
Liebe Kollegin, lieber Kollege,
die Stille nach dem letzten Konzert hält immer etwas länger an als erwartet. Der Abend unter freiem Himmel, das Gespräch danach beim Wein, die Skizze, die am nächsten Morgen plötzlich auf einem Serviettenstück weitergezeichnet wird – das sind keine Zufälle. Das ist das Wesen der Sommerakademie. Und es ist kein Zufall, dass all das an einem bestimmten Ort stattfindet.
Schloss Wagrain ist kein Tagungshotel, sondern Heimat
Schloss Wagrain ist der Heimatort der Baukunst. Hier trifft sich die Redaktion, hier hat der Baukunst Förderverein seinen Sitz, hier kehren viele der Vortragenden seit Jahren regelmäßig ein. Als die Idee der Sommerakademie entstand, war die Begeisterung unter den Beteiligten sofort da: Natürlich hier.
Wer nach Wagrain kommt, betritt keinen neutralen Konferenzraum. Er kommt an einen Ort, der bereits mit dem Denken über Architektur aufgeladen ist – mit Gesprächen, die hier geführt wurden, mit Ideen, die hier entstanden sind, und mit Menschen, die diese Ideen weitergetragen haben. Die Vortragenden sind keine eingekauften Referentinnen und Referenten. Sie sind Stammgäste, die aus Überzeugung dabei sind.
Dieser Unterschied ist spürbar. Fortbildung an einem Ort, der bereits Gemeinschaft verkörpert, wirkt anders als jede neutrale Tagungsstätte. Wer drei Tage in Wagrain verbringt, kehrt nicht nur mit Notizen zurück – er kehrt mit einem Gefühl zurück, das schwer zu beschreiben, aber leicht zu erkennen ist: dazuzugehören.
Drei Welten, eine Gemeinschaft
Wir leben in einer Zeit, in der jede Fachfrage in Sekunden beantwortet werden kann. Und dennoch: Die Kompetenz, die Architektinnen und Architekten im Alltag am meisten fehlt, ist nicht Information – sondern Urteilsvermögen.
Urteilsvermögen entsteht nicht im Webinar. Es wächst im Gespräch.
Das Programm der Sommerakademie 2026 verbindet drei Wissensbereiche, die im Büroalltag täglich aufeinandertreffen, aber selten gemeinsam gedacht werden.
Der technische Block zur Künstlichen Intelligenz ist keine Einführungsveranstaltung mehr. Die Fragen, die Büros heute stellen, sind konkreter: Welche Werkzeuge lohnen sich für welche Projektphase? Wo liegt das rechtliche Risiko beim Einsatz automatisierter Texte in Leistungsverzeichnissen? Wie verändert sich die Arbeit mit Auftraggebern, wenn Visualisierungen in Minuten entstehen? Diese Fragen brauchen keine Foliensätze – sie brauchen Diskussion unter Praktikerinnen und Praktikern.
Der rechtliche Block mit Baurecht-Spezialist Julian Stahl bringt jene Sicherheit, die im Studium systematisch fehlt: das Verständnis für Haftung, Honorar und die kleinen Formulierungen, die große Konsequenzen haben. Weniger Haftung, mehr Honorar – das ist kein Slogan. Es ist das Ergebnis von Wissen, das konsequent in den Büroalltag übertragen wird.
Und dann ist da die Zeichnung. Professor Holze führt in der Sommerakademie ein, was viele Architektinnen und Architekten im Studium als selbstverständlich lernten und im Büroalltag langsam verlernt haben: das freie Zeichnen als Denkinstrument. Nicht als nostalgische Übung, sondern als Gegengewicht zur digitalen Präzision. Die Hand, die zeichnet, denkt anders als der Finger, der klickt.
Das Konzert am Abend, der gemeinsame Gang durch gebaute Architektur, die Diskussion darüber, was gelungen ist und was nicht: Das sind keine Rahmenprogramme. Das ist das Programm.
Förderverein als Fundament
Die Sommerakademie 2026 ist auch ein Einstieg. Mit der Gründung des Baukunst Fördervereins entsteht ein Rahmen, der über einzelne Kursbesuche hinausgeht. Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Sommerakademie erhalten im ersten Jahr eine kostenlose Mitgliedschaft – und damit Zugang zu einem Netzwerk, das sich über die eigenen Bürogrenzen hinaus erstreckt.
Jährliche Treffen in Venedig mit Zugang zur Architekturbiennale, Mentoring-Programme, exklusive Ressourcen für Mitglieder: Das sind keine Nebenleistungen. Das ist der Versuch, etwas aufzubauen, was der deutschen Architekturszene fehlt – eine Gemeinschaft von Praktikerinnen und Praktikern, die sich regelmäßig begegnen und voneinander lernen, nicht aus Pflicht, sondern aus Überzeugung.
Für wen ist das?
Nach vielen Jahren in diesem Beruf lässt sich sagen, wer von solchen Formaten am meisten profitiert: nicht die Berufsanfänger, die noch alles lernen müssen, und nicht die arrivierten Partner großer Büros, die bereits alles wissen. Es sind die Architektinnen und Architekten in der Mitte – mit fünf bis fünfzehn Jahren Erfahrung, mit dem Bewusstsein, dass das Studium nicht auf den Beruf vorbereitet hat, und mit der Energie, das zu ändern.
Wer in dieser Lebensphase den Austausch sucht und findet, verändert sein Büro. Oft still, ohne großes Aufheben – aber dauerhaft.
Die anderen Beiträge dieser Ausgabe gehen tiefer in einzelne Themen: KI in den Leistungsphasen, rechtliche Absicherung im Bestandsbau, Materialwahl unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten. Lesen Sie sie mit der Frage, welche davon Sie in Wagrain weiterdenken möchten.
Mit herzlichen Grüßen,
Stuart Stadler
Baukunst Akademie

Propaganda oder Polyphonie? Die Rückkehr Russlands zur Venedig-Biennale 2026

Abholzen statt Aufforsten: Bayern gibt den Holzbau auf









