
 Stuart Stadler, Architekt, Herausgeber Baukunst.art
Gebaut und schon veraltet: Der kurze Atem der Gegenwartsarchitektur
Bauwerke sind keine Wegwerfprodukte. Diese Aussage klingt so selbstverständlich, dass man sie kaum aussprechen müsste, und doch beschreibt sie einen Widerspruch, der den gegenwärtigen Architekturdiskurs zunehmend bestimmt: Gebäude werden kürzer genutzt, früher abgerissen und schneller ersetzt als je zuvor in der Nachkriegsgeschichte des Bauens.
Das britische Fachmagazin Dezeen hat im Dezember 2025 eine längere Recherche unter dem Titel „How long should a building last?“ veröffentlicht, die diesen Widerspruch auf den Punkt bringt. Die Fakten sind ernüchternd: Die meisten Gewerbebauten werden mit einer kalkulierten Nutzungsdauer von 50 bis 60 Jahren entworfen, in der Praxis halten viele nicht einmal halb so lange. Als symptomatisches Beispiel nennt der Artikel den ersten Träger des britischen Stirling Prize, das Centenary Building der Universität Salford: Noch in diesem Jahr wurde der Abriss genehmigt, gerade einmal 30 Jahre nach der Fertigstellung. Ein Preis für Architektur, die drei Jahrzehnte später nicht mehr gebraucht wird. Das ist keine Randnotiz, das ist ein Systemversagen.
Warum werden Gebäude so früh aufgegeben?
Die Antwort ist vielschichtig. In vier Jahrzehnten Berufspraxis habe ich erlebt, wie sich das Verhältnis zwischen Bauinvestition und Nutzungshorizont verschoben hat. In den 1980er Jahren sprachen Bauherrinnen und Bauherren noch selbstverständlich von Generationenprojekten. Heute denkt der gewerbliche Investor in Abschreibungszyklen von 15 bis 20 Jahren. Was danach kommt, ist planungstechnisch irrelevant, weil es wirtschaftlich nicht mehr interessiert. Das Gebäude als Finanzprodukt hat das Gebäude als baukulturelles Erbe längst überholt.
Hinzu kommt eine strukturelle Schwäche der Moderne: die Monofunktionalität. Städtische Stadien für Olympia und Fußball-Weltmeisterschaften werden heute bewusst als temporäre Strukturen geplant, was für diesen Sonderfall auch vertretbar ist. Problematisch wird es, wenn diese Denkweise auf das Alltagsbauen übertragen wird. Bürogebäude, die auf einen einzigen Nutzertyp zugeschnitten sind, Einzelhandelsbauten, deren Geometrie keine Umnutzung erlaubt, Schulen ohne Flexibilitätsreserven: All das produziert Gebäude mit vorgezogenem Verfallsdatum. Das Gegenteil von baulicher Weisheit.
Nicht zufällig haben die großen Bauwerke der Geschichte überlebt, weil sie strukturell großzügig dimensioniert waren: massive Mauern, hohe Räume, neutrale Grundrisse. Der gotische Sakralbau lässt sich vom Gotteshaus zum Konzerthall umnutzen, weil seine Geometrie Spielraum lässt. Das durchoptimierte Bürogebäude der Jahrtausendwende hingegen ist nach 20 Jahren Technologiegeschichte buchstäblich überholt, weil seine Grundrissraster, seine Haustechnikschächte und seine Installationsebenen auf eine bestimmte Arbeitsorganisation zugeschnitten wurden, die es nicht mehr gibt.
Was bedeutet verkörperter Kohlenstoff für die Lebensdauerdebatte?
