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Jenseits der Waldgrenze: Wer plant die Zukunft der Alpen?
Das Bauen im Hochgebirge bezeichnet das Planen und Errichten baulicher Anlagen unter extremen topografischen, klimatischen und ökologischen Bedingungen des alpinen Raums, in der Regel oberhalb von 1.500 Metern Seehöhe. In Tirol regeln die Tiroler Bauordnung 2022 (TBO 2022) und das Tiroler Raumordnungsgesetz 2022 (TROG 2022) diese anspruchsvolle Bauaufgabe. Mit dem neuen Symposiumsformat „ZVplus“ hebt die Zentralvereinigung der Architekt:innen Österreichs (ZV) genau dieses Thema in den Mittelpunkt ihres Auftaktes 2026. Am 19. Juni 2026 empfängt der Hangar des Heliports Hochgurgl, auf über 2.000 Metern Seehöhe im hinteren Ötztal gelegen, führende Architekturbüros, Ingenieurgesellschaften und Vertreter aus Bauwirtschaft, Politik und Verwaltung.
Das Symposium, organisiert von der ZV Tirol unter dem Vorstandsduo Rainer Noldin und Alexander Topf, steht in Kooperation mit der Euregio Tirol-Südtirol-Trentino. Diese grenzüberschreitende Einbindung ist kein Dekor, sondern Programm. Die Herausforderungen des alpinen Bauens enden nicht am Brenner oder am Reschenpass, und die Antworten auf Klima, Lawinen, Hangwasser und Freizeitwirtschaft sind in Innervillgraten ähnlich wie in Rasen-Antholz oder im Fleimstal zu finden. Die Liste der Vortragenden spiegelt diesen Anspruch: Snøhetta, Herzog & de Meuron, MoDus Architects, Stifter + Bachmann, dreiplus Architekten, ao-architekten, Merz Kley Partner und Schnetzer Puskas Ingenieure gehören zu den einschlägigen Häusern des alpinen und urbanen Planens. Ergänzt werden sie durch Doris Hallama und Armin Neurauter aus der Tiroler Szene sowie Heli Austria als operativer Stimme der Hochgebirgslogistik. Harald Pechlaner von der EURAC Bozen vertritt die tourismusