
Baukunst.art | Kategorie: Bildung
Jugend plant Zürichs Opernhaus um: Warum ein Wettbewerb zeigt, was Schulen bei der Architekturbildung versäumen
Architektonische Bildung beginnt nicht im Seminarraum, sondern am konkreten Ort. Das hat der Jugendarchitekturwettbewerb des Opernhauses Zürich eindrucksvoll bewiesen: Rund 700 Schülerinnen und Schüler aus dem gesamten Kanton Zürich haben sich zwischen Herbst 2025 und dem Einsendeschluss am 22. Februar 2026 mit einem genuinen städtebaulichen Problem auseinandergesetzt. Ihre Aufgabe war alles andere als abstrakt: Am Sechseläutenplatz, zwischen dem historischen Opernhaus von 1891 und dem Zürichsee, entsteht ein neues Gebäude mit einem öffentlichen Begegnungsraum und einer Aussichtsterrasse. Bevor internationale Architekturbüros die Entwürfe übernehmen, durfte die Jugend vorausdenken.
Über 350 Arbeiten sind dabei entstanden und in einer öffentlichen Ausstellung vom 7. bis 17. März 2026 in der Baugewerblichen Berufsschule Zürich (BBZ) gezeigt worden. Dass die BBZ als Ausstellungsort gewählt wurde, ist kein Zufall: Sie bildet junge Menschen für bauverwandte Berufe aus, befindet sich in einem zeitgemäßen Neubau und liegt gut erreichbar in der Nähe des Hauptbahnhofs. Die Ausstellung bleibt als Online-Format dauerhaft abrufbar.
Was leistet ein Architekturwettbewerb für die Bildung von Jugendlichen?
Architekturbezogene Bildungsangebote beschränken sich an Schulen häufig auf Besichtigungen, punktuelle Kunstprojekte oder sporadische Kooperationen mit Planungsbüros. Der Wettbewerb des Opernhauses Zürich geht einen anderen Weg: Zehn- bis Achtzehnjährige bearbeiteten echte Planungsfragen, die das reale Bauprojekt „Zukunft Oper“ direkt betreffen. Drei Themenfelder standen zur Auswahl: die Innenraumgestaltung beziehungsweise der öffentliche Begegnungsraum, die Terrasse und der Aussenraum sowie die Transformation von Alt- zu Neubau.
Diese Dreiteilung ist pädagogisch klug. Sie entspricht den tatsächlichen Planungsphasen und Interessenschwerpunkten, die auch Profis beschäftigen. Wer als Schülerin oder Schüler darüber nachdenkt, wie Innenräume gleichzeitig einladend und ruhig, belebt und geschützt sein können, übt räumliches Vorstellungsvermögen, das keine Lehrbuchangelegenheit ist. Wer sich mit dem Übergang zwischen historischer Substanz und zeitgenössischem Neubau beschäftigt, trifft auf eine der zentralsten Fragen der gegenwärtigen Architektur. Das Thema Transformation und Bestandserhalt steht spätestens seit den Debatten rund um die Novelle des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) und die Diskussionen über serielle Sanierung ganz oben auf der baupolitischen Agenda.
Getragen wurde der Wettbewerb vom Opernhaus Zürich und der Stiftung Zukunft Opernhaus Zürich sowie dem Heimatschutzzentrum, OFFCUT Zürich, Schule und Kultur sowie dem ZAZ BELLERIVE Zentrum für Architektur Zürich. Dieses institutionelle Bündnis aus Kulturhaus, Denkmalschutzorganisation, Bildungseinrichtung und Architekturvermittlungszentrum ist in seiner Breite bemerkenswert und dürfte ein wesentlicher Faktor für die hohe Beteiligung sein.
Ein Lernformat, das verschiedene Zugänge verbindet
Dem Wettbewerb war ein differenziertes Workshop-Programm vorgelagert, das unterschiedliche Lerntemperamenten gerecht wurde. Bei OFFCUT Zürich konnten Jugendliche im Workshop „Der grosse Wurf“ mit Materialien arbeiten, die sonst im Abfall landen würden. Das haptische Bauen mit Recyclingmaterialien verknüpft Architekturvermittlung unmittelbar mit Kreislaufdenken, einem Thema, das in der Ausbildung von Architektinnen und Architekten zunehmend Gewicht erhält.
