
baukunst.art | Kategorie: BILDUNG
Stuart Stadler, Architekt | Herausgeber Baukunst.art | Stand März 2026
Die Venedig-Biennale als Lernort über Kunst, Krieg und kulturelle Verantwortung
Die Venedig-Biennale ist seit ihrer Gründung 1895 nicht nur Ausstellungsort, sondern kultureller Lehrraum: Hier artikulieren Gesellschaften, was sie für zeitgenössisch, notwendig und sagbar halten. Dass ausgerechnet dieser Ort im Frühjahr 2026 zum Schauplatz einer hitzigen Debatte über die Rückkehr Russlands geworden ist, überrascht kaum. Es ist eine Debatte, die weit über Kunstpolitik hinausgeht und grundlegende Fragen der kulturellen Bildung aufwirft: Welche Bildungsaufgabe hat Kunst in Zeiten aktiver militärischer Aggression?
Was macht den russischen Pavillon 2026 so brisant?
Seit dem großangelegten Einmarsch Russlands in die Ukraine im Februar 2022 blieb der russische Pavillon in den Giardini zweimal leer. 2022 zogen die ursprünglich vorgesehenen russischen Künstlerinnen und Künstler Kirill Savchenkov und Alexandra Sukhareva ihre Teilnahme zurück und bezeichneten den Krieg als politisch und emotional unerträglich. 2024 überließ Russland seinen Pavillon Bolivien, ohne offizielle Erklärung. Nun, zur 61. Ausgabe der Internationalen Kunstausstellung vom 9. Mai bis 22. November 2026, kehrt Russland offiziell zurück.
Das Projekt trägt den Titel „The Tree Is Rooted in the Sky“ und soll ein Musikfestival unter Beteiligung von mehr als fünfzig Künstlerinnen und Künstlern aus Russland sowie aus Argentinien, Brasilien, Mali und Mexiko beheimaten. Michail Schwydkoi, Russlands Beauftragter für internationale Kulturbeziehungen und ehemaliger Kulturminister, betonte, Russlands Kultur sei nicht isoliert, und die westlichen Versuche, sie zu canceln, seien gescheitert. Dass Kultur dabei über die Politik siege, sei das erklärte Ziel.
Doch schon die personelle Zusammensetzung der russischen Delegation gibt zu denken. Anastasia Karnewa, die Kommissarin des Pavillons, ist Tochter des ehemaligen stellvertretenden Generaldirektors von Rostec, Russlands staatlichem Rüstungskonzern, der seit 2014 auf den Sanktionslisten der EU-Mitgliedstaaten und der USA steht. Karnewa gründete 2016 gemeinsam mit Ekaterina Winokurowa, der Tochter von Außenminister Sergej Lawrow, das Ausstellungsunternehmen Smart Art, das den Pavillon organisiert.
Warum reagiert die EU mit der Drohung des Förderentzugs?
Der EU-Kulturkommissar Glenn Micallef und Henna Virkkunen, EU-Vizepräsidentin für Technologie, Sicherheit und Demokratie, griffen in scharfer Form ein: Die Entscheidung der Fondazione Biennale sei nicht vereinbar mit der kollektiven Reaktion der EU auf die russische Aggression. Kultur, so ihre gemeinsame Erklärung, fördere demokratische Werte und offenen Dialog, dürfe aber niemals als Plattform für Propaganda genutzt werden. Sollte die Biennale-Stiftung bei ihrer Entscheidung bleiben, werde man weitere Maßnahmen prüfen, einschließlich der Aussetzung oder Beendigung eines laufenden EU-Zuschusses an die Fondazione Biennale. Die Europäische Kommission stellt der Biennale derzeit im Rahmen der Venice Production Bridge insgesamt zwei Millionen Euro über drei Jahre zur Förderung von Filmproduzenten und immersiver Technik zur Verfügung.
Auch 26 Europaabgeordnete richteten einen offenen Brief an Biennale-Präsident Pietrangelo Buttafuoco und forderten die Rücknahme der Entscheidung. Zu den Unterzeichnerinnen gehört die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, Pina Picierno. Die ukrainische Regierung ließ ebenfalls unmissverständlich Widerspruch erkennen: Außenminister Andrij Sybiha und Kulturministerin Tetjana Bereschna wiesen auf die Verbindungen der Pavillonverantwortlichen zur russischen Rüstungsindustrie hin. Kulturminister aus 22 europäischen Staaten schlossen sich in einem gemeinsamen Schreiben dem Protest an.