Das wachsende Bewusstsein für die enormen Umweltkosten von Bauen und Abriss verstärkt den Druck, zu einer langlebigeren Architektur zurückzukehren. Der Begriff „embodied carbon“, auf Deutsch: der im Gebäude gebundene Kohlenstoff, ist in der Fachwelt angekommen, hat aber die Planungspraxis noch nicht grundlegend verändert. Dabei liegt die Rechnung auf der Hand: Wenn ein Gebäude in 30 Jahren abgerissen wird, amortisiert sich der erhebliche CO2-Aufwand seiner Herstellung nie. Das graue Energie-Budget ist schlicht verbraucht, ohne dass ein adäquater Nutzen dagegen steht.
Das Expo-Beispiel aus Osaka, das Dezeen ebenfalls beleuchtet, zeigt die Grenzen gut gemeinter Intentionen. Der Grand Ring, das weltgrößte Holzgebäude, war als demontierbare Konstruktion konzipiert. Soweit, so nachhaltig. Doch nach Informationen des Dezeen-Autors soll das Gros der verwendeten 27.000 Kubikmeter Holz schlicht verbrannt werden, als Brennstoff, was der Architekt selbst als „das Schlimmste“ bezeichnet, was man damit tun könnte. Der Kreislauf bleibt offen, das Material wird vernichtet. Die schöne Idee der Kreislaufwirtschaft scheitert an der logistischen Realität.
Für die Planungspraxis folgt daraus ein unbequemer Auftrag: Nicht jedes Material eignet sich für jeden Zweck, nicht jede Bauform ist gleich klimaverträglich. Wer ernsthaft über Nachhaltigkeit spricht, muss auch ernsthaft über Dauerhaftigkeit sprechen. Die Lebensdauer eines Gebäudes ist kein ästhetisches Thema, sie ist ein ökologisches.
Für die Ewigkeit bauen, ohne an die Ewigkeit zu glauben
John Ruskin, der viktorianische Architekturkritiker, schrieb bekanntlich: „When we build, let us think that we build forever.“ Dieser Satz klingt heute fast utopisch. Aber er enthält eine operative Wahrheit, die keine Romantik ist, sondern Handlungsanweisung.
Eine der befragten Architektinnen formuliert es pragmatisch: Es gehe darum zu wissen, „wann man mit Tinte zeichnet und wann mit Bleistift“. Das trifft den Kern. Nicht alles muss für die Ewigkeit gebaut sein. Ein Ausstellungspavillon, ein temporäres Bürogebäude für eine Projektphase, ein Notfallbau: Hier ist Vergänglichkeit systemimmanent und legitim. Die moralische Frage stellt sich bei Wohngebäuden, Schulen, Krankenhäusern, Verwaltungsbauten. Bei der Infrastruktur des öffentlichen Lebens.
Genau hier aber regiert seit Jahrzehnten die Kostenkalkulation auf Basis des Tagespreises, nicht der Lebenszykluskosten. Wer billiger baut und früher abreißt, gewinnt die Ausschreibung. Wer teurer baut, aber 150 Jahre lang nicht abreißen muss, verliert sie. Das ist kein Marktversagen, das ist Politikversagen. Die öffentliche Hand, die bei Beschaffung und Förderprogrammen nicht konsequent auf Lebenszyklusbetrachtungen umstellt, trägt eine Mitverantwortung für die strukturelle Kurzlebigkeit des Baubestands.
Gute Architektur ist keine Frage des Stils, sie ist eine Frage der Haltung. Und zur Haltung gehört, nicht nur die Eröffnung zu denken, sondern das Ende. Ein Gebäude, das nach einer Generation nichts mehr wert ist, war von Anfang an zu wenig gedacht. Dass sich diese Einsicht ausgerechnet über die Klimakrise in die Planungsdebatte zurückarbeitet, ist eine der wenigen produktiven Nebenwirkungen des ökologischen Drucks.
Vielleicht ist das der eigentliche Fortschritt: nicht das immer Neue, sondern das entschlossen Bleibende.

Das Wahre, Schöne und Gute: Hat die Architektur ihre Seele verkauft?

Bauen für die Ewigkeit? Über die Halbwertszeit des Architektonischen









