Baukunst - Nobelpreis für Architektur: Wer hätte ihn verdient?
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Nobelpreis für Architektur: Wer hätte ihn verdient?

11.12.2025
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Stuart Rupert

Ein Testament und seine Lücken

Als Alfred Nobel am 27. November 1895 in Paris sein Testament unterzeichnete, definierte er fünf Bereiche, in denen die Menschheit durch außergewöhnliche Leistungen vorangebracht werden könne: Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Frieden. Die Architektur fand keine Erwähnung. Ob dies eine bewusste Entscheidung war oder schlicht dem Zeitgeist geschuldet, bleibt Gegenstand akademischer Debatten. Nobel selbst war Ingenieur und Chemiker, ein Pragmatiker, der Dynamit erfand und damit unbeabsichtigt sowohl die Bauindustrie revolutionierte als auch die Kriegsführung veränderte.

Die Ironie entgeht niemandem: Ohne Sprengstoff wären viele architektonische Großprojekte des 20. Jahrhunderts undenkbar gewesen, vom Panamakanal bis zu den Tunneln der Alpentransversalen. Doch die Disziplin, die diese Ingenieursleistungen in bewohnbare Räume übersetzt, blieb von der höchsten akademischen Auszeichnung ausgeschlossen.

Der Pritzker als Ersatzhandlung

Seit 1979 springt der Pritzker-Preis in diese Bresche. Von der Hyatt-Stiftung ins Leben gerufen, wird er regelmäßig als „Nobelpreis der Architektur“ bezeichnet, eine Formulierung, die gleichermaßen schmeichelhaft wie irreführend ist. Die 100.000 Dollar Preisgeld verblassen vor den elf Millionen schwedischen Kronen des echten Nobelpreises. Wichtiger noch: Während Nobel auf wissenschaftliche Durchbrüche zielte, würdigt der Pritzker ein Lebenswerk, das sich in gebauter Umwelt manifestiert.

2024 ging der Pritzker an den Japaner Riken Yamamoto, einen 78-jährigen Architekten, dessen Werk sich durch die Auflösung der Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Raum auszeichnet. Seine Wohnbauprojekte fördern nachbarschaftliche Begegnungen, seine öffentlichen Gebäude laden zum Verweilen ein. Japan stellt damit zum neunten Mal den Preisträger, mehr als jedes andere Land.

Kandidatinnen und Kandidaten für eine Gedankenübung

Würde es einen Nobelpreis für Architektur geben, wer käme in Betracht? Die Kriterien Nobels, wonach die Auszeichnung jenen gebührt, die der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben, bieten einen interessanten Maßstab. Anders als bei Physik oder Chemie lässt sich architektonischer Nutzen nicht in Formeln fassen. Er manifestiert sich in Lebensqualität, in sozialer Gerechtigkeit, in ökologischer Verantwortung.

Nach vierzig Jahren Berufserfahrung wage ich eine persönliche Einschätzung:

Francis Kéré: Architektur als soziale Transformation

Der Pritzker-Preisträger von 2022, Diébédo Francis Kéré, geboren in Burkina Faso und in Berlin ansässig, verkörpert vielleicht am deutlichsten, was Nobel mit „Nutzen für die Menschheit“ gemeint haben könnte. Seine Schulen und Gesundheitszentren in Westafrika entstehen unter aktiver Beteiligung der lokalen Gemeinschaften, aus regionalen Materialien, mit bioklimatischen Konzepten, die ohne Klimaanlagen auskommen. „Es ist nicht so, dass man arm ist und deshalb keine Qualität haben kann“, sagt Kéré. Diese Haltung transformiert nicht nur Dörfer, sondern stellt grundsätzliche Annahmen westlicher Architekturpraxis in Frage.

Norman Foster: Technologie im Dienst der Gesellschaft

Der mittlerweile 90-jährige britische Architekt Sir Norman Foster hat mit seinem Büro Foster + Partners die globale Architekturpraxis geprägt wie kaum ein anderer. Vom Reichstag in Berlin über den Apple Park in Cupertino bis zur geplanten Null-Emissions-Stadt Masdar in Abu Dhabi demonstrieren seine Projekte, dass High-Tech-Architektur und Nachhaltigkeit keine Gegensätze sein müssen. Kritiker werfen ihm vor, zu sehr im Dienst des Großkapitals zu stehen. Doch wer die demokratische Transparenz der Berliner Parlamentskuppel erlebt hat, versteht, dass große Bauaufgaben auch gesellschaftliche Impulse setzen können.

Renzo Piano: Der Humanist unter den Stararchitekten

Der Italiener Renzo Piano, 1998 mit dem Pritzker ausgezeichnet, hat mit dem Centre Pompidou in Paris Architekturgeschichte geschrieben und sich seither konsequent der Humanisierung des Bauens gewidmet. Seine Museen, Konzerthallen und öffentlichen Räume zeichnen sich durch eine Sensibilität für Licht, Material und menschlichen Maßstab aus, die in der Welt der Stararchitektur selten geworden ist. Mit 87 Jahren arbeitet er unermüdlich weiter, aktuell an einem neuen Bahnhof für Mailand.

Ken Yeang: Der Visionär des bioklimatischen Hochhauses

Der malaysische Architekt Ken Yeang hat mit seinem Konzept des „bioklimatischen Wolkenkratzers“ einen Paradigmenwechsel eingeleitet. Statt Hochhäuser als energiefressende Glasboxen zu konzipieren, integriert er Vegetation, natürliche Belüftung und passive Kühlung in vertikale Strukturen. Seine Idee der „Öko-Mimikry“, des Nachahmens natürlicher Systeme in der Architektur, gewinnt angesichts der Klimakrise täglich an Relevanz.

