
Milliardenrisiko mit Rentengeldern: Wie eine bayerische Behörde auf einen verurteilten Steuerbetrüger hereinfiel
Die Transamerica Pyramide in San Francisco gilt als architektonische Ikone der Westküste. Ein kühner Entwurf von William Pereira aus dem Jahr 1972, der einst als Symbol für Innovation stand. Doch für bayerische Architektinnen und Architekten ist dieses Gebäude zum Symbol für etwas ganz anderes geworden: für fragwürdige Anlageentscheidungen mit ihren Rentengeldern. Die Bayerische Versorgungskammer, jene Institution, die das Alterseinkommen von rund 2,7 Millionen Menschen verwalten soll, hat sich mit Investitionen in solche Prestigeobjekte offenbar gründlich verhoben.
Der Umfang des Debakels
Was zunächst als überschaubare Wertberichtigung von 163 Millionen Euro kommuniziert wurde, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als weitaus größeres Problem. In Geheimsitzungen des Bayerischen Landtags wurde Ende 2025 bekannt, dass die tatsächliche Investitionssumme in problematische US Immobilienprojekte bei rund 1,6 Milliarden Euro liegt. Das potenzielle Verlustrisiko wird intern auf bis zu 700 Millionen Euro geschätzt. Eine Summe, die auch die Bayerische Architektenversorgung als eines der zwölf betroffenen Versorgungswerke betrifft.
Die Liste der Objekte liest sich wie ein Katalog architektonischer Prestigeprojekte: neben der Transamerica Pyramide auch das ehemalige Coca Cola Gebäude in Manhattan, das Big Red Building in Chicago und Luxushotels in Miami Beach. Gebäude, die einst als sichere Wertanlagen galten, heute jedoch größtenteils leer stehen oder noch immer Baustellen gleichen.
Ein fragwürdiger Geschäftspartner
Besonders brisant: Die Projekte wurden in Zusammenarbeit mit dem New Yorker Immobilienentwickler Michael Shvo realisiert. Shvo hatte sich bereits 2018 der Steuerhinterziehung in Millionenhöhe schuldig bekannt und eine Strafe von 3,5 Millionen Dollar gezahlt. Die Bayerische Versorgungskammer will von dessen Vorgeschichte nichts gewusst haben, ein externer Vermögensverwalter habe die Partnerwahl getroffen. Diese Erklärung wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Sollte eine Institution, die mit dem Alterseinkommen von Millionen Menschen operiert, nicht selbst gründlicher prüfen, mit wem sie Geschäfte macht?
Interne Untersuchungen förderten „Compliance Verstöße“ und ein „nicht angemessenes Näheverhältnis“ zwischen einem BVK Abteilungsleiter und Shvo zutage. Der betroffene Manager wurde entlassen und klagt nun vor dem Arbeitsgericht München. Die Staatsanwaltschaft hat Vorermittlungen eingeleitet. In zwei Verfahren wird die BVK in New York auf insgesamt mehr als 600 Millionen Dollar verklagt, wobei sogar ein Anti Mafia Gesetz zur Anwendung kommen könnte.
Was bedeutet das für Architektinnen und Architekten?
Die Bayerische Architektenversorgung ist Teil des zentralen Vermögenspools der BVK, der insgesamt 117 Milliarden Euro umfasst. Die BVK beschwichtigt: Die Verluste machten lediglich etwa 0,6 Prozent des Gesamtvermögens aus und könnten durch Erträge aus anderen Anlageklassen kompensiert werden. Auswirkungen auf die Versorgungsleistungen schließe man aus.
Doch diese Rechnung greift zu kurz. Zum einen bleiben 700 Millionen Euro Verlust eben 700 Millionen Euro weniger im Topf, aus dem künftige Renten gezahlt werden müssen. Zum anderen offenbart der Skandal strukturelle Probleme in der Aufsicht und Kontrolle, die weit über diesen Einzelfall hinausgehen. Die Frage lautet nicht nur, ob die aktuellen Verluste verkraftet werden können, sondern ob das System robust genug aufgestellt ist, um ähnliche Fehlentscheidungen künftig zu verhindern.
Die politische Dimension
Besonders irritierend ist die Reaktion der Politik. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann verneint jede Verantwortung seines Hauses, es habe keine „aufsichtliche Zuständigkeit“ bestanden. Die Regierungsparteien CSU und Freie Wähler argumentieren, der Landtag sei nicht für die Kontrolle der BVK Geschäfte verantwortlich. Mehr noch: Statt die Aufsicht zu verschärfen, wurde die Berichtspflicht der BVK an das Innenministerium kurzerhand abgeschafft.
Die Opposition aus SPD und Grünen kritisiert diese Hinhaltetaktik scharf. Der Grünen Abgeordnete Tim Pargent, der den Fall durch parlamentarische Anfragen maßgeblich aufgedeckt hat, spricht von einem „ernüchternden“ Informationsfluss. Die Zahlen zur Investitionssumme wurden mehrfach korrigiert, von 611 Millionen über 800 Millionen auf schließlich 1,6 Milliarden Euro. Transparenz sieht anders aus.
Ein Weckruf für den Berufsstand
Für Architektinnen und Architekten sollte dieser Skandal Anlass sein, sich intensiver mit der eigenen Altersvorsorge zu befassen. Die berufsständische Versorgung galt lange als Bollwerk der Sicherheit gegenüber der umlagefinanzierten gesetzlichen Rente. Das kapitalgedeckte System der Architektenversorgung versprach höhere Renditen bei geringerer Abhängigkeit von demografischen Entwicklungen.
Doch Kapitaldeckung bedeutet eben auch Kapitalrisiko. Und während bei Ärzten und Apothekern vereinzelt bereits über die Zukunftsfähigkeit berufsständischer Versorgungswerke diskutiert wird, hatten sich bayerische Architektinnen und Architekten bislang in relativer Sicherheit gewähnt. Der BVK Skandal zeigt, dass dieses Vertrauen nicht blind sein darf.
Fazit: Kontrolle statt Komfort
Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage muss differenziert ausfallen: Nein, bayerische Architektinnen und Architekten müssen nicht unmittelbar um ihre Rente fürchten. Die Verluste sind relativ zum Gesamtvermögen verkraftbar, die BVK wird nicht zusammenbrechen. Aber das sollte kein Grund zur Beruhigung sein. Der Skandal zeigt, dass auch institutionelle Anleger spektakuläre Fehlentscheidungen treffen können, dass Aufsichtsmechanismen versagen und dass politische Verantwortlichkeiten im Ernstfall schnell verwischt werden. Die Mitglieder der Versorgungswerke, darunter tausende Architektinnen und Architekten, haben ein Recht auf vollständige Aufklärung. Sie haben ein Recht zu erfahren, wie es zu diesem Desaster kommen konnte und welche Konsequenzen daraus gezogen werden. Und sie haben die Pflicht, sich selbst aktiver in die Selbstverwaltungsorgane einzubringen. Denn wer sich auf andere verlässt, ist manchmal eben doch verlassen.

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