
Digitalisierungswahn in Baubehörden: Wenn der Fortschritt zum Risiko wird
Das Aktenchaos in Niedersachsens Justiz zeigt, was passiert, wenn Digitalisierung ohne Strategie auf starre Strukturen trifft. In den Baubehörden und Architekturbüros droht dasselbe Szenario.
Der Schneesturm als Stresstest
Als Wintersturm Elli Anfang Januar 2026 über Niedersachsen fegte, brachte er nicht nur den Verkehr zum Erliegen. Er legte auch die digitale Infrastruktur der Landesjustiz lahm. Tausende Justizbedienstete arbeiteten plötzlich von zu Hause, die Server gingen in die Knie, 51 Behörden waren betroffen, 9.200 Nachrichten im elektronischen Rechtsverkehr steckten im Rückstau. Ausgerechnet wenige Tage nach der offiziellen Einführung der elektronischen Akte zum 1. Januar 2026 zeigte sich, wie fragil das System tatsächlich ist.
Der Vorfall offenbart ein Muster, das jedem Architekten und jeder Planerin bekannt vorkommen dürfte: Eine politisch gesetzte Frist, ein technisch unzureichend vorbereiteter Rollout und ein System, das beim ersten Praxistest versagt. Ob es möglicherweise sogar Revisionsgründe gab, weil Gerichte ohne vollständigen Aktenzugriff urteilen mussten, ist bis heute nicht restlos geklärt. Die CDU-Opposition macht den Ehrgeiz der niedersächsischen Justizministerin Kathrin Wahlmann verantwortlich, die wiederholt Warnungen aus dem Justizapparat ignoriert haben soll.
Eine Parallele, die Architektinnen und Architekten kennen sollten
Was in Niedersachsens Justiz geschah, ist kein isolierter Betriebsunfall. Es ist ein Menetekel für alle Bereiche der öffentlichen Verwaltung, in denen Digitalisierung verordnet wird, ohne die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Und kaum ein Bereich ist davon so unmittelbar betroffen wie das Bauwesen.
Die Bundesregierung feiert, dass inzwischen die Hälfte aller Kommunen den digitalen Bauantrag anbietet. Bundesbauministerin Verena Hubertz erklärte im Sommer 2025 in Rostock optimistisch, das Zeitalter der Aktenberge gehe zu Ende. Dreizehn Bundesländer sind an das EfA-System angeschlossen. Doch hinter den Kulissen sieht die Realität anders aus. Prof. Joaquín Díaz von der TH Mittelhessen bringt es auf den Punkt: Die Ausstattung in den Verwaltungen müsse als unterirdisch bezeichnet werden. Im Vergleich der deutschen Branchen investiert die Bauwirtschaft fast am wenigsten in Digitalisierung. Und der erste Schritt bestehe ohnehin nur darin, von Papier auf PDF umzustellen, was den Prozess kaum beschleunige, wenn digital eingereichte Dokumente weiterhin ausgedruckt, mit handschriftlichen Anmerkungen versehen und wieder eingescannt würden.
Föderalismus als digitaler Flickenteppich
Die strukturellen Parallelen zwischen Justiz und Bauaufsicht sind frappierend. In der Justiz existieren drei verschiedene eAkten-Systeme nebeneinander mit unterschiedlichen Datenformaten und Schnittstellen. Im Bauwesen sieht es nicht besser aus: Bei rund 900 Bauaufsichtsbehörden in Deutschland gibt es kommunale Eigenentwicklungen, Landeslösungen und das EfA-Bundessystem, die selten miteinander kompatibel sind. Teilweise weichen die Prozesse sogar auf kommunaler Ebene vom eigenen Bundesland ab.
Dieser digitale Flickenteppich erinnert an die Globalisierung, als zu wenig über Abhängigkeiten nachgedacht wurde. Nur dass es diesmal nicht um Lieferketten aus Fernost geht, sondern um die digitale Abhängigkeit von Servern, die bei einem Schneesturm kapitulieren, von Software, die zwischen Behörden nicht kommuniziert, und von Systemen, die eine einzige Fachkraft in einem Landesrechenzentrum versteht.
Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit in Architekturbüros
Die PwC-Studie 2025 zur deutschen Bauindustrie zeichnet ein ernüchterndes Bild: 82 Prozent der Unternehmen benennen fehlendes fachliches Know-how als Hauptproblem bei der Umsetzung der Digitalisierung. Die Nachfrage nach digitalen Lösungen in Vergabeverfahren nimmt seit 2021 sogar ab, obwohl BIM bei öffentlichen Aufträgen seit 2022 Pflicht ist. Die Schere zwischen theoretischen Möglichkeiten und tatsächlichen Fähigkeiten geht seit Jahren weiter auf. Bei IoT-Lösungen attestieren 62 Prozent der Befragten großes Potenzial, aber nur zehn Prozent bringen entsprechende Kompetenzen mit.
Das betrifft auch die Büros. Viele Architektinnen und Architekten erstellen ihre Planungen intern längst digital und modellbasiert. Aber sobald es um die Zusammenarbeit mit externen Beteiligten an gemeinsamen digitalen Modellen geht, fehlt die Kompetenz, wie Díaz beobachtet. Der BIM-basierte Bauantrag, der eigentlich die Qualität der eingereichten Unterlagen spürbar steigern könnte, bleibt in den meisten Kommunen Zukunftsmusik. Die reale Praxis heißt: PDF hochladen und warten.
Österreich und die Schweiz: Andere Wege, ähnliche Probleme
Der Blick in die Nachbarländer zeigt, dass das Problem kein rein deutsches ist. In Österreich steckt die Digitalisierung der Bauverfahren laut dem Forschungsprojekt baubehoerde.at in einer starken Fragmentierung fest. Einreichung, Prüfung und Kommunikation mit Parteien weisen einen geringen Digitalisierungsgrad auf. Es fehlt weder an gutem Willen noch an einzelnen Initiativen, aber an einer übergreifenden Strategie. In der Schweiz gilt die BIM-Pflicht im öffentlichen Bereich zwar seit 2025, doch die Schweizer Baubetriebe geben bezeichnenderweise als Hauptmotivation nicht Kosten- oder Zeitersparnis an, sondern die Steigerung der Bauqualität. Das deutet darauf hin, dass der versprochene Effizienzgewinn bislang eher ein Versprechen geblieben ist.
Ganz oder gar nicht reicht nicht als Strategie
Der ehemalige Hamburger Justizsenator Till Steffen hat für die Justiz formuliert, was ebenso für die Baubehörden gilt: Digitalisierung gelingt nur mit einem klaren Schnitt. Statt beides ein bisschen zu wollen, müsste die Devise lauten: ganz oder gar nicht. Das klingt überzeugend, ist aber in der Praxis gefährlich, wenn die Voraussetzungen nicht stimmen.
Denn genau das ist die Lehre aus Niedersachsen: Wer zu 100 Prozent auf Digitalisierung setzt, ohne die Infrastruktur, die Schulung und die Redundanz mitzudenken, riskiert den Totalausfall. Ein Architekturbüro, das ausschließlich cloudbasiert arbeitet und bei einem Serverausfall keinen Zugriff mehr auf laufende Projekte hat, steht genauso hilflos da wie ein Gericht ohne Akten. Eine Baubehörde, die nur noch digital kommuniziert, aber deren System bei Wartungsarbeiten tagelang offline geht, produziert Verzögerungen, die am Ende die Bauherrinnen und Bauherren bezahlen.
Rund 300.000 Fachkräfte fehlen laut IG Bau im deutschen Bauwesen. Allein 2023 gingen 18.000 in den Ruhestand, nur 13.000 neue Ausbildungsverhältnisse begannen. Wer soll die digitale Transformation in den Büros und auf den Baustellen umsetzen, wenn das Personal nicht einmal für die analogen Aufgaben reicht?
Was jetzt geschehen muss
Die Antwort kann nicht lauten, die Digitalisierung abzulehnen. Das wäre ebenso naiv wie die blinde Fortschrittsgläubigkeit, die gerade in Niedersachsen gescheitert ist. Die Antwort muss lauten: Digitalisierung mit Fallnetz. Das bedeutet hybride Systeme, die im Notfall funktionieren. Das bedeutet Investitionen in Schulung, bevor der Stichtag kommt. Das bedeutet bundesweite Standards statt föderaler Kleinstaaterei. Dänemark hat BIM im öffentlichen Bereich bereits im Jahr 2000 eingeführt und das IFC-Format 2013 verbindlich gemacht. Deutschland debattiert 2026 noch über PDF-Upload.
Die Justiz hat sich gerade ein weiteres Jahr Aufschub verschafft: Das Opt-out-Gesetz ermöglicht die Verschiebung des eAkten-Starts auf Januar 2027. Das ist kein Zeichen von Besonnenheit, sondern von Versagen. Für die Baubehörden gibt es kein vergleichbares Sicherheitsnetz. Wenn dort die Systeme abstürzen, stehen Genehmigungsverfahren still, Bauprojekte verzögern sich, Kosten explodieren.
Nach vier Jahrzehnten in der Architektur bleibt die Erkenntnis: Fortschritt, der die Grundlagen ignoriert, ist kein Fortschritt. Ein Gebäude ohne tragfähiges Fundament stürzt ein, egal wie brillant der Entwurf ist. Für die Digitalisierung der Baubehörden und Architekturbüros gilt nichts anderes.

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