Baukunst - Arc de Trump: Warum Trumps geplanter 76-Meter-Triumphbogen in Washington mehr Propaganda als Architektur ist
Was Trumps Planungen über den Zustand der amerikanischen Demokratie sagen

Arc de Trump: Warum Trumps geplanter 76-Meter-Triumphbogen in Washington mehr Propaganda als Architektur ist

19.02.2026
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Berthold Bürger

Der Bogen des Narziss – Wenn Größe der einzige Maßstab ist

Vierzig Jahre Berufserfahrung lehren einen Architekten vieles. Vor allem dies: Wer als erstes mit der Größe argumentiert, hat die Qualitätsdiskussion bereits verloren. Donald Trump hat im Februar 2026 auf dem Flug nach Florida gegenüber mitgereisten Journalistinnen und Journalisten seine Pläne für einen Triumphbogen in Washington D.C. konkretisiert. Die Botschaft war eindeutig: ‚Ich möchte, dass er der größte von allen ist. Wir sind die größte und mächtigste Nation.‘ Punkt. Kein Wort über Städtebau, Proportion oder Erinnerungskultur. Nur Größe.

Der sogenannte Independence Arch soll nach einem Bericht der Washington Post 76 Meter hoch werden. Das entspricht umgerechnet exakt 250 Fuß, einem Fuß pro Jahr seit der Unabhängigkeitserklärung von 1776. Die Symbolik ist simpel, die Rechnung simpel, die Architektur, so sie denn je gebaut wird, wohl ebenfalls. Zum Vergleich: Das Weiße Haus misst rund 21 Meter. Das Lincoln Memorial kommt auf etwa 30 Meter. Der Pariser Arc de Triomphe, das erklärte Vorbild des US-Präsidenten, erreicht rund 50 Meter. Selbst das Monumento a la Revolución in Mexiko-Stadt, derzeit der höchste Triumphbogen der Welt, bleibt mit 67 Metern unter Trumps Planung.

Ein Bauwerk kann noch so groß sein, wenn es keine Sprache spricht außer jener der Selbstgefälligkeit, bleibt es architektonisch stumm.

Gold, Ballsäle und die Mar-a-Lago-Ästhetik

Trump hat auf seiner Plattform Truth Social bereits drei Entwürfe präsentiert. Einer davon zeichnet sich durch reichliche Goldverzierungen aus. Das überrascht nicht. Gold ist das Leitmotiv der Trump-Ästhetik: Das Oval Office wurde vergoldet, der neue Ballsaal auf dem Gelände des Weißen Hauses, für den ein historischer Anbau abgerissen wurde, soll denselben Stil aufgreifen. Das New York Magazine hat diesen Vorgang treffend beschrieben, wenn es schreibt, Trump verwandle das Weiße Haus in Mar-a-Lago. Das Privatanwesen des Präsidenten in Florida ist für ein Design bekannt, das weniger an demokratische Repräsentation als an die Empfangshallen mitteleuropäischer Kasinos erinnert.

Die Finanzierung des Triumphbogens soll privat erfolgen, aus nicht verwendeten Spendengeldern des 400 Millionen Dollar teuren Ballsaalprojekts, an dem unter anderem Google und Amazon beteiligt sind. Öffentliche Gelder werden offiziell nicht genannt. Eine staatliche Behörde, die traditionell über Bauvorhaben in Washington wacht, nämlich die Commission of Fine Arts, wurde vom Weißen Haus im Oktober 2025 ihrer Mitglieder entledigt. Ein Umstand, der in einem Rechtsstaat eigentlich alarmieren müsste.

Standort, Luftraum und historische Verantwortung

Der geplante Standort liegt nahe des Memorial Circle, zwischen Lincoln Memorial und Arlington National Cemetery. Das Gelände wird vom National Park Service verwaltet. Jeder Eingriff dort ist politisch und rechtlich außerordentlich heikel. Was weniger diskutiert wird: Das Areal liegt unter einer Einflugschneise des Reagan National Airport. Im Januar 2025 starben bei einem Flugunglück über dem Potomac 67 Menschen. Die Frage, ob ein 76 Meter hohes Monument in diesem Korridor genehmigungsfähig wäre, ist ungeklärt. Bei der US-Luftfahrtbehörde FAA wurde bislang, laut CBS News, nichts eingereicht.

Architekturhistoriker Calder Loth warnte, das Bauwerk würde den Blick auf Arlington House verdecken und das historische Gebäude auf dem Nationalfriedhof wie ein Puppenhaus wirken lassen. John Haigh, Leiter des Architekturprogramms am Benedictine College, bezeichnete das Areal als einen ’sehr ernsten Korridor‘, in dem ein Monument dieser Dimension problematisch sei. Besonders aufschlussreich: Selbst Catesby Leigh, der Kunstkritiker, dessen Vorschlag aus dem Frühjahr 2025 für einen bescheidenen, temporären Bogen von etwa 18 Metern den Anstoß für Trumps Pläne gegeben hatte, distanzierte sich inzwischen von der geplanten Größenordnung. Ein Bogen dieses Formats gehöre nicht an diesen Standort, erklärte er der Washington Post.

