Baukunst - Ark Nova in Luzern: Wenn die Architektur atmet und die Musik schwebt
Lucerne Festival | Ark Nova | Luzern 2025 © Anish Kapoor, all rights reserved. Foto: Seraina Wirz

Ark Nova in Luzern: Wenn die Architektur atmet und die Musik schwebt

19.01.2026
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Stuart Rupert

Die atmende Arche: Kapoors und Isozakis aufblasbarer Konzertsaal erobert Europa

Wer im September 2025 auf der Lidowiese am Vierwaldstättersee stand und diese auberginefarbene Skulptur betrachtete, erlebte einen jener seltenen Momente, in denen die Grenzen zwischen Architektur und Kunst vollständig verschwimmen. Die Ark Nova, entstanden aus der Zusammenarbeit des britisch indischen Künstlers Sir Anish Kapoor und des 2022 verstorbenen japanischen Stararchitekten Arata Isozaki, verkörpert eine radikale Idee: ein Bauwerk, das atmet.

Mit 18 Metern Höhe und einer Grundfläche von 24 mal 36 Metern erhob sich die aufblasbare Konzerthalle wie ein organisches Wesen aus der Schweizer Landschaft. Ihre torusförmige Gestalt, durchzogen von einem schrägen Schlauchkanal, der den Blick zum Himmel freigibt, erinnert an Kapoors monumentale Installation „Leviathan“ von 2011 im Pariser Grand Palais. Doch während jene Skulptur reine Betrachtung forderte, verlangt die Ark Nova nach Musik, nach Menschen, nach Leben.

Geboren aus der Katastrophe

Die Entstehungsgeschichte der Ark Nova ist untrennbar mit einer der grössten Naturkatastrophen der jüngeren Geschichte verbunden. Nach dem verheerenden Erdbeben und Tsunami, die Japan im März 2011 erschütterten, suchten Michael Haefliger, der langjährige Intendant des Lucerne Festivals, und der japanische Konzertagent Masahide Kajimoto nach einem Zeichen der Hoffnung. Musik sollte dorthin gelangen, wo die kulturelle Infrastruktur zerstört war.

Die Idee eines mobilen Konzertsaals war geboren. Kapoor und Isozaki entwickelten ein Konzept, das theoretisch in wenigen Stunden aufgeblasen werden kann, sich zusammengefaltet auf Lastwagen transportieren lässt und dennoch akustisch überzeugt. 2013 öffnete die Ark Nova erstmals ihre Pforten in Matsushima, in der schwer getroffenen Region Tōhoku. Es folgten Auftritte in Sendai, Fukushima und schliesslich 2017 in Tokio. Der Name, eine Kombination aus „Arche“ und dem lateinischen „nova“ für „neu“, trägt die Hoffnung bereits in sich.

Zwischen Rauschen und Resonanz

Die technischen Daten beeindrucken: Eine 0,6 Millimeter dünne, PVC beschichtete Polyestermembran bildet die Aussenhaut. Zusammengefaltet misst sie bescheidene zwei mal acht Meter, wiegt jedoch 1,7 Tonnen. Drei Gebläse halten den Bau unter Spannung, Sensoren und Druckfühler messen kontinuierlich den Luftbedarf. Der Akustikexperte Yasuhisa Toyota von Nagata Acoustics begleitete das Projekt, um trotz der unkonventionellen Materialität einen überzeugenden Klangraum zu schaffen.

Doch die Ark Nova bleibt ein Kompromiss. Der permanente Luftstrom erzeugt ein leises, allgegenwärtiges Rauschen, einen sanften Tinnitus, den Besucherinnen und Besucher zunächst wahrnehmen, dann vergessen. Die Membran isoliert weder gegen Hitze noch gegen Kälte. Tutet ein Dampfer am nahen Anlegesteg, tutet er auch im Inneren. Das Aussenverhältnis zur Umgebung, das bei konventionellen Konzertsälen rigoros ausgeschlossen wird, dringt hier bewusst ein.

Haefligers Vermächtnis

Dass die Ark Nova ausgerechnet 2025 erstmals nach Europa kam, war kein Zufall. Michael Haefliger beendet nach 26 Jahren seine Intendanz am Lucerne Festival. Unter seinem Motto „Open End“ stand diese finale Saison, und die Rückkehr der aufblasbaren Konzerthalle an ihren geistigen Ursprungsort bildete einen würdigen Abschluss. Von Luzern aus wurde sie erdacht, in Japan bewährte sie sich, nun kehrte sie zurück, bevor Sebastian Nordmann die Leitung übernimmt.

In Luzern fasste die Arche 300 Besucherinnen und Besucher, weniger als die 500 in Japan. Das Programm war vielfältig, die Tickets günstig, die Konzerte kompakt. Von Caroline Shaws zeitgenössischem „Entr’acte für Streichquartett“ bis zur Schweizer Musikerin Ursina mit ihren rätoromanischen Songs reichte das Spektrum. Die Intimität des Raumes, die prächtige Kuppel mit ihrem wechselnden Farbspiel, wenn die Abendsonne Baumschatten auf die Aussenhaut warf, all das schuf eine Atmosphäre, die konventionelle Konzertsäle nicht bieten können.

Die Grenzen der aufblasbaren Utopie

Architekturkritik muss auch die Frage stellen, was die Ark Nova nicht ist. Ein Ersatz für marode Kulturinfrastruktur kann sie nicht sein. Zwar liesse sie sich theoretisch grösser entwerfen, doch sie bliebe dem Klima ausgesetzt, abhängig von permanenter Luftzufuhr und nur bedingt schalldicht. Der Aufwand für ihren Einsatz in der Schweiz, ein Jahr Vorbereitung inklusive Machbarkeitsstudie, das Fundament aus Sand, Kies und Stahlplatten, die sorgsame Abdichtung, verdeutlicht, dass „mobil“ relativ bleibt.

Dennoch gelang der Ark Nova etwas Wesentliches: Sie zog Menschen an, die einen traditionellen Konzertsaal möglicherweise nie betreten würden. Ihre skulpturale Präsenz, das Geheimnis ihres Inneren, die Verschmelzung von Kunst und Funktion, all das erzeugte eine Neugier, die Schwellenängste abbaute. In Zeiten, in denen Kulturinstitutionen um Relevanz ringen, ist das keine geringe Leistung.

Zurück nach Japan

Nach elf intensiven Tagen auf der Luzerner Lidowiese ist die Ark Nova inzwischen wieder abgebaut und auf dem Weg zurück nach Japan. Die violette Membran wurde entlüftet, sorgfältig zusammengefaltet und verschifft. Von dem spektakulären Gastspiel zeugt auf der Wiese am Vierwaldstättersee nichts mehr, ganz so, wie es die Schweizer Behörden gefordert hatten: alles abbaubar, wiederverwertbar, spurlos. Ob und wann die atmende Arche erneut nach Europa kommen wird, bleibt offen.

Ein Epilog in Violett

Die Ark Nova verkörpert das Flüchtige in einer Kunstform, die sonst auf Dauerhaftigkeit setzt. Architektur für die Ewigkeit, so lautete das Versprechen seit den Pyramiden. Kapoor und Isozaki wagten das Gegenteil: ein Bauwerk, das ohne permanente Betreuung innerhalb von Minuten zusammenfiele. Diese Fragilität ist keine Schwäche, sondern ihre stärkste Botschaft. In einer Welt, die nach Sicherheiten sucht, erinnert die atmende Arche daran, dass auch das Vorübergehende Wert besitzt. Und dass Musik, ihrer Natur nach immer vergänglich, keinen monumentalen Rahmen braucht, um zu berühren.