Diller Scofidio + Renfro: Die Grenzgänger zwischen Kunst und Architektur

Das New Yorker Studio Diller Scofidio + Renfro hat die Grenzen dessen, was Architektur sein kann, konsequent erweitert. Mit der High Line verwandelten Elizabeth Diller und Ricardo Scofidio eine stillgelegte Hochbahntrasse in einen der meistbesuchten öffentlichen Räume der Welt. The Shed, The Broad in Los Angeles und die jüngst eröffnete V&A East Storehouse in London zeigen ihre Fähigkeit, Kulturbauten zu schaffen, die Institution und Stadt neu vernetzen. Nach dem Tod Ricardo Scofidios im März 2025 führt Elizabeth Diller das Büro weiter. Bei der Architekturbiennale Venedig 2025 wurde DS+R mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Ihr interdisziplinärer Ansatz, der Architektur, bildende Kunst und Performance verschmilzt, stellt die traditionellen Grenzen der Disziplin infrage.

Herzog & de Meuron: Die Alchemisten der Fassade

Jacques Herzog und Pierre de Meuron, beide 1950 in Basel geboren, haben mit ihrem Büro Herzog & de Meuron die Materialität der Architektur neu definiert. Seit dem Pritzker-Preis 2001 gilt das Schweizer Duo als Maßstab für architektonische Innovation. Die Tate Modern in London, das Olympiastadion „Vogelnest“ in Peking und die Elbphilharmonie in Hamburg zeigen ihre Fähigkeit, ikonische Bauten zu schaffen, die dennoch tief in ihrem Kontext verwurzelt sind. Mit rund 600 Mitarbeitenden weltweit zählt das Büro zu den einflussreichsten der Welt. Was Herzog & de Meuron auszeichnet, ist ihr obsessives Interesse an der Gebäudehülle: Kupferbänder, bedruckte Glasfassaden, Gabionenwände. In einer Zeit der digitalen Beliebigkeit beharren sie auf der sinnlichen Erfahrung des Materials.

Peter Zumthor: Der Meister der Atmosphäre

Der Schweizer Peter Zumthor, Pritzker-Preisträger 2009, repräsentiert das genaue Gegenteil globaler Architekturpraxis. Mit einem Team von etwa fünfzehn Mitarbeitern arbeitet er seit Jahrzehnten im abgelegenen Haldenstein in Graubünden und lehnt mehr Aufträge ab, als er annimmt. Seine Therme Vals, das Kolumba Museum in Köln und die Bruder Klaus Feldkapelle gehören zu den am meisten verehrten Bauten der Gegenwart. „Architektur ist nicht Vehikel oder Symbol für Dinge, die nicht zu ihrem Wesen gehören“, schreibt Zumthor in seinem Buch „Architektur Denken“. In einer Gesellschaft, die das Unwesentliche feiert, könne Architektur Widerstand leisten. Zumthors Bauten beweisen diese These: Sie sind keine Spektakel, sondern Räume von fast sakraler Stille, in denen Licht, Material und menschlicher Körper in Dialog treten.

Die eigentliche Frage

Vielleicht ist das Fehlen eines Architektur-Nobelpreises jedoch kein Versäumnis, sondern eine heilsame Beschränkung. Die Naturwissenschaften streben nach objektiv überprüfbaren Erkenntnissen. Architektur hingegen verhandelt zwischen ästhetischen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Ansprüchen, die sich nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen. Ein Schulbau in Burkina Faso und ein Museum in New York erfüllen derart unterschiedliche Funktionen, dass ein Vergleich fast unstatthaft erscheint.

Was die genannten Architektinnen und Architekten verbindet, ist weniger ein stilistisches Programm als eine ethische Haltung: die Überzeugung, dass Architektur mehr sein kann als gebaute Spekulation oder skulpturales Ego. Dass sie im besten Fall das Leben der Menschen verbessert, die sie nutzen, und nicht nur das Portfolio derjenigen, die sie finanzieren.

Alfred Nobel wollte diejenigen ehren, die der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben. In einer Zeit, in der der Bausektor für etwa 40 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich ist und in der eine Milliarde Menschen in informellen Siedlungen leben, wäre ein Nobelpreis für Architektur vielleicht tatsächlich überfällig. Nicht als Krönung individueller Genialität, sondern als Anerkennung einer Disziplin, die über die Zukunft unserer Städte und damit über unser aller Lebensqualität entscheidet.

Bis dahin bleibt der Pritzker. Und die stille Gewissheit, dass die besten Gebäude ohnehin keine Preise brauchen, um zu wirken.

Alternative Überschriften

  1. Der Spiegel: Die vergessene Disziplin: Warum die Architektur keinen Nobelpreis bekommt und wer ihn verdient hätte
  2. Bild-Zeitung: Diese Bau-Genies wären reif für den Nobelpreis!
  3. Stern: Vom Dorf in Burkina Faso nach Stockholm: Die Architekten, die unsere Welt verändern
  4. NZZ: Alfred Nobels Vermächtnis und die Frage nach architektonischer Exzellenz
  5. Die Zeit: Bauen für die Menschheit: Eine Reflexion über verdiente Ehrungen und institutionelle Leerstellen
  6. FAZ: Architektur zwischen Kunstanspruch und gesellschaftlicher Verantwortung: Wem gebührt die höchste Auszeichnung?
  7. Frankfurter Rundschau: Vergessen von Nobel: Wie Architektur Klimakrise und soziale Ungleichheit bekämpfen könnte
  8. TAZ: Kein Preis für den Beton-Wahnsinn? Warum der fehlende Architektur-Nobel ein Problem ist