Baukunst - Lübecks Bildungsrevolution: Wie eine Stadt ihre Kaufhaus-Ruine zu Gold macht
Lübeck © Achim Scholty/Pixabay

Backstein und Beton im Dialog – Konermann + Siegmund modernisieren Lübecker Traditionsbühne

26.07.2025
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Claudia Grimm

Bühne frei für Baukultur: Wie Konermann + Siegmund das Lübecker Figurentheater neu erfinden

Wenn Don Quichotte und Jim Knopf in Lübecks Gassen aufeinandertreffen, dann geschieht dies neuerdings in einem architektonischen Spannungsfeld, das seinesgleichen sucht. Nach sieben Jahren Bauzeit hat das Figurentheater Kolk 17 im März 2025 seine Pforten wieder geöffnet – und präsentiert sich als mutiges Beispiel dafür, wie zeitgenössisches Bauen im UNESCO-Weltkulturerbe gelingen kann.

Zwischen Holstentor und Petrikirche: Ein Quartier im Wandel

Die Herausforderung hätte größer kaum sein können: Mitten im historischen Kern der Hansestadt, eingezwängt zwischen mittelalterlichen Kaufmannshäusern und unter den wachsamen Augen von Denkmalpflegerinnen und Denkmalschützern, galt es, eine seit 1977 gewachsene Kulturinstitution in die Zukunft zu führen. Was Puppenspieler Fritz Fey einst als kleine Bühne für Marionetten- und Handpuppentheater gründete, hatte sich über vier Jahrzehnte zu einem Ensemble aus Theater und Museum entwickelt, das dringend einer räumlichen und technischen Modernisierung bedurfte.

Die Possehl-Stiftung als Betreiberin wagte 2017 den entscheidenden Schritt und lobte einen Architekturwettbewerb aus. Dass die ortsansässigen Architekten Konermann + Siegmund das Rennen machten, mag auf den ersten Blick wie ein Heimvorteil erscheinen. Tatsächlich aber war es ihre tiefe Verwurzelung in der Lübecker Bautradition, gepaart mit einem unverstellten Blick für zeitgenössische Lösungen, die den Ausschlag gab.

Radikal und respektvoll: Die architektonische Strategie

Der Siegerentwurf überraschte mit einem auf den ersten Blick paradoxen Ansatz: Um das historische Ensemble zu bewahren, mussten Teile davon weichen. Die Architekten schlugen vor, das Museum in die ehemaligen Theatergebäude zu verlegen und für die Bühne einen Neubau zu errichten. Diese Rochade ermöglichte es, die wertvollsten Bestandsbauten zu erhalten und gleichzeitig moderne Anforderungen an Barrierefreiheit, Brandschutz und Bühnentechnik zu erfüllen.

Das Herzstück der Intervention bildet das neue Foyer im historischen Eckhaus Kolk 14. Durch das behutsame Entfernen späterer Einbauten legten die Planerinnen und Planer die ursprüngliche Diele frei, die sich nun über das gesamte Erdgeschoss erstreckt. Freigelegte Deckenbalken und das restaurierte gotische Portal schaffen eine Atmosphäre, die Geschichte atmet, ohne museal zu wirken. Große Öffnungen lassen die Grenze zwischen Innen und Außen verschwimmen – die enge Gasse wird zum erweiterten Foyer, das Theater zur Bühne für das städtische Leben.

Backstein trifft Beton: Materialität als Dialog

Die beiden Neubauten, die das Eckgebäude flankieren, zeigen sich nach außen in regionalem Klinker gekleidet – eine Verbeugung vor der norddeutschen Backsteintradition. Im Inneren jedoch offenbaren sie ihr zeitgenössisches Wesen: Glatt geschalter Sichtbeton dominiert die Räume und schafft einen reizvollen Kontrast zu den historischen Klosterformatziegeln der Bestandswände.

Besonders elegant lösten die Architekten die Nahtstellen zwischen Alt und Neu: Wo neue Wände auf ehemalige Außenmauern treffen, wurden letztere in schlanke Rundstützen aufgelöst. Diese rahmen das dahinterliegende historische Mauerwerk wie kostbare Gemälde – eine gestalterische Geste, die den Dialog zwischen den Zeiten zum Leitmotiv erhebt.

