
Die gebauten Träume der Menschheit
Wie die Karlsruher Kunsthalle mit Archistories einen Dialog zwischen Kunst und Architektur inszeniert
Architektur formt nicht nur unsere Städte, sondern auch unser Bewusstsein. Sie definiert, wie wir uns bewegen, wie wir sehen, wie wir fühlen. Diese tiefgreifende Erkenntnis bildet den Kern der Ausstellung Archistories, die seit Ende November 2025 in der frisch sanierten Orangerie der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe zu sehen ist. Rund 100 Werke von etwa 70 Künstlerinnen und Künstlern aus fünf Jahrhunderten treten hier in einen Dialog, der weit über die bloße Darstellung von Gebäuden hinausgeht.
Ein historisches Gewächshaus als Schauplatz
Die Wahl der Orangerie als Ausstellungsort ist kein Zufall. Das von Heinrich Hübsch Mitte des 19. Jahrhunderts errichtete Gebäude, dessen Lehrer Friedrich Weinbrenner einst das klassizistische Gesicht Karlsruhes prägte, stand selbst jahrelang leer und wurde aufwendig saniert. Die gläserne Kuppel der Rotunde, im Zweiten Weltkrieg zerstört und lange Zeit provisorisch geflickt, erstrahlt nun wieder in vollem Glanz. In einer Stadt, die zunehmend unter Hitzewellen leidet, gewinnt dieses lichtdurchflutete Bauwerk eine neue, fast ironische Bedeutung: als Architekturdenkmal und ökologisches Sinnbild zugleich.
Die Orangerie dient nun als zentraler Sonderausstellungsort, während das Hauptgebäude der Kunsthalle voraussichtlich bis 2029 saniert wird. Die Kuratorin PD Dr. Kirsten Claudia Voigt, die seit 1999 am Karlsruher Institut für Technologie lehrt, hat mit Archistories eine Schau konzipiert, die Lesbarkeit vor Überwältigung stellt.
Vom Kerker zur Videoinstallation
Der Parcours beginnt mit dem Haus als Grundmotiv, jenem alltäglichen Bauwerk, das zwischen Schutz und Ausschluss, zwischen Intimität und Instabilität oszilliert. Giovanni Battista Piranesis berühmte Carceri d’Invenzione, jene erfundenen Kerkerdarstellungen aus dem 18. Jahrhundert, eröffnen den gedanklichen Raum. Die Kunsthalle besitzt Federzeichnungen des Meisters sowie Vorlagen aus seiner Werkstatt, die einst im Besitz Friedrich Weinbrenners waren. Diese historische Verbindung zwischen dem Klassizisten Karlsruhes und dem visionären Italiener schlägt eine Brücke, die die gesamte Ausstellung trägt.
Unmittelbar konfrontiert die Künstlerin Julia Oschatz die Besuchenden mit einer großangelegten Videoinstallation. Auf der einen Hälfte einer Wand erscheint ein geometrisches Raumraster, auf der anderen läuft ein Video im Loop. Die maskierte Künstlerin selbst bemalt in sisyphosartiger Arbeit Wände und steigt unentwegt von einem Raumgehäuse ins nächste. Gegenüber lehnen drei mit schwarzem Eisenpulver bestäubte Magnetplatten von Nicolas Daubanes, die ein reliefartiges Geflecht zeigen und an gotische Kerker im Stile Piranesis erinnern.
Brücken als verbindende und trennende Elemente
Von den Raumgehäusen führt der Weg in transitorische Welten. Brücken von Albert Marquet bis Lyonel Feininger erscheinen sanft in Stadtlandschaften eingelassen oder als kühne Eisenkonstruktionen. Wilhelm Trübners Londoner Stadtszenerie zeigt winterlich gekleidete Passantinnen im Vordergrund und rauchende Schlote im Hintergrund. Die gusseiserne Brücke wurde später abgerissen, doch der Eiffelturm überdauerte. Laurent Goldring dokumentiert ihn in einem im Gegenlicht gefilmten Video, das emsige Menschen zeigt, die wie Schatten die eisernen Treppen scheinbar endlos hinauf und hinunterhasten.
Robert Delaunays kubistischer Eiffelturm von 1909 bis 1911 verdeutlicht, wie unterschiedlich Künstlerinnen und Künstler dasselbe Bauwerk interpretieren können. Sean Scullys erdiges Werk, inspiriert von den Pyramiden von Chichén Itzá, kontrastiert mit Fritz Klemms gespachteltem Relief, das auf seine Atelierwände aus Sichtbeton zurückgreift. Der Bildhauer Werner Pokorny platziert ein Häuschen mit Satteldach auf übereinandergetürmten wuchtigen Gefäßformen, verwundbar und eigenwillig zugleich.
Ruinen als Zonen der Transformation
Den Abschluss bilden Darstellungen von Ruinen und Fragmenten. Sie erscheinen nicht als melancholische Endpunkte, sondern als Zonen der Transformation. Isa Melsheimer aquarelliert brutalistische Bauwerke vor bestirntem Firmament, die so betrachtet durchaus liebenswert wirken. Erwin Spulers großformatiges Ölbild einer von oben betrachteten zerbombten Stadt von 1945 erschüttert hingegen zutiefst. Laurent Goldring dokumentiert in rhythmischen Sequenzen die Niederwalzung eines von Sinti und Roma angelegten Hüttendorfs bei Paris. Noch die ärmlichste Hütte dient als bergende Behausung.
Die Ausstellung verzichtet bewusst auf fertige Antworten. Sie öffnet Denkräume und stellt Fragen, die in den Stadtraum zurückwirken: Wie leben wir zusammen? Welche Bilder von Ordnung, Freiheit und Fürsorge prägen unsere Gebäude? Architektur, so die zentrale These, bildet die Grundlage für das menschliche Zusammenleben. Archistories belegt dies eindrucksvoll.
Archistories. Architektur in der Kunst. Orangerie der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, bis 12. April 2026. Der Katalog kostet 48 Euro.

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