Das Lernzentrum Tekmania bot mit der „Minecraft Architecture Challenge“ einen digitalen Zugang. Der Auftrag lautete, ein modernes Bauwerk zu gestalten, das respektvoll mit dem historischen Opernhaus umgeht. Das ist konzeptionell anspruchsvoll, auch wenn das Werkzeug ein Computerspiel ist. Minecraft hat sich in den vergangenen Jahren als niederschwelliges Planungstool bewährt, das räumliches Denken fördert, ohne technisches Vorwissen vorauszusetzen.
Das Architekturatelier spacecake schließlich bot in Werkraummodulen und Ferienkursen intensive Begleitung an. Alle dort entstandenen Entwürfe wurden gemeinschaftlich als „Team spacecake“ eingereicht, eine bewusste Entscheidung: Kooperatives Entwerfen, das kollektive Ringen um die beste Lösung, ist eine Kernkompetenz in jedem Planungsbüro. Wer diese Erfahrung früh macht, entwickelt ein anderes Verständnis von Architektur als kollektiver Praxis.
Was die Ergebnisse über das Potenzial junger Planender verraten
Die Jury hatte eine schwierige Aufgabe. In der Kategorie 1 (10 bis 12 Jahre) überzeugten Emma M. und Claire B. mit einem Entwurf, der durch Detailliebe, geschützte Rückzugsorte und eine architektonische Inversion begeisterte: Das Innere wurde nach außen gestülpt. Diese konzeptionelle Entscheidung zeigt, dass radikale Ideen nicht das Vorrecht von Architekturstudierenden sind.
In der mittleren Altersgruppe (13 bis 15 Jahre) gewann eine vollständige Schulklasse der Aemtler-B-Sekundarschule Zürich, begleitet von ihrer Lehrerin Julia Hofstetter. 22 Schülerinnen und Schüler haben gemeinsam einen Entwurf entwickelt, der die Jury für seine spriessende Kreativität und ästhetische Umsetzung begeisterte. Dieser Hauptpreis der Kategorie 2 zeigt, wie fruchtbar kollektives Entwerfen sein kann, wenn es von einer engagierten Lehrperson begleitet wird.
Den Hauptpreis der Kategorie 3 (16 bis 18 Jahre) holten sich Arthur T. und Oscar V. von der Kantonsschule Zürich Nord mit ihrem Entwurf „Schwebendes Forum“. Die klare Formsprache, das Dachkonzept und die bewusste Öffnung nach außen haben die Jury überzeugt. Besonders gewürdigt wurde die intensive Auseinandersetzung mit der Verbindung von Alt- und Neubau, eine Thematik, die in der aktuellen Architekturdebatte rund um Transformation, Abriss und Bestandserhalt zentral ist.
Der Publikumspreis kann noch bis zum 1. April 2026 über die Online-Ausstellung vergeben werden.
Warum solche Formate auch in Deutschland Schule machen sollten
Der Jugendarchitekturwettbewerb des Opernhauses Zürich ist mehr als ein Kommunikationsprojekt eines Kulturhauses. Er ist ein übertragbares Modell dafür, wie Architekturvermittlung gelingen kann: wenn sie an reale städtebauliche Vorhaben geknüpft ist, unterschiedliche Lernformate verbindet und die Ergebnisse öffentlich sichtbar werden.
In Deutschland fehlen vergleichbare Formate weitgehend. Die Bundesarchitektenkammer (BAK) hat verschiedene Bildungsinitiativen angestoßen, doch ein systematisches Programm, das Architekturwettbewerbe für Jugendliche dauerhaft an reale Bauprojekte koppelt, existiert nicht. Dabei wäre das Potenzial groß: Baugewerbliche Schulen, Handwerkskammern, Architektenkammern und Kulturinstitutionen könnten in ähnlichen Konstellationen zusammenarbeiten. Die Bayerische Architektenkammer verfügt über ein gut ausgebautes Netzwerk, das als Grundlage für ein entsprechendes Pilotprogramm dienen könnte.
Architekturbildung, die greift, beginnt mit echten Orten und echten Fragen. Zürich hat vorgemacht, wie das aussehen kann.

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