Triumphbögen und ihre Geschichte: Was Architektur verschweigt

Washington besitzt tatsächlich keinen Triumphbogen. Unter Hauptstädten vergleichbarer Größe und historischer Bedeutung ist das eine Ausnahme. Manche Historikerinnen und Historiker haben das als Versäumnis bezeichnet. Andere sehen in dieser Zurückhaltung eine bewusste Entscheidung der amerikanischen Erinnerungskultur, die weniger auf Triumph als auf Mahnung setzt. Das Lincoln Memorial, das Vietnam Veterans Memorial, der Washington Monument: Sie alle erzählen von Größe und Last, nicht von ungebrochenem Triumph.

Triumphbögen entstanden in der römischen Antike als Auftragsarchitektur für Imperatoren. Konstantin der Große, Titus, Septimius Severus: Wer sich einen Triumphbogen baute, wollte Herrschaft in Stein gemeißelt sehen. Napoleon adaptierte die Form für den Arc de Triomphe, dessen Bau 1806 begann und erst 1836 abgeschlossen wurde. Er war Ausdruck nationalen Selbstbewusstseins nach den Revolutionskriegen, aber auch eines kollektiven Gedächtnisses. Trumps Version wirkt demgegenüber merkwürdig privat: ein Monument des Präsidenten, nicht der Nation.

Der Unterschied zwischen einem Monument und einem Denkmal liegt in der Frage, an wen es sich richtet: an die Nachwelt oder an den Auftraggeber.

Zeitplan, Genehmigungen und die Realität des Bauens

Trump erklärte gegenüber dem Nachrichtenportal Politico, die Bauarbeiten könnten bereits in zwei Monaten beginnen. Ein Satz, der in der Baubranche für hilfloses Schulterzucken sorgt. Für ein Bauprojekt dieser Größenordnung müssten detaillierte Pläne ausgearbeitet, zahlreiche Behördengenehmigungen eingeholt, Umweltverträglichkeitsprüfungen durchgeführt und Grundstücksfragen geregelt werden, alles auf vom National Park Service verwaltetem Bundesgelände. Ein vom Präsidenten eingesetztes Komitee soll sich mit dem Projekt befassen. Wer im Komitee sitzt, welche Architekturexpertise dort versammelt ist, und nach welchen Kriterien entworfen wird: unbekannt.

Geplant ist, das Bauwerk zum 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit im Juli 2026 fertigzustellen. Das sind etwa fünf Monate. Fünf Monate für ein 76 Meter hohes Monument in einem komplexen rechtlichen und stadtplanerischen Umfeld. Als Architekt mit vier Jahrzehnten Erfahrung in der Planung und Realisierung öffentlicher Bauten erlaube ich mir die nüchterne Einschätzung: Das ist nicht ambitioniert, das ist unrealistisch.

Was dieser Bogen über die Gegenwart aussagt

Architektur ist immer Ausdruck ihrer Zeit. Das gilt auch für das, was gebaut werden soll, aber möglicherweise nie gebaut wird. Trumps Triumphbogenpläne zeigen, wie eine bestimmte Politik Architektur instrumentalisiert: als Kulisse, als Behauptung, als Machtdemonstration in Beton und Gold. Das ist nicht neu. Diktatoren aller Couleur haben Architektur für sich arbeiten lassen. Albert Speer entwarf für Hitler eine Germania, die nie gebaut wurde, und die doch ihren ideologischen Zweck erfüllte, nämlich Größe zu imaginieren, Macht zu visualisieren, Einschüchterung zu projizieren.

Die Reaktion des Weißen Hauses auf die Kritik von Fachleuten ist in diesem Zusammenhang aufschlussreich. Kommunikationsdirektor Steven Cheung schrieb auf Social Media, Expertinnen und Experten, die den Bogen zu groß fänden, seien ‚es gewohnt, mit kleinen Dingen zu leben‘. Das ist kein architektonisches Argument. Es ist das Argument des Narziss, der jede sachliche Kritik als persönlichen Angriff deutet.

Washington verdient eine Diskussion über Erinnerungsarchitektur, über Maßstab, Funktion und Bedeutung öffentlicher Monumente im 21. Jahrhundert. Es verdient keine Skyline, die als Kulisse für eine Person entworfen wurde. Triumphbögen waren immer politische Architektur. Dieser hier ist es auf eine Weise, die weniger an Staatskunst erinnert als an die Logik des Immobilienentwicklers: größer, goldener, auffälliger. Das mag als Marketing funktionieren. Als Architektur taugt es wenig.