Baukunst - Grund und Boden im K21 Düsseldorf: Ausstellung über Bodenrecht, Wohnen und globale Ressourcengerechtigkeit
Wem gehört die Erde? K21 Düsseldorf rechnet mit 500 Jahren Bodenspekulation ab © Depositphotos_226699346_S.jpg

Grund und Boden im K21 Düsseldorf: Ausstellung über Bodenrecht, Wohnen und globale Ressourcengerechtigkeit bis April 2026

23.02.2026
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Claudia Grimm

Boden unter den Füßen: Wie das K21 Düsseldorf die große Ressourcenfrage stellt

Wer besitzt die Erde?

Wem gehört der Boden? Diese scheinbar simple Frage entpuppt sich als eine der komplexesten und drängendsten der Gegenwart, sobald man das K21 in Düsseldorf betritt. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zeigt dort noch bis zum 19. April 2026 die Ausstellung „Grund und Boden. Wie wir miteinander leben“ und macht dabei deutlich, dass Bodenrecht, Ressourcenverteilung und soziale Gerechtigkeit keine abstrakten Konzepte sind, sondern handfeste politische Realitäten.

Kurator Kolja Reichert hat 34 internationale Künstlerinnen und Künstler sowie Kollektive versammelt, die das Thema aus so unterschiedlichen Perspektiven beleuchten, dass das gesamte Haus vom Keller bis zur ikonischen Glaskuppel davon durchdrungen ist. Zusätzlich greift die Ausstellung auf den angrenzenden Ständehauspark über. Erde, Kohle, Lotusseide, Schokolade: Die Materialien allein erzählen Geschichten von Ausbeutung, Transformation und Eigentum.

Ein Ort mit Parlamentsgedächtnis

Der Veranstaltungsort ist dabei kein beliebig gewählter Kunstcontainer. Das ehemalige Ständehaus am Kaiserteich war das erste gebaute Parlamentsgebäude im Rheinland. Julius Raschdorff, der spätere Berliner Dombaumeister, errichtete es zwischen 1876 und 1880 als preußischen Provinziallandtag. Von 1949 bis 1988 tagte hier der nordrhein-westfälische Landtag, bevor das Haus 2002 nach Grundsanierung als Museum für internationale Gegenwartskunst neu eröffnete.

Diese Parlamentsvergangenheit ist keine Fußnote, sondern konzeptueller Kern der Schau. In einem Gebäude, in dem einst über Eigentumsrechte, Bodenpolitik und regionale Ressourcenverteilung verhandelt wurde, stellen heute Künstlerinnen und Künstler exakt dieselben Fragen, allerdings mit den Mitteln der Kunst. Das ist keine Symbolik um ihrer selbst willen, sondern eine ehrliche Kontextualisierung.

Vom Rheinland in den Kongo und zurück

Die Ausstellung denkt lokal und agiert global. Mehrere Werke beschäftigen sich mit der Geschichte des Kohlebergbaus im Rheinland als Fundament des industriellen Wohlstands der Region. Dieser Wohlstand war nie selbstverständlich und schon gar nicht kostenlos zu haben: Er ruhte auf Arbeit, auf Landverbrauch, auf Umweltzerstörung. Das spürt Asche Lützerathi in einer abschließenden Performance nach, die am letzten Ausstellungstag, dem 19. April 2026, mit einer Busreise nach Hambach führt, zum größten Braunkohletagebau Europas.

Den stärksten Gegenpol zu diesem rheinländischen Industrie-Erbe bildet das Cercle d’Art des Travailleurs de Plantation Congolaise (CATPC), der Künstlerbund Kongolesischer Plantagenarbeiterinnen und -arbeiter. Auf einer ehemaligen Palmölplantage des Unilever-Konzerns im Kongo haben diese Autodidaktinnen und Autodidakten eine bemerkenswerte Praxis entwickelt: Sie verarbeiten koloniales Erbe in Lehmfiguren, scannen diese in 3D und gießen sie in Schokolade um. Der Erlös aus dem Kunstmarktverkauf ermöglichte bislang die Renaturierung von 20 Hektar Land sowie den Bau eines lokalen Museums. 2024 bespielte CATPC den niederländischen Pavillon auf der Kunstbiennale Venedig. Die Figur eines belgischen Offiziers, 1931 im Zusammenhang mit einem Aufstand gegen belgische Kolonialgewalt entstanden und aus dem Kunstmuseum Richmond ausgeliehen, ist ebenfalls in der Schau zu sehen. Nachhaltigkeit und Restitution werden hier nicht bloß beschworen, sondern praktiziert.

Selbstverwaltung als Utopie und Realität

Im Zentrum der Ausstellung steht die Frage der Selbstverwaltung. Vor 500 Jahren, zu Beginn des Buchdrucks und des Finanzkapitalismus, lehnten sich deutsche Bauern gegen Privatisierung und undurchsichtige Abgaben auf. Alex Wissel verbindet in Wandzeichnungen die Bauernproteste von damals mit zeitgenössischen Demonstrationen.

