
baukunst.art |  REGIONALES | Hamburg | April 2026
Was Hamburg sich erspart hat: Schau in der Freien Akademie der Künste
Hamburgische Architektenkammer und Freie Akademie der Künste zeigen 32 nie realisierte Projekte seit 1960, kuratiert von Ullrich Schwarz
„Das ungebaute Hamburg“ ist eine gemeinsame Ausstellung der Hamburgischen Architektenkammer (HAK) und der Freien Akademie der Künste in Hamburg, die vom 18. April bis 31. Mai 2026 in der Freien Akademie am Klosterwall 23 rund 32 geplante, aber nie realisierte Hamburger Bauprojekte seit 1960 dokumentiert. Die Schau entsteht im Rahmen des Hamburger Architektursommers 2026 und fußt auf dem 2025 im Dölling und Galitz Verlag erschienenen Band von Ullrich Schwarz und der Hamburgischen Architektenkammer, der als Band 44 in der Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs veröffentlicht wurde (608 Seiten, ISBN 978-3-96060-705-2).
Eröffnet wird die Ausstellung am Freitag, 17. April 2026 um 18 Uhr. Es sprechen Michael Propfe (Präsident der Freien Akademie der Künste), Karin Loosen (Präsidentin der Hamburgischen Architektenkammer), Oberbaudirektor Franz Josef Höing und Kurator Ullrich Schwarz. Die Öffnungszeiten reichen von Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Bereits 1991 hatte die Hamburgische Architektenkammer mit Band 4 ihrer Schriftenreihe (herausgegeben von Ulrich Höhns) unter dem Titel „Das ungebaute Hamburg. Visionen einer anderen Stadt in architektonischen Entwürfen der letzten hundertfünfzig Jahre“ einen ersten, inzwischen legendären Überblick über verworfene Entwürfe vorgelegt. Der neue Band beschränkt sich auf die Zeit seit 1960, greift dabei aber auf denselben Titel zurück: Die Fortsetzung versteht sich als Bestandsaufnahme einer Stadt, die in ihrer jüngeren Geschichte mehr verworfen als realisiert hat.
Warum legt die Architektenkammer nach 35 Jahren einen neuen Band über ungebaute Projekte vor?
Die Antwort liegt in der Eigenlogik der Stadtentwicklung. Hamburgs bauliche Gestalt ist nicht nur Ergebnis dessen, was gebaut wurde, sondern mindestens ebenso stark Resultat dessen, was unterblieb. Seit dem Vorgängerband von 1991 hat die Hansestadt zentrale Transformationen durchlaufen: die HafenCity, das Bekenntnis zum Klimaschutz, der Umbau der Innenstadt, die Debatten um Olympia 2012 und 2024. Jede dieser Phasen hat eigene Entwürfe hervorgebracht, die nie über Wettbewerbsergebnisse, Konzeptstudien oder Modelle hinauskamen.
Kurator Ullrich Schwarz, langjähriger Beobachter der Hamburger Baukultur, und die Hamburgische Architektenkammer unter Präsidentin Karin Loosen haben 32 Vorhaben ausgewählt, die „stellvertretend für den jeweiligen Geist ihrer Zeit“ stehen. Die Bandbreite reicht vom städtebaulichen Großeingriff bis zur punktuellen Intervention. Dazu zählen der Totalabriss von St. Pauli und Ottensen, die Stadtautobahn durch die innere Stadt, die Sportanlagen für Olympia, die Verlagerung der Universität in den Hafen, das Hochhausprojekt in der HafenCity, der Transrapid, die Seilbahn über die Elbe sowie das Parkhaus unter der Binnenalster. Ergänzt werden diese Großthemen durch Einzelentwürfe wie die „Living Bridge“ über die Norderelbe von Hadi Teherani Architects, eine Gleisüberdachung des Hauptbahnhofs von Reichwald Schultz und Partner oder die zahlreichen, teils skurrilen Vorschläge für den Spielbudenplatz auf St. Pauli (etwa die Entwürfe von Blauraum Architekten und Architekten Venus aus dem Jahr 2004).
Ein eigenes Gewicht erhält die Ausstellung durch das großformatige Modell des legendären St. Georg-Projekts der Neuen Heimat von 1966. Es galt damals als Musterbeispiel einer flächenhaften Sanierung nach den Leitbildern der autogerechten Stadt und steht heute als Mahnmal für eine Haltung, die mit der Novelle des Bundesbaugesetzes 1971 (später § 136 ff. BauGB, Besonderes Städtebaurecht) und dem sich wandelnden Denkmalverständnis unter den Landesdenkmalschutzgesetzen an ihr Ende kam. In Hamburg regelt dies heute das Denkmalschutzgesetz Hamburg (DSchG HH) in seiner Fassung vom 5. April 2013.
Was erzählen die 32 Projekte über Hamburgs Planungskultur?
