
baukunst.art | Kategorie: Inspiration | 03.02.2026
Rohheit als Haltung
Es gibt Gebäude, die sich entschuldigen. Die unter Verputz verschwinden, unter Dämmplatten, unter dem gleichmäßigen Weiss des Zeitgeists. Und dann gibt es das ZK/U. Das Zentrum für Kunst und Urbanistik in Berlin-Moabit versteckt nichts. Ziegelwände, die seit Jahrzehnten Wind und Ruß gespeichert haben, stehen unverhüllt im Raum. Darüber wölbt sich eine neue Haut aus Stahl und Glas, filigran wie ein Gewächshaus und selbstbewusst wie ein Manifest. Es ist diese Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart, die den Bau von Peter Grundmann Architekten zu einem der eindrücklichsten Werke der jüngsten deutschen Architekturgeschichte macht – und die ihm am 30. Januar 2026 den DAM Preis eingebracht hat.
Geschichte als Fundament
Die Geschichte des Ortes beginnt 2012, als der Verein KUNSTrePUBLIK e.V. eine leer stehende Lagerhalle des ehemaligen Güterbahnhofs in Beschlag nahm. Was sich dort entwickelte, lässt sich nicht leicht beschreiben: Nachbarschaftsmärkte, Künstler-Residencies, Stadtforschung, Konzerte, Kinovorführungen – ein Mikrokosmos aus urbanem Engagement und künstlerischer Energie. Doch der Raum wurde knapp. 2016 fiel die Entscheidung zur Erweiterung, und eine entscheidende Bedingung stand von Anfang an fest: Der umliegende Park durfte nicht angetastet werden. Die Lösung war so konsequent wie unerwartet – nach oben wachsen.
Aus einem europaweiten Vergabeverfahren ging 2019 Peter Grundmann als Sieger hervor, ein Architekt, der für seine experimentellen Einfamilienhäuser bekannt ist und dessen Handschrift man am besten mit dem Begriff der konstruktiven Ehrlichkeit beschreibt. Der gelernte Schiffsbauer bringt in jedes Projekt eine handwerkliche Präzision, die sich weniger im Glatten als im Nachvollziehbaren zeigt. Beim ZK/U wurde das zur programmatischen Tugend.
Die Ästhetik des Sichtbaren
Was die Jury des Deutschen Architekturmuseums besonders würdigte, ist genau jenes Prinzip, das manchen Besucherinnen und Besuchern zunächst rätselhaft erscheinen mag: Die alte Substanz bleibt. Das Dach wurde abgetragen, doch alle Wände und Decken des Gewölbekellers, die rauen Ziegelflächen, die nicht mehr tragenden Bestandswände – sie blieben. Um sie herum wächst eine zweite, neue Schicht: eine leichte Stahl-Glas-Konstruktion, die die historische Hülle umschliessen und ergänzt, ohne sie zu dominieren.
Die neuen Lasten werden über klar ablesbare Stützen abgetragen. Wer den Raum betritt, kann die Konstruktion lesen wie einen Satz. Lastpfade, Verbindungspunkte, Fassadenanschlüsse – alles ist sichtbar, nichts ist kaschiert. Diese Art von Transparenz ist mehr als Stilmittel; sie ist Haltung. Architektur als offene Lehrveranstaltung, als Einladung zum Verstehen.
Besonders bemerkenswert: Die komplexen Fassadenanschlüsse zwischen Bestand und Neubau fertigte Grundmann zum Teil in Eigenleistung. Was bei kleineren Projekten selbstverständlich erscheinen mag, ist bei einem Bauvolumen dieser Grössenordnung – rund sechs Millionen Euro Fördermittel, rund 2.000 Euro pro Quadratmeter Baukosten – aussergewöhnlich. Es ist dieses Verhältnis von Mitteleinsatz und Raumwirkung, das die Jury beeindruckte: mit Mut und handwerklichem Können dort einzuspringen, wo das Budget endet.
