ist die unzureichende Nachfrage derzeit das größte Problem und wird viel stärker als geschäftsbehindernd angesehen als der Fachkräftemangel. Diese Verschiebung der Problemwahrnehmung ist beachtenswert. Noch vor zwei Jahren klagten die Büros vorrangig über fehlende Fachkräfte. Dass nun der Mangel an Aufträgen den Personalmangel als größte Sorge abgelöst hat, zeigt die Dimension der Krise.

Offenbar wirken die politischen Maßnahmen zur Ankurbelung des Wohnungsbaus noch nicht richtig oder sind nicht richtig konzeptioniert. Diese Einschätzung deckt sich mit Zahlen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), das für 2026 nur noch rund 215.000 fertiggestellte Wohnungen prognostiziert. Das Ziel von 400.000 Wohnungen pro Jahr, das bereits die Ampel Regierung nie erreicht hatte, rückt damit in immer weitere Ferne. Im Jahr 2024 wurden so wenige Wohnungen fertiggestellt wie seit 2015 nicht mehr. Der sogenannte Bau Turbo der Bundesregierung soll über schnellere Genehmigungen gegensteuern, doch die Fakten sprechen eine andere Sprache: Nur was in den Vorjahren genehmigt wurde, kann heute baulich vollendet werden. Die Genehmigungsdauer bis zur Fertigstellung beträgt inzwischen durchschnittlich 26 Monate, bei Geschosswohnungen sogar 34 Monate.

Strukturelle Verwerfungen hinter den Zahlen

Die Malaise der Architekturbüros ist kein isoliertes Branchenphänomen, sondern Ausdruck einer tiefen strukturellen Krise des deutschen Bausektors. Der ifo Geschäftsklimaindex für die Gesamtwirtschaft verharrte im Januar 2026 unverändert bei 87,6 Punkten, die Erwartungen trübten sich leicht ein. Die deutsche Wirtschaft startet ohne Schwung ins neue Jahr. Im Bauhauptgewerbe hellte sich die Stimmung zwar etwas auf, doch im Hochbau blieb die Auftragslage weiterhin schwach. Die Kapazitätsauslastung im verarbeitenden Gewerbe sank auf 77,5 Prozent und liegt damit deutlich unter dem langfristigen Mittelwert von 83,2 Prozent.

Die knapp 40.000 deutschen Architekturbüros, zu über 90 Prozent Einheiten mit weniger als zehn Beschäftigten, spüren diese Entwicklungen unmittelbar. Eine gemeinsame Mitgliederbefragung von BAK, Bundesingenieurkammer, AHO und VBI ergab, dass knapp 40 Prozent aller befragten Büros einen rückläufigen Auftragsbestand in den vergangenen sechs Monaten verzeichneten. Nur noch 84 Prozent der Büros erzielten einen Gewinn, im Vorjahr waren es noch 97 Prozent. Die Ursachen der angespannten Lage liegen in gestörten Projektabläufen, steigenden regulatorischen Anforderungen und dem Ringen um faire Verträge mit angemessener Vergütung.

KI Boom als digitaler Lichtblick

Die Ergebnisse der Januar Befragung sind allerdings nicht durchweg negativ. Ein bemerkenswerter Befund: So viele Betriebe wie noch nie gaben an, in diesem Jahr Geld in neue Software und Digitalisierung investieren zu wollen, getrieben vom anhaltenden KI Boom. Die Branche scheint verstanden zu haben, dass Produktivitätssteigerung durch Technologie kein optionaler Luxus mehr ist, sondern Überlebensstrategie. Tatsächlich schätzen die befragten Büros ihre eigene Produktivität weiterhin sehr hoch ein, was darauf hindeutet, dass die Investitionsbereitschaft in digitale Werkzeuge bereits Früchte trägt.

Ein weiterer kleiner Lichtblick: Beschäftigte kündigen zu müssen, erwarten etwas weniger Büros als noch im Dezember. Das deutet darauf hin, dass trotz der düsteren Stimmung viele Büros versuchen, ihr qualifiziertes Personal zu halten, wohl in der Hoffnung, dass die Auftragslage irgendwann wieder anzieht. Wer einmal erfahrene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verloren hat, weiß, wie schwer es ist, sie zurückzugewinnen.

Politischer Handlungsdruck wächst

Die Zahlen des ifo Instituts sind ein Weckruf an die Politik. Die Bundesregierung hat mit dem Bau Turbo und der Aufstockung der Mittel für den sozialen Wohnungsbau auf 23,5 Milliarden Euro für den Zeitraum 2025 bis 2029 zwar Signale gesetzt. Doch zwischen politischer Absichtserklärung und spürbarer Wirkung in den Büros klafft eine Lücke, die sich mit jedem Monat negativer Konjunkturdaten weiter öffnet. Die Baugenehmigungen stiegen zwar zuletzt leicht, liegen aber im Vergleich zu 2020 noch immer um 35 Prozent niedriger. Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie warnt, dass die Fertigstellungen 2026 unter 200.000 Wohnungen fallen könnten.

Was die Branche braucht, ist keine weitere Ankündigungspolitik, sondern verlässliche Rahmenbedingungen, konsequenten Bürokratieabbau und eine ehrliche Debatte über Baukosten und Normungsdichte. Die Digitalisierung von Genehmigungsverfahren, ein besseres Flächenmanagement der Städte und die Vereinfachung regulatorischer Anforderungen stehen seit Jahren auf der Forderungsliste der Branchenverbände. Dass diese Themen nicht entschiedener angegangen werden, während der Geschäftsklimaindex auf den tiefsten Stand seit der Finanzkrise fällt, darf als politisches Versäumnis gelten. Architektinnen und Architekten planen heute, was morgen gebaut wird. Wenn sie keine Aufträge haben, fehlen übermorgen die Wohnungen.