Die Auswahl zeigt zwei Bewegungen, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirken. Zum einen waren viele der nicht realisierten Vorhaben politisch gewollt und professionell ausgearbeitet; sie scheiterten nicht an fehlender Planung, sondern an gesellschaftlichen Widerständen, Volksbegehren, Haushaltsrestriktionen oder Regierungswechseln. Die gescheiterten Olympiabewerbungen und die Elbseilbahn sind Paradebeispiele. Zum anderen dokumentiert die Auswahl, wie sich das Verständnis dessen, was als städtebaulich angemessen gilt, innerhalb weniger Jahrzehnte grundlegend verschoben hat. Pläne, die in den 1960er Jahren als fortschrittlich galten, etwa der Flächenabriss ganzer Viertel, wären heute nach § 172 BauGB (Erhaltungssatzung) und den Vorgaben der Baunutzungsverordnung (BauNVO) in dieser Form nicht mehr genehmigungsfähig.
Damit wird der Band zu einer alternativen Stadtentwicklungsgeschichte Hamburgs. Er macht sichtbar, dass Planungskultur nicht nur Ja-Sagen, sondern ebenso Nein-Sagen bedeutet. Oberbaudirektor Franz Josef Höing, der bei der Eröffnung spricht, hatte bereits mehrfach betont, dass Stadtentwicklung ohne die Bereitschaft zur Verwerfung keine Qualität erreicht. In diesem Sinne versteht sich die Ausstellung nicht als Katalog vertaner Chancen, sondern als Plädoyer für eine diskursive Planungskultur, wie sie das Baugesetzbuch mit den Beteiligungsverfahren nach §§ 3 und 4 BauGB formal vorsieht.
Für die Besucherinnen und Besucher ergibt sich daraus ein doppelter Reiz. Einerseits die Faszination dessen, was hätte sein können: Der 250 Meter hohe Gauhochhaus-Entwurf von Konstanty Gutschow für Altona aus der NS-Zeit, das bei der Langen Nacht der Museen 2026 eigens thematisiert wird, markiert eine Vision totalitärer Stadtfigur, die man heute nur mit Schaudern betrachten kann. Andererseits der nüchterne Blick auf Vorhaben, deren Nichtrealisierung sich als Glücksfall erwiesen hat. „Nicht zu bauen kann eine Tugend sein“, heißt es dazu in der Ankündigung der Freien Akademie der Künste.
Die Kooperation der beiden Trägerinstitutionen ist dabei mehr als eine organisatorische Konstellation. Die Hamburgische Architektenkammer verantwortet über ihr Architekturarchiv die fachliche Aufarbeitung, die Freie Akademie der Künste bringt die kulturelle Einbettung in den Hamburger Kunstdiskurs. Parallel zur Ausstellung läuft dort die Reihe „Weiterbauen. Nachnutzungskonzepte denkmalgeschützter Bauten“, eine Vor-Ort-Veranstaltungsreihe gemeinsam mit dem BDA Hamburg und dem Denkmalschutzamt Hamburg. Beide Formate ergänzen sich: Das Ungebaute und das Weiterzubauende bilden zwei Seiten derselben Frage nach der Substanz einer Stadt.
Für die überregionale Leserschaft lohnt sich der Blick nach Hamburg vor allem dort, wo sich die Parallelen zu anderen DACH-Metropolen auftun. München, Berlin und Wien verfügen über vergleichbar dichte Archive ungebauter Projekte, doch nur selten werden sie systematisch ausgewertet. Die Hamburgische Architektenkammer setzt mit dem Band 44 ihrer Schriftenreihe einen Standard, an dem sich andere Landesarchitektenkammern orientieren können. Die Publikation ist, so formuliert es das Hamburger Abendblatt, mehr als ein Album spektakulärer Entwürfe: Sie beleuchtet die wirtschaftlichen und zeitgeistigen Rahmenbedingungen jener Projekte, die manche verhinderten und andere ermöglichten.
Was bleibt, ist ein klares Bild: Hamburgs Stadtgestalt hat sich durch Verwerfungen ebenso sehr geformt wie durch Bauten. Wer nach dem 31. Mai 2026 durch die Hansestadt geht, sieht nicht nur, was steht, sondern auch, was hätte stehen können.
Eckdaten der Ausstellung
Titel Das ungebaute Hamburg. Visionen einer anderen Stadt. Entwürfe von 1960 bis heute
Träger Hamburgische Architektenkammer (HAK) und Freie Akademie der Künste in Hamburg
Kurator Ullrich Schwarz
Ort Freie Akademie der Künste, Klosterwall 23, 20095 Hamburg
Eröffnung Freitag, 17. April 2026, 18 Uhr
Laufzeit 18. April bis 31. Mai 2026
Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr
Rahmen Hamburger Architektursommer 2026

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