Baukunst - Das Schweigen der Kammern
Nachfrageseite ohne Daten: Zur strukturellen Schwäche der europäischen Architektenkammern

Das Schweigen der Kammern

12.04.2026
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Stuart Rupert

baukunst.art  |  BERUFSPOLITIK  |  April 2026

Architektensuche: Was Kammern nicht wissen und warum das Büros bei der Akquise schadet

Stuart Stadler, Architekt, Herausgeber baukunst.art

Welche Erkenntnisse die Architektenkammern über das Suchverhalten von Bauherrinnen und Bauherren vorhalten, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: keine.

Das ist bemerkenswert für Organisationen, die nach eigenem Verständnis die Schnittstelle zwischen qualifizierten Architektinnen und Architekten einerseits und der Öffentlichkeit andererseits darstellen. Bundesarchitektenkammer (BAK), Länderkammern, ihre europäischen Pendants in Frankreich, Österreich, Italien und Spanien: Alle führen Register, alle betreiben Suchportale, alle vertreten den Anspruch, Bauinteressierte und Architektinnen zusammenzubringen. Aber wie Bauherrinnen und Bauherren tatsächlich suchen, welche Kanäle sie nutzen, welche Kriterien sie bei der Auswahl anwenden, das hat keine dieser Organisationen je systematisch erhoben.

Warum eine Schutzorganisation ihre eigene Schutzleistung nicht misst?

Eine Analyse der Forschungslage in sechs europäischen Ländern zeigt das Ausmaß dieser Lücke in aller Deutlichkeit. Die BAK-Strukturbefragung 2024, erhoben unter freischaffenden Kammermitgliedern, liefert detaillierte Daten zu Bürostrukturen, Umsatz und Beschäftigung. Das monatliche BAK/ifo-Architekten-Konjunkturpanel (Leibniz-Institut ifo, München, ca. 300 Büros) dokumentiert Geschäftsklima und Auftragserwartungen. Die BAK-Berufspolitische Befragung 2025 hat über 15.600 Kammermitglieder zu Themen wie Künstliche Intelligenz, Bürokratiebelastung und Teilzeitarbeit befragt.

Eine einzige Frage fehlt in allen diesen Erhebungen vollständig: Wie haben Ihre Bauherrinnen und Bauherren Sie gefunden?

Das ist kein Versehen. Es ist Ausdruck einer strukturellen Ausrichtung: Kammern forschen über ihre Mitglieder, nicht über deren potenzielle Auftraggeber. Das ist nachvollziehbar, weil Kammermitglieder die Beitragszahler sind. Aber es ist berufspolitisch blind, weil die Akquisitionsbedingungen der Mitglieder direkt davon abhängen, dass die Kammer die Nachfrageseite kennt und gestaltet. Wer den Markt seiner Mitglieder nicht kennt, kann ihn nicht vertreten.

Was wissen wir stattdessen, und woher kommt das Wissen?

Der einzige belastbare europäische Einzelbefund stammt aus Großbritannien. Die Forschungsreihe „Future Business of Architecture“ des Royal Institute of British Architects (RIBA) zeigt: Nahezu zwei Drittel aller Aufträge entstehen durch Reputation, Wiederholungsbeauftragungen oder persönliche Empfehlung. Die RIBA-Hausbesitzerbefragung 2021 (1.500 Befragte, UK-weit) ergab, dass 61 Prozent der Teilnehmenden die Mitgliedschaft in einer Berufsorganisation als wichtiges Auswahlkriterium nannten. Das sind partielle Befunde aus britischem Kontext, keine Repräsentativerhebung zu Suchwegen. Aber es ist das Beste, was Europa zu bieten hat.

Für Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien und Spanien liegt keine vergleichbare Studie vor. Die Archigraphie 2024-2026 des Conseil national de l’Ordre des Architectes (CNOA, Paris), die umfangreichste nationale Professionsstudie Frankreichs (über 2.000 befragte Architektinnen und Architekten, Dezember 2024), liefert Daten zu Marktstruktur und Renovierungsquoten. Wie private Bauherrinnen ihre Architektinnen und Architekten gefunden haben, fragt sie nicht.

Digitale Plattformen wie Houzz, ArchiLovers oder Google haben an Bedeutung gewonnen, das ist plausibel. Wie viele Bauinteressierte diese Kanäle nutzen und wie viele über Kammerverzeichnisse oder persönliche Empfehlung suchen: Niemand weiß es. Nirgendwo in Europa ist die Konversionsrate eines einzigen offiziellen Architekten-Suchportals öffentlich dokumentiert.

Was Deutschland im europäischen Vergleich besonders betrifft

In Deutschland kommt zu dieser allgemeinen Wissenslücke ein strukturelles Problem hinzu, das in Europa einzigartig ist. Die Listung im Online-Verzeichnis der Länderkammern ist für Kammermitglieder freiwillig. Die BAK empfiehlt die Eintragung, verpflichtet dazu aber nicht. Das Ergebnis: Das institutionelle Suchportal, das Bauherrinnen und Bauherren an Architektinnen und Architekten vermitteln soll, bildet den tatsächlichen Bestand freischaffender Büros strukturell unvollständig ab.

In Frankreich gilt Pflichtmitgliedschaft im Ordre des Architectes, in Spanien in den regionalen Colegios, in Italien in den provinziellen Ordini. Die jeweiligen Suchportale erfassen ihre Mitglieder vollständig. In Deutschland ist das institutionelle Angebot freiwillig, und damit strukturell lückenhaft. Nicht aus Nachlässigkeit einzelner, sondern durch Systemdesign.

Es wäre eine berufspolitische Aufgabe, das zu ändern. Eine verbindliche Listung aller freischaffenden Kammermitglieder in einem einheitlichen, filterfähigen, öffentlich zugänglichen Verzeichnis wäre ein erster Schritt. Solange er nicht getan wird, können Architekturbüros nicht darauf vertrauen, dass ihre Kammer für ihre Auffindbarkeit sorgt.

Was folgt daraus für Architektinnen und Architekten heute?

Die fehlende Datenlage der Kammern ist keine Entschuldigung und kein Schicksal. Sie ist eine Lücke, die informierte Architektinnen und Architekten für sich nutzen können. Wer versteht, wie Bauherrinnen und Bauherren suchen, auch wenn dieses Wissen aus britischen RIBA-Studien, aus Plausibilitätsüberlegungen zu vertrauensintensiven Dienstleistungen und aus praktischer Erfahrung zusammengesetzt werden muss, verschafft sich einen strukturellen Vorteil gegenüber Mitbewerberinnen und Mitbewerbern, die auf institutionelle Unterstützung warten.

Das Schweigen der Kammern zu dieser Frage ist unbequem. Aber es schafft auch Raum: für alle, die bereit sind, das eigene Marktwissen selbst aufzubauen.

Bauherren gewinnen, Lehrgang, Baukunst.art

Akquisestrategie für Architektinnen und Architekten im deutschsprachigen Raum

Da die Kammern die Nachfrageseite nicht erheben, liefert dieser Lehrgang das Wissen, das fehlt, und die Werkzeuge, um es anzuwenden.