In Italien selbst verlief die politische Gemengelage widersprüchlich. Kulturminister Alessandro Giuli erklärte offiziell, die russische Teilnahme nicht gebilligt zu haben, obwohl Biennale-Präsident Buttafuoco dem politischen Umfeld der Regierung Meloni nahesteht. Gleichzeitig trat der ehemalige sozialdemokratische Bürgermeister Venedigs, Massimo Cacciari, mit einer konträren Position auf: Die Zensur von Künstlerinnen und Künstlern sei grundsätzlich zu verurteilen.
Offene Institution oder politisches Instrument: Wo liegt die Grenze der künstlerischen Freiheit?
Die Fondazione Biennale selbst argumentiert mit dem Prinzip der offenen Institution: Die Biennale entscheide nicht über nationale Teilnahmen, da es den einzelnen Staaten obliege, ob sie sich beteiligen wollten. Jedes von der Italienischen Republik anerkannte Land könne eigenständig eine Teilnahme beantragen. Buttafuoco sprach von einer kulturellen Waffenruhe, die die Ausstellung in einer von Konflikten geprägten Welt ermöglichen solle.
Demgegenüber steht eine nüchterne Analyse der Teilnehmendenliste des russischen Pavillons. Das Volksmusikensemble Toloka etwa, das im russischen Pavillon auftreten soll, verabschiedete noch vor wenigen Monaten ein Mitglied feierlich in den Militärdienst und postete dies auf seinen sozialen Kanälen als Erfüllung der männlichen Pflicht vor der Heimat. Subversion oder kritische Auseinandersetzung mit der russischen Kriegspolitik ist von einem solchen Ensemble kaum zu erwarten.
Die regierungskritische Gruppe Pussy Riot machte darauf aufmerksam, dass der russische Pavillon in den Giardini auf italienischem Staatsgebiet steht und somit keinen diplomatischen Status genießt. Es sei sehr wohl eine Entscheidung der italienischen Regierung, ob Russland teilnehme oder nicht. Pussy Riot kündigte an, mit einer eigenen Intervention zur Biennale zu kommen, um Solidarität mit der Ukraine zu zeigen.
Was bedeutet dieser Konflikt für die kulturelle Bildung im Architekturkontext?
Für Architektinnen und Architekten, die die Biennale traditionell als wichtigen Bildungsort wahrnehmen, stellt sich die Frage nach dem Lernwert dieser Auseinandersetzung neu. Die Biennale war stets mehr als Ausstellung: Sie war und ist ein Ort der Wissensproduktion, der Reflexion über den Zustand gebauter und kultureller Umwelten, der Begegnung zwischen unterschiedlichen Verständnissen von Raum, Gemeinschaft und Zukunft.
Wenn nun ein Staat, der nachweislich Kulturdenkmäler zerstört, darunter die Verklärungskathedrale in Odessa sowie unzählige Wohngebäude und historische Stadtkerne, seinen Pavillon mit dem Narrativ einer weltoffenen Polyphonie der Kulturen bespielt, dann ist dies auch eine pädagogische Herausforderung: Welche Botschaften werden als Wissen vermittelt? Welche Kontexte werden ausgeblendet? Wer spricht, und in wessen Namen?
Die Debatte um den russischen Pavillon zeigt, dass internationale Kulturbegegnungen immer auch Bildungsereignisse sind. Sie formen kollektive Wahrnehmungen, setzen Rahmen für Deutungen und entscheiden darüber, welche Stimmen als legitim gelten. Die Fondazione Biennale hat mit ihrer Entscheidung zumindest eines erreicht: eine weltweite Debatte über die politische Dimension von Kulturveranstaltungen, die in ihrer Intensität selbst bildend wirkt.
Ob Russland im Mai tatsächlich seinen Pavillon bespielen wird, war zum Redaktionsschluss dieses Artikels noch offen. Die EU-Drohung mit dem Förderentzug, der politische Druck aus mehreren europäischen Hauptstädten und die angekündigten Proteste von Künstlerinnen und Künstlern aus dem russischen Exil lassen eine Eskalation bis zur Eröffnung am 9. Mai nicht ausschließen.

Propaganda oder Polyphonie? Die Rückkehr Russlands zur Venedig-Biennale 2026

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