Baukunst - Architekturtage 2026: Was uns verbindet, was die Republik trägt
Wasserkraft als Baukultur: Die Architekturtage 2026 öffnen vom 28. bis 30. Mai Infrastrukturbauten in ganz Österreich. Symbolbild, KI-generiert

Architekturtage 2026: Was uns verbindet, was die Republik trägt

19.05.2026
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Redaktion.baukunst.art

baukunst.art | Österreich | Mai 2026
Lesezeit 8 Minuten

Brücken, Kraftwerke, Netze: Eine Reise durch Österreichs verborgene Bauwelt

Die Architekturtage sind Österreichs größtes biennales Publikumsfestival für Baukultur und Ingenieurtechnik. Vom 28. bis 30. Mai 2026 stellt die dreizehnte Ausgabe unter dem Motto „Was uns verbindet, Infrastrukturen des Alltags“ jene Bauten ins Zentrum, die das Land im Wortsinn zusammenhalten: Brücken, Kraftwerke, Abwassersysteme, Strom- und Wasserversorgung, Bahnhöfe, Logistikzentren. Rund 300 Veranstaltungen in allen neun Bundesländern, kuratiert von zehn Architekturhäusern, machen sichtbar, was im Alltag funktionieren muss, damit Stadt und Landschaft funktionieren können.

Warum stellen die Architekturtage 2026 Infrastruktur ins Zentrum?

Das Festivalmotto reagiert auf eine Schätzung, die in den Programmtexten der Veranstalter wiederholt zitiert wird: Rund 70 Prozent der Anlagen, die das Land 2050 benötigen wird, existieren heute noch nicht. Energiewende, Mobilitätswende, demografischer Wandel und Klimaanpassung verlangen Infrastrukturbauten in einem Umfang, den die letzten Jahrzehnte nicht gekannt haben. Diese Bauten entstehen meist abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit. Sie werden geplant, geprüft, gebaut und betrieben, ohne dass die Gesellschaft mitdenkt, mitstreitet oder mitfeiert. Die Architekturtage stellen genau diese Lücke ins Zentrum.

Das Programm konkretisiert den Anspruch mit greifbaren Orten. In Vorarlberg führt das vai Vorarlberger Architektur Institut in Bregenz, Dornbirn, Feldkirch und Bludenz zu frühen Industrieanlagen und zur Wasserwirtschaft, etwa zum Kraftwerk Litschau. In Tirol bietet aut. architektur und tirol Bauvisiten zur Stubaitalbahn, zu den Innsbrucker Kraftwerken in Mühlau und zum Recyclingzentrum Ahrental. Niederösterreich nimmt Getreidespeicher, die Wachaubahn und Renaturierungsprojekte entlang der Donau in den Blick. Das Burgenland öffnet im Schlossquartier Eisenstadt den Zugang zu Wind- und Solarparks, Steiermark und Kärnten kooperieren bei einer Sonderfahrt auf der neuen Koralmbahn. In Wien werden Verkehrs-, Wasser- und Energieanlagen für Sonderöffnungen bereitgestellt, in Salzburg ein Verkehrskonzept in Flachau vorgestellt. Die Bandbreite ist programmatisch: nicht das Spektakel, sondern die Substanz.

Das Tiroler Programm verdichtet diese Logik exemplarisch. Am 29. Mai führt EGKK Landschaftsarchitektur durch die Neugestaltung des Bozner Platzes in Innsbruck, am 30. Mai folgen Brueckenwanderung an der Stubaitalbahn mit Martin Schönherr und Conrad Brinkmeier, eine Führung durch die Mühlauer Kraftwerke mit Andreas Rauch, ein Stadtspaziergang von Ivona Jelčić zu Abfalleimer, Stromkasten und Gullydeckel sowie eine Fahrradtour kreuz und quer über Sill und Inn. Den Abschluss bildet das Bogenfest unter den Innsbrucker Bahnviadukten. Architektur wird hier nicht ausgestellt, sondern abgegangen: ein Lehrstück darin, wie Vermittlung funktioniert, wenn sie sich nicht an Fachpublikum allein richtet.

Welche Bedeutung hat das Festival für die Planungspolitik in den Bundesländern?

Die Architekturtage sind in der österreichischen Planungslandschaft kein beliebiger Branchentermin. Veranstaltet werden sie von der Bundeskammer und den Länderkammern der Ziviltechnikerinnen und Ziviltechniker sowie der Architekturstiftung Österreich. Damit steht hinter dem Festival jene berufsständische Selbstverwaltung, die das Ziviltechnikergesetz 2019 (ZTG 2019) als verfasste Rechtsperson absichert. Kuratiert wird das Programm von den zehn Architekturhäusern: afo architekturforum oberösterreich, Architektur Haus Kärnten, Architektur Raumburgenland, Architekturzentrum Wien (Az W), HDA Haus der Architektur Graz, Initiative Architektur Salzburg, ÖGFA Österreichische Gesellschaft für Architektur, ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich, aut. architektur und tirol sowie vai Vorarlberger Architektur Institut. Diese föderale Architektur des Festivals bildet ab, was die österreichische Planungskultur prägt.

Bauordnung und Raumordnung sind in Österreich Landessache. Jedes Bundesland regelt eigene Bautechnik- und Raumordnungsgesetze, harmonisiert über die OIB-Richtlinien des Österreichischen Instituts für Bautechnik. Wer die regionale Differenz der Architekturtage ernst nimmt, sieht in den Programmpunkten eine kuratierte Lesart dieser Föderalstruktur: Energieinfrastruktur im Burgenland verweist auf die landeseigene Energiestrategie, die Donau-Renaturierung auf bundes- und länderübergreifende Wasserrechtsregime, die Koralmbahn auf eine Verkehrsinfrastruktur, die zwei Bundesländer in einen gemeinsamen Wirtschaftsraum verwandelt. Das Festival führt vor, dass Baukultur in Österreich nicht national vereinheitlicht ist, sondern als Summe regionaler Praxis entsteht.

