Baukunst - Betonparabeln und Kirchturmfragen: Was Kölns moderner Sakralbau der Gegenwart zu sagen hat

Betonparabeln und Kirchturmfragen: Was Kölns moderner Sakralbau der Gegenwart zu sagen hat

30.03.2026
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Claudia Grimm

baukunst.art – Architektur | Stadtkultur | Baukultur | DACH

Eine Publikation des Verlags der Buchhandlung Walther König dokumentiert 100 Jahre Sakralbaukunst in Köln und stellt die Frage, was aus diesem architektonischen Erbe wird.

Köln als Laboratorium der Kirchenmoderne: Ein Inventar zwischen Erinnerung und Entscheidung

Kein anderes Stadtgebiet in Deutschland vereint eine so ungewöhnliche Dichte an Sakralbauten der klassischen Moderne wie Köln: mehr als 200 Gebäude aus rund hundert Jahren, darunter Schlüsselwerke des europäischen Kirchenbaus, die heute zwischen Denkmalschutzpflege und Leerstand ihre Zukunft suchen. Der Sammelband „Moderner Sakralbau in Köln“, herausgegeben von der Kunsthistorikerin und ehemaligen Stadtkonservatorin Prof. Dr. Hiltrud Kier und dem Erzdiözesanbaumeister des Erzbistums Köln, Martin Struck, bietet die erste umfassende Bestandsaufnahme dieses Erbes: 480 Seiten, mehr als 200 Objekte, geordnet nach Stadtgebieten, erschienen 2025 im Verlag der Buchhandlung Walther König.

Das Buch ist kein Nostalgieprojekt. Es ist eine architekturhistorische Zustandsaufnahme in einem Moment, in dem die Frage nach der Zukunft dieser Bauten keine theoretische mehr ist.

Wie wurde Köln zur Laborbühne der Kirchenmoderne?

Der Ausgangspunkt liegt im frühen 20. Jahrhundert. Bei den Deutschen Werkbundausstellungen 1914 und 1928 entstanden in Köln Bauten, die bis heute als Marksteine gelten: Bruno Tauts Glashaus von 1914 und Otto Bartnings Stahlkirche von 1928 formulierten eine neue Materialsprache, die Funktion, Form und Licht radikal neu dachte. Es war kein Zufall, dass diese Experimente in Köln stattfanden: Die Stadt besaß eine aktive Reformbewegung innerhalb der katholischen Kirche, die nach neuen liturgischen Raumkonzepten suchte.

Aus diesem Milieu heraus begründete Dominikus Böhm in den 1920er-Jahren eine Architektendynastie, deren Wirkung bis heute andauert. Sein bekanntestes Werk in Köln, St. Engelbert in Riehl (1930 bis 1932), war ein Zentralbau auf kreisrundem Grundriss, dessen acht parabelförmige Schildwände dem Volksmund den Spitznamen „Zitronenpresse“ einbrachten. Das Kölner Generalvikariat sah in dem Entwurf zunächst etwas Fremdartiges, eher Orientalisches als Abendländisches, und bat um eine Milderung des Neuartigen. Böhm antwortete mit einem Verweis auf mittelalterliche Zentralbauten und baute. Heute gilt St. Engelbert als eines der bedeutendsten Kirchengebäude der Moderne in Deutschland überhaupt.

Was Böhm dort in Bimsbeton goss, beeinflusste die Architekturlandschaft bis nach Amerika. Sein Sohn Gottfried setzte die Familientradition fort und erhielt 1986 als erster und bis heute einziger deutscher Architekt den Pritzker-Preis. Peter und Paul Böhm, die Enkelsöhne, arbeiten bis heute in Köln. Der Sammelband belegt anhand dieser Genealogie, was nur in wenigen Städten so konzentriert beobachtbar ist: die Entwicklung einer lokalen Architekturkultur über vier Generationen.

Neben der Familie Böhm prägten Rudolf Schwarz, Fritz Schaller, Joachim und Margot Schürmann sowie Emil Steffann das Kölner Kirchenbaugeschehen. Der Zweite Weltkrieg hatte die Stadt schwer beschädigt. Im Wiederaufbau entstanden Sakralbauten, die ein breites Panorama der Nachkriegsmoderne spiegeln: Experimentierfreude und Strenge, Expressionismus und Reduktion, Materialehrlichkeit und symbolische Aufladung.

