Baukunst - Augsburger Staatstheater: Ein Bauprojekt zwischen Tradition und moderner Architektur
Staatstheater Augsburg © Henn Architekten

Augsburger Staatstheater: Ein Bauprojekt zwischen Tradition und moderner Architektur

24.11.2025
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Claudia Grimm

Staatstheater Augsburg: Zwischen Denkmalschutz und Kostenexplosion

Ein Bauprojekt als Spiegel regionaler Herausforderungen

Das Augsburger Staatstheater, 1878 von den Wiener Architekten Fellner und Helmer erbaut und nach Kriegszerstörungen in den 1950er Jahren wiederaufgebaut, steht erneut im Fokus der Öffentlichkeit. Doch diesmal geht es nicht um historische Reminiszenzen, sondern um eine der umstrittensten Sanierungen der jüngeren bayerischen Baugeschichte. Mit einem aktuellen Kostenrahmen von über 417 Millionen Euro – ursprünglich waren 186 Millionen veranschlagt – und einer Fertigstellung erst 2030, zeigt das Projekt, wie regionale Baukultur, politische Verantwortung und wirtschaftliche Realitäten kollidieren.

Von der Vision zur Baustelle: Planungswirren und Architekturenwechsel

Die Sanierung des denkmalgeschützten Großen Hauses und der Neubau des Kleinen Hauses sowie eines Betriebsgebäudes sollten das Theater in die Zukunft führen. Doch der Weg dorthin war von Turbulenzen geprägt: Nach jahrelangen Verzögerungen und Streitigkeiten um Honorare und Planungskompetenzen beendete die Stadt Augsburg 2025 die Zusammenarbeit mit dem Münchner Architekturbüro Achatz, das zuvor für die Sanierung der Münchner Kammerspiele verantwortlich war. Die Gründe bleiben im Dunkeln, doch die Folgen sind sichtbar: Ein neues Planungsteam unter der Leitung des Büros HENN übernahm die Verantwortung – mit dem Auftrag, das Projekt „im Kostenrahmen und zeitgerecht“ zu vollenden.

HENNs Entwurf setzt auf eine halbtransparente Glasfassade, die sich wie ein Theatervorhang um das Kleine Haus legt. Das Material: recyceltes Glas aus der Region, das tagsüber das Innenleben des Theaters erahnen lässt und nachts als leuchtende Kulturbühne wirkt. Doch nicht alle sind begeistert. Kritiker bemängeln, die Fassade wirke „hässlich oder billig“ und sei schwer lesbar. Befürworter hingegen loben die moderne, offene Gestaltung, die Tradition und Innovation verbindet.

Kosten, Kritik und kulturelle Strahlkraft

Die Kostenexplosion – von 186 auf über 417 Millionen Euro – sorgt für Unmut. Der Bund der Steuerzahler spricht von einem „Fass ohne Boden“ und warnt vor weiteren Verzögerungen, die Millionen verschlingen. Doch die Stadt Augsburg betont die Notwendigkeit des Projekts: Das Theater sei ein „wichtiger Standortfaktor“ und trage zur Stadtentwicklung bei. Oberbürgermeisterin Eva Weber (CSU) sieht in der Sanierung eine Chance, die kulturelle Identität Augsburgs zu stärken – trotz der finanziellen Bürde.

Regionale Besonderheiten: Denkmalschutz, Materialien und Akteure

Die Sanierung des Staatstheaters ist ein Paradebeispiel für die Herausforderungen regionaler Baukultur. Der denkmalgeschützte Bestand erfordert sensible Lösungen, die historische Substanz und moderne Anforderungen vereinen. Gleichzeitig zeigt das Projekt, wie lokale Netzwerke und politische Entscheidungen den Bauprozess prägen. Die Zusammenarbeit mit regionalen Handwerksbetrieben und die Nutzung nachhaltiger Materialien wie recyceltem Glas unterstreichen den Anspruch, ein „europäisches Kulturgebäude“ zu schaffen, das der Metropole Augsburg gerecht wird.

Fazit: Ein Theaterbau als Labor für die Zukunft

Das Augsburger Staatstheater wird mehr als ein Gebäude: Es ist ein Labor für den Umgang mit historischem Erbe, finanziellen Grenzen und architektonischen Visionen. Ob die Sanierung am Ende als Erfolg oder als Mahnmal für Planungsfehler in Erinnerung bleibt, hängt nicht nur von der Architektur ab, sondern auch davon, wie die Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger mit den Herausforderungen umgehen. Eines ist sicher: Das Projekt wird noch lange für Gesprächsstoff sorgen – auf und hinter der Bühne.