Räume, die atmen
Das Erdgeschoss – die ursprüngliche Lagerhalle – blieb als Hülle erhalten und bildet heute den grossen Veranstaltungsraum. Im Gewölbekeller darunter: Ausstellungsfläche und Bar, mit der besonderen Qualität eines Raums, der nie für Kunst gebaut wurde und gerade deshalb eine eigentümliche Spannung erzeugt. Das neue Obergeschoss liegt auf einer vorgespannten Decke, erschlossen über zwei Aussentreppen und einen umlaufenden Laubengang, der nicht nur Erschliessung ist, sondern auch Sonnenschutz, Schwellenraum und informeller Kommunikationsort zugleich.
Auf der Eingangsseite bildet die neue Glashülle Foyer und Windschutz, auf der Gartenseite entsteht ein rund sechs Meter tiefer Raum mit eigener atmosphärischer Dichte. Und auf dem Dach: eine Terrasse mit Blick über die Bahntrassen und den Westhafen. Täglich 180.000 Pendlerinnen und Pendler der S-Bahn, Regional- und Fernzüge passieren diesen Ort – und sehen, was aus einem verlassenen Güterbahnhof werden kann, wenn man ihn ernst nimmt.
Das Prinzip Haus-im-Haus
Was auf den ersten Blick wie das Unfertige wirkt, ist in Wahrheit das Ergebnis präziser energetischer Überlegung. Das Low-Tech-Konzept des ZK/U basiert auf dem Haus-im-Haus-Prinzip: Die historischen Ziegelmauern im Erdgeschoss werden von einer Hülle aus Dreifachverglasung umschlossen. Auf der Südseite temperiert die neue Glasgalerie die alte Halle, während auf der Nordseite ein zweiter grosser Raum entstand. Ohne Klimaanlage, ohne aufwendige Haustechnik – mit Physik, Geometrie und Verständnis für das Bestandsgebäude.
Das ZK/U erfüllt die aktuellen Anforderungen der Energieeinsparverordnung, ohne auf jene verkleidende Dämmtechnik zurückzugreifen, die den Häusern anderswo ihre Geschichte austreibt. Nachhaltigkeit als Materialehrlichkeit, nicht als Greenwashing.
Gemeinschaft als Bauauftrag
DAM-Direktor Peter Cachola Schmal lobte in seiner Jurybegründung das Projekt mit den Worten, es zeige „Gestaltungswillen und Können, Haltung und Gestaltung“ – und hob besonders die enge Zusammenarbeit zwischen dem Büro Grundmann und dem Verein KUNSTrePUBLIK hervor. Diese Partnerschaft ist keine Randnotiz, sondern der eigentliche Kern des Projekts. Architektur entsteht hier nicht für, sondern mit den Menschen, die sie nutzen.
Das Gebäude ist eingebettet in einen öffentlichen Park, dessen Pflege der Verein selbst übernimmt. Es gibt keine Zäune, keine Zugangsbeschränkungen, keine Hierarchie zwischen innen und aussen. Das ZK/U gehört dem Quartier – und das spürt man in jedem Raum.
Was der DAM Preis 2026 sagt
Mit dem 19. DAM Preis – vergeben am 30. Januar 2026 im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt – setzt die Jury ein deutliches Zeichen: Architektur muss nicht glatt sein, um zu überzeugen. Sie muss nicht teuer sein, um zu bewegen. Sie muss nicht fertig aussehen, um vollständig zu sein. Peter Grundmann hat ein Gebäude geschaffen, das die Geschichte seines Ortes fortschreibt, ohne sie zu überschreiben. Das ist, in der grossen Stille seiner nüchternen Konstruktion, eine zutiefst poetische Leistung.
Die Shortlist-Ausstellung mit allen 23 nominierten Projekten ist bis zum 10. Mai 2026 im DAM, Schaumainkai 43, Frankfurt am Main zu sehen.

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