Was bedeutet das Erbe für den Umgang mit dem Bestand heute?

Diese Frage ist der eigentliche Subtext des Bandes. Die Herausgeber benennen ihn in ihrem Vorwort mit sachlicher Deutlichkeit: Viele dieser Bauten stehen vor einer ungewissen Zukunft. Manche haben ihre bauliche Lebensdauer überschritten, anderen ist ihre Zweckbestimmung abhandengekommen. Baukultur NRW schätzt, dass zwischen 30 und 50 Prozent der Kirchengebäude in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten leerstehen werden. Auf Nordrhein-Westfalen heruntergerechnet bedeutet das: von rund 6.000 Kirchengebäuden könnten bis zu 3.000 aus der Nutzung fallen.

Für das Erzbistum Köln ist die Lage besonders komplex. Von den 915 Kirchen im Erzbistum stehen 630 als Baudenkmal unter dem Schutz des Denkmalschutzgesetzes Nordrhein-Westfalen (DSchG NRW). Das bedeutet: Jeder bauliche Eingriff, jede Umnutzung, jeder Abriss erfordert eine denkmalbehördliche Abstimmung mit dem Landschaftsverband Rheinland (LVR) als zuständiger unterer Denkmalschutzbehörde. Das Erzbistum hat dafür 2024 eine eigene Arbeitshilfe „Kirchen (um-)nutzen“ herausgegeben, die drei Modelle einer neuen oder erweiterten Nutzung beschreibt und die Profanierung als Ultima Ratio definiert.

Die Konversion des Sakralbaus in einen multifunktionalen Ort ist planerisch anspruchsvoller als jede konventionelle Umnutzungsaufgabe. Der Grundriss ist auf eine Raumhierarchie hin entworfen, die nichts von modernen Flächeneffizienzkalkülen weiß. Das Schiff ist kein Büro. Der Chorraum ist kein Veranstaltungssaal. Und doch funktioniert es manchmal. Die ehemalige Albertus-Magnus-Kirche in Köln-Lindenthal, 1961 bis 1962 erbaut und 2019 profaniert, dient heute als Hörsaal der Universität zu Köln. Die Kulturkirche Ost, ein Bau von Georg Rasch und Winfried Wolsky aus dem Jahr 1968, wurde durch schultearchitekten 2012 denkmalgerecht saniert und in einen Kulturort umgewandelt.

Die Publikation dokumentiert diese Ambivalenz, ohne sie aufzulösen. Das ist ihre Stärke. Sie liefert keine Masterplanlösung, sondern eine Grundlage: Wer weiß, was er hat, kann entscheiden, was er damit tut. Der Katalog erfüllt damit genau jene Funktion, die eine Inventarisation leisten soll: Sie schafft Bewusstsein, bevor Substanz verloren geht.

Köln ist in einer privilegierten Lage. Die lokale Baukulturinitiative, das Engagement von Baukultur NRW, die Arbeit des LVR-Landesamts für Denkmalpflege im Rheinland, und die institutionelle Begleitung durch den Erzdiözesanbaumeister schaffen ein Netzwerk, das in vielen anderen Bistümern fehlt. Das macht den Kölner Fall zu mehr als einer regionalen Geschichte: Er ist ein Modell, dessen Ausgabe jede Stadt mit einem vergleichbaren Bestand in der Hand haben sollte.

Der Gedanke, den die Rezensentin im Magazin chrismon formuliert, verdient es, hier wiederholt zu werden: Die Zukunft der Sakralbauten ist kein Spezialproblem für Kirchenleute, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Eine Stadt, die ihre Böhm-Kirchen, ihre Schwarz-Bauten und ihre Schürmann-Kapellen abreisst, verliert nicht nur Architektur. Sie verliert räumliches Gedächtnis.

Hiltrud Kier und Martin Struck haben mit diesem Band einen Dienst an der Baukultur geleistet, der weit über Köln hinausweist. Bleibt zu wünschen, dass vergleichbare Inventarisationen auch für andere Grossstädte im DACH-Raum folgen, bevor die Frage nach der Zukunft dieser Bauten obsolet wird.

Bibliografischer Hinweis

Hiltrud Kier, Martin Struck (Hg.): Moderner Sakralbau in Köln. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2025. 480 Seiten, 18 Euro. ISBN 978-3-7533-0841-8.