Die zehn Architekturhäuser fungieren als Vermittlungsinstanz zwischen Profession und Öffentlichkeit. Dass eine Berufskammer in Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Architekturinstitutionen ein dreitägiges, weitgehend kostenfreies Festival ausrichtet, ist im DACH-Vergleich bemerkenswert. In Deutschland wäre eine vergleichbare Bündelung von Bundesarchitektenkammer, Länderkammern und regionalen Architekturzentren bislang ohne dauerhaftes Format. Der österreichische Baukulturreport, regelmäßig vom Beirat für Baukultur im Bundeskanzleramt vorgelegt, bildet den policy-politischen Rahmen, an den die Architekturtage anschließen. Festival und Bericht stehen in einem produktiven Verhältnis: Was der Bericht analytisch fordert, übersetzt das Festival in erlebbare Räume.

Vom Auftakt zum New European Bauhaus

Die Auftaktveranstaltung am 20. Mai im Architekturzentrum Wien bündelt Diskurs und Repräsentation. Angelika Fitz, Direktorin des Az W, eröffnet gemeinsam mit Barbara Frediani-Gasser, Präsidentin des Vereins der Architekturtage und Vertreterin der Bundeskammer, sowie Christian Kühn und Karoline Mayer von der Architekturstiftung Österreich. Den Impulsvortrag halten Dietmar Feichtinger, der mit Büros in Paris und Wien zu den profiliertesten Brückenbauern Europas zählt, sowie Apolline Couret von schlaich bergermann partner Paris. Als Baukulturbotschafterinnen und Baukulturbotschafter wirken neben Feichtinger die Weltraumarchitektin Barbara Imhof, der Städtebund-Generalsekretär Thomas Weninger und die Kuratorin Anamarija Batista.

Am 28. Mai öffnen sich im Format Open Studio26 Architektur- und Ingenieurbüros österreichweit für Gäste. Der Open Call26 ruft parallel zu Einreichungen zum Thema Infrastruktur auf: Fotografien gebauter Anlagen, Skizzen und Visionen für die Infrastruktur von morgen. Aus den Einreichungen entsteht ein „Infrastrukturatlas des Alltags“, der geografisch verortet im Netz veröffentlicht wird. Den Schlusspunkt setzt am 10. Juni 2026 die Abschlussveranstaltung am Otto-Wagner-Areal in Wien, ihrerseits Satelliten-Event des New European Bauhaus Festivals der Europäischen Union. Damit verbindet das Festival regionale Programmkuration mit europäischer Baukulturpolitik.

Für die DACH-Region liegt darin ein Modell. Die Übersetzung von Infrastrukturpolitik in Bauvisiten, Stadtspaziergänge, Workshops und Familienprogramme schafft jene öffentliche Anschlussfähigkeit, die Großprojekte heute brauchen. Wer Energiewende, Hochwasserschutz oder Schienenausbau realisieren will, ohne sich in Verfahren und Akzeptanzkrisen zu verheben, ist auf eine informierte Öffentlichkeit angewiesen. Der deutsche Tag der Architektur, organisiert von den Länderkammern, erreicht in seiner Reichweite nicht die kuratorische Tiefe der Architekturtage. Auch in der Schweiz fehlt ein vergleichbares, vom Berufsstand getragenes Festivalformat mit föderalem Anspruch. Die Architekturtage 2026 sind die infrastrukturpolitisch relevanteste Veranstaltung des österreichischen Baukulturkalenders. Sie verdienen Beachtung weit über die Republik hinaus, gerade in Bayern und Baden-Württemberg, wo ähnliche Transformationsaufgaben unter ähnlicher Föderalstruktur anstehen.

Leserinformation: Architekturtage 2026

Festival Architekturtage 2026, 13. Ausgabe Motto: „Was uns verbindet, Infrastrukturen des Alltags“

Termin Donnerstag, 28. Mai bis Samstag, 30. Mai 2026 Auftaktveranstaltung: Mittwoch, 20. Mai 2026, ab 17:30 Uhr Abschlussveranstaltung: Mittwoch, 10. Juni 2026, ab 18:00 Uhr

Orte Rund 300 Veranstaltungen in allen neun Bundesländern Österreichs Auftakt: Architekturzentrum Wien (Az W), MuseumsQuartier, Museumsplatz 1, 1070 Wien Abschluss: Otto-Wagner-Areal, Baumgartner Höhe 1, 1140 Wien

Eintritt Sämtliche Veranstaltungen kostenfrei Für viele Programmpunkte ist eine Anmeldung erforderlich

Open Studio 26 Donnerstag, 28. Mai 2026 Architektur- und Ingenieurbüros öffnen österreichweit ihre Türen Standorte ab Anfang Mai auf der Festivalwebsite

Open Call 26 Einreichungen von Fotografien, Skizzen, Modellen und Videos zum Thema Infrastruktur Einreichschluss: 30. Mai 2026 Auswahl wird Teil des „Infrastrukturatlas des Alltags“

Kuratierende Architekturhäuser afo architekturforum oberösterreich · Architektur Haus Kärnten · Architektur Raumburgenland · Architekturzentrum Wien · HDA Haus der Architektur Graz · Initiative Architektur Salzburg · ÖGFA Österreichische Gesellschaft für Architektur · ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich · aut. architektur und tirol · vai Vorarlberger Architektur Institut

Veranstalter Bundeskammer und Länderkammern der Ziviltechnikerinnen und Ziviltechniker Architekturstiftung Österreich

Programm und Anmeldung www.architekturtage.at

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