
Abholzen statt Aufforsten: Bayern gibt den Holzbau auf
Das Bayerische Holzbauförderprogramm (BayFHolz) ist ein staatliches Instrument zur finanziellen Unterstützung klimagerechten Bauens, das die bayerische Staatsregierung 2022 als Teil ihrer Klimastrategie einführte und das zum Ende des Jahres 2026 ohne Nachfolgeprogramm ausläuft.
Was zunächst wie eine Fußnote in der Haushaltspolitik klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als symptomatisch für einen breiteren Stimmungswandel in der deutschen Klimaschutzpolitik. Bayern, das sich nicht ohne Stolz als zukünftiges „Holzbauland Nummer eins“ inszenierte, zieht nun still und leise die Reißleine. Neue Anträge nimmt das Bayerische Bauministerium ab sofort nicht mehr entgegen.
Was leistete BayFHolz, und warum war das Programm überhaupt bedeutsam?
Das Programm förderete den Neubau sowie die Erweiterung und Aufstockung kommunaler Einrichtungen und mehrgeschossiger Wohngebäude in Holzbauweise. Die Zuwendung berechnete sich dabei nicht pauschal, sondern nach einem ökologisch sinnvollen Schlüssel: 500 Euro je Tonne der in Holzbauelementen und Dämmstoffen gebundenen Kohlenstoffmenge. Seit der Einführung unterstützte das Programm laut Bayerischem Bauministerium rund 510 Vorhaben mit einem Gesamtvolumen von rund 58 Millionen Euro.
Dieses Fördermodell besaß einen doppelten Hebel: Zum einen schuf es direkte finanzielle Anreize für Bauherrinnen und Bauherren, Kommunen sowie private Unternehmen, auf den nachwachsenden Rohstoff Holz umzusteigen. Zum anderen sandte es ein politisches Signal: Der Freistaat steht zur Bauwende. Beide Botschaften sind mit dem Programmende hinfällig.
Warum schafft Bayern die Holzbauförderung ab, und was folgt daraus?
Das Bayerische Bauministerium begründet die Entscheidung nüchtern: „Vor dem Hintergrund des weiterhin hohen Bedarfs an bezahlbarem Wohnraum konzentriert die Staatsregierung die verfügbaren Mittel verstärkt auf Programme mit breiter und sozialer Wirkung“, erklaert ein Sprecher gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Das Auslaufen bedeute weder eine Abkehr vom Klimaschutz noch eine Reduzierung der Gesamtförderung. Der Holzbau sei „mittlerweile wettbewerbsfähig und fest im Markt verankert“, strukturell negative Auswirkungen seien deshalb nicht zu erwarten.
Das klingt nach Sachlichkeit, lässt aber eine Reihe unbequemer Fragen unbeantwortet. Wettbewerbsfähig im Vergleich zu was? Holz konkurriert in der Praxis vor allem mit Stahlbeton, einem Material, dessen graue Energie und CO2-Intensität im Lebenszyklus ungleich höher liegen. Wenn Förderinstrumente ihre Arbeit getan haben und wegfallen, weil der Markt funktioniert, wäre das tatsächlich ein Erfolg. Wenn sie wegfallen, weil das Budget anderswo gebraucht wird, ist das eine andere Geschichte.
Schärfere Worte kommen von den Grünen im bayerischen Landtag. Ursula Sowa, Bau-Sprecherin der Fraktion, sieht im Programmende einen direkten Angriff auf die Bauwende: „Wer die Holzbauförderung streicht, blockiert aktiven Klimaschutz im Gebäudebereich.“ Das Ende des Programms entziehe der Branche Planungssicherheit und erschwere den Umstieg auf klimagerechtes Bauen massiv, so die Politikerin.
Diese Einschätzung deckt sich mit dem, was Architektinnen und Architekten sowie Holzbauunternehmer in der Praxis wahrnehmen. Förderungen wirken nicht nur kurzfristig als Investitionshilfe, sondern langfristig als Qualifizierungsmotor: Betriebe investieren in Weiterbildungen, in Maschinen, in Know-how, wenn sie wissen, dass der Markt stabil bleibt. Entzieht man diesen Rahmen abrupt, entsteht Unsicherheit, die sich schlechter berechnen lässt als CO2 pro Kubikmeter Brettschichtholz.
Welche Konsequenzen hat das für andere Bundeslaender und die DACH-Region?
Bayern ist nicht allein. Auch in anderen Bundesländern stehen Klimaschutzprogramme unter Haushaltsdruck. Die Bayerische Architektenkammer (ByAK) hat sich in der Vergangenheit mehrfach für eine Stärkung des Holzbaus eingesetzt, zuletzt im Kontext der Novelle der Bayerischen Bauordnung (BayBO), die in § 26 BayBO erweiterte Möglichkeiten für brennbare Baustoffe in höheren Gebäudeklassen vorsieht. Dieser regulatorische Fortschritt und die nun ausbleibende Förderung stehen in einem eigentümlichen Missverhältnis: Dürfen tut man mehr, finanzieren will der Staat weniger.
Im Vergleich dazu hält Baden-Württemberg an seiner Holzbauoffensive fest, Österreich fördert über den Klima- und Energiefonds weiterhin Holz- und Hybridbauweisen, und die Schweiz integriert Holzbau systematisch in die kantonale Energiegesetzgebung. Bayern, einst Taktgeber im deutschsprachigen Raum, riskiert damit eine Positionsverschiebung im regionalen Wettbewerb um innovative Baubetriebe, qualifizierte Fachkräfte und zukunftsorientierte Kommunen.
Das ist kein Plädoyer für staatliche Dauersubventionierung. Märkte sollen funktionieren, und erfolgreiche Technologien brauchen irgendwann keine Krücken mehr. Aber der Holzbau ist in Deutschland noch nicht an dem Punkt, an dem er ohne politische Rückendeckung einfach läuft. Laut Statistischem Bundesamt lag der Anteil von Gebäuden in Holzbauweise am Wohnungsneubau 2023 bei rund 20 Prozent. Wachstumspotenzial ist vorhanden, Selbstläufer ist der Markt noch nicht.
Was am Ende bleibt, ist ein Paradox: Eine Staatsregierung, die sich dem Klimaschutz verpflichtet und gleichzeitig ein Instrument abbaut, das genau diesem Klimaschutz diente. Das Argument der Wettbewerbsreife mag stimmen; das Argument der politischen Signalwirkung wird dabei ausgeblendet. Denn auch Symbolpolitik hat eine Funktion: Sie zeigt an, wohin eine Gesellschaft sich bewegen will. Holz war dieses Signal. Jetzt ist es abgeholzt.

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