Bühne frei für Flexibilität

Der eigentliche Theaterraum im ersten Obergeschoss überrascht mit seiner Offenheit zur Stadt. Vier Meter hohe Fenster zur Kleinen Petersgrube signalisieren mittels Verdunkelungsklappen, ob gerade eine Vorstellung läuft – das Theater wird Teil der städtischen Kommunikation. Darüber öffnet sich eine halbkreisförmige Öffnung zum höher gelegenen Petrikirchhof, die als Außenbühne für Open-Air-Veranstaltungen dient. Diese vertikale Verschränkung der Ebenen nutzt geschickt die topografischen Gegebenheiten der Altstadtlage.

Das zweigeschossige Forum im Neubau Kolk 18 verkörpert die neue Multifunktionalität des Hauses. Mit seinen halbrunden, rahmenlosen Verglasungen öffnet es sich zur Straße und lädt zu wechselnden Nutzungen ein – vom Empfang über Workshops bis zu kleinen Ausstellungen.

Lübecker Lehrstück: Regionale Baukultur im 21. Jahrhundert

Das neue Figurentheater ist mehr als nur ein gelungenes Sanierungsprojekt. Es demonstriert, wie regionale Baukultur im 21. Jahrhundert aussehen kann: verwurzelt in der lokalen Tradition, ohne in Nostalgie zu verfallen; mutig in der Intervention, ohne respektlos zu sein; funktional durchdacht, ohne die poetische Dimension zu vergessen.

Die Herausforderungen, vor denen Konermann + Siegmund standen, sind typisch für viele norddeutsche Altstädte: strenge Auflagen des Denkmalschutzes, kleinteilige Parzellenstrukturen, komplexe Eigentumsverhältnisse und nicht zuletzt die Erwartungen einer kritischen Öffentlichkeit, die jede Veränderung im UNESCO-Welterbe argwöhnisch beäugt. Dass es den Architekten gelang, all diese Akteure ins Boot zu holen, spricht für ihre Fähigkeit zur Vermittlung – eine Kompetenz, die in Zeiten zunehmender Partizipation immer wichtiger wird.

Modellcharakter für andere Regionen?

Was lässt sich aus dem Lübecker Projekt für andere historische Stadtkerne lernen? Zunächst die Erkenntnis, dass Denkmalschutz und zeitgenössische Architektur keine Gegensätze sein müssen. Der Mut zur Lücke – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne – kann Räume für Neues schaffen, ohne das Alte zu verraten. Die Strategie der funktionalen Rochade, wie sie hier angewandt wurde, könnte auch andernorts helfen, festgefahrene Nutzungskonflikte zu lösen.

Gleichzeitig zeigt das Projekt die Bedeutung lokaler Expertise. Die Vertrautheit der Architekten mit den spezifischen Bautraditionen der Hansestadt – vom Klosterformat der Ziegel bis zur Typologie der Kaufmannshäuser – ermöglichte Lösungen, die ein ortsfremdes Büro womöglich nicht gefunden hätte. Dies ist keine Absage an überregionale Kompetenz, sondern ein Plädoyer für die produktive Verbindung von lokalem Wissen und externen Impulsen.

Ausblick: Die zweite Halbzeit

Mit der Eröffnung des Theaters ist erst die Hälfte des Gesamtprojekts abgeschlossen. Bis Juli 2025 entsteht hinter den denkmalgeschützten Backsteinfassaden der ehemaligen Theaterbauten das neue Museum als „Haus im Haus“. Man darf gespannt sein, wie Konermann + Siegmund auch diese Aufgabe meistern werden.

Das neue Figurentheater Lübeck beweist eindrucksvoll, dass regionales Bauen im 21. Jahrhundert weder provinziell noch rückwärtsgewandt sein muss. Es kann vielmehr zum Labor für Lösungen werden, die aus der spezifischen Situation heraus entwickelt wurden und gerade deshalb Modellcharakter für andere Orte haben. Wenn Don Quichotte das nächste Mal gegen Windmühlen kämpft, tut er dies in einem Raum, der selbst zum Statement geworden ist: für eine Baukultur, die Tradition und Innovation nicht als Widerspruch, sondern als produktive Spannung begreift.