Blockchain-Technologie erscheint in mehreren Werken als modernes Instrument kollektiven Eigentums, scheitert aber immer wieder an der Realität staatlicher Strukturen. terra0, ein Berliner Künstlerduo, verwaltet ein Waldbiotop in Brandenburg via Blockchain und deutschem Vereinsrecht, musste dafür aber Pionierarbeit mit dem Finanzamt leisten. Johannes Büttner besucht mit der Kamera Liberland, jenen selbsterklärten Kryptostaat zwischen Serbien und Kroatien, der für 10.000 US-Dollar in Bitcoin Pass und Landzertifikat verkauft. Was dort als Freiheit verkauft wird, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als libertäre Vereinnahmung eines Begriffs, den die Gegenwart dringend braucht.

Maria Thereza Alves zeigt in einer Videoinstallation, wie indigene Agroforst-Agentinnen und -Agenten ohne staatliche Unterstützung ein Waldgebiet in Amazonien von der Größe Brandenburgs verwalten, indem sie die Synergien der Natur nutzen. Das Modell ist älter als jede Blockchain und funktioniert besser als die meisten staatlichen Naturschutzprogramme.

Düsseldorf als regionaler Ankerpunkt

Für das Rheinland besonders relevant sind die Arbeiten von Chris Reinecke und Lutz Mommartz, die 1971 den Gustaf-Gründgens-Platz vor dem Düsseldorfer Schauspielhaus besetzten und gegen politisch tolerierten Mietwucher demonstrierten. Mommartz‘ Film „Mietersolidarität“ zeigt Reineckes Ansprache gegen Spekulation mit Grund und Boden, ergänzt durch satirische Entwürfe für selbstgebaute Siedlungen und Beete im Hofgarten. Das klingt wie ein zeitgenössisches Wohnpolitikdossier, ist aber über 50 Jahre alt.

Havîn Al-Sîndy baut im Ständehauspark den Raum eines Lehmhauses aus dem irakischen Kurdistan auf, in dem sie aufwuchs. Lehmhäuser, buchstäblich aus dem Boden gebaut, auf dem sie stehen, sind eine der ältesten und meistverbreiteten Bauweisen weltweit. Der Kontrast zur Neo-Renaissance-Architektur des Ständehauses könnte kaum größer und produktiver sein.

Kritischer Befund

„Grund und Boden“ ist eine der politisch ambitioniertesten Ausstellungen, die das K21 seit seiner Eröffnung gezeigt hat. Das Konzept, den historischen Ort als Argument zu nutzen, überzeugt. Die kuratorische Entscheidung, Blockchain-Kunst nicht zu feiern, sondern zu bilanzieren und zu hinterfragen, verdient Respekt.

Gleichwohl stellt sich die Frage, ob ein Kunstmuseum der richtige Ort ist, um Bodenpolitik zu verhandeln. Die Antwort lautet: Ja, solange es nicht bei Kunst bleibt. Das Begleitprogramm mit drei kostenlosen Aktionstagen zu den Themen Handeln, Wohnen und Pflanzen, lokalen Vereinen, offenen Workshops und Stadtführungen zeigt, dass die Ausstellung tatsächlich in die Stadt hineinwirken will. Ob die Besucherinnen und Besucher danach mit anderen Augen auf die Mietpreisexplosion in Düsseldorf blicken, bleibt offen. Daran muss sich das Projekt messen lassen.

Die Ausstellung „Grund und Boden. Wie wir miteinander leben“ ist bis 19. April 2026 im K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Ständehausstraße 1, Düsseldorf, zu sehen. Eintritt frei jeden Freitag von 15 bis 18 Uhr, ermöglicht durch die Deutsche Postcode Lotterie.


Besucherinformation

Ausstellung Grund und Boden. Wie wir miteinander leben 29. November 2025 bis 19. April 2026

Ort K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen Ständehausstraße 1, 40217 Düsseldorf

Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag sowie Feiertags: 11 bis 18 Uhr Montag: geschlossen Jeden ersten Mittwoch im Monat: bis 22 Uhr (KPMG-Kunstabend, Eintritt ab 18 Uhr frei)

Eintritt 14 Euro / ermäßigt 12 Euro / 5 Euro Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre: frei Jeden Freitag von 15 bis 18 Uhr: freier Eintritt (ermöglicht durch die Deutsche Postcode Lotterie)

Führungen Sonn- und feiertags 15 bis 16 Uhr: 5 Euro zuzüglich Eintritt, Anmeldung erforderlich

Kontakt Tel. +49 (0)211 8381-204 service@kunstsammlung.de www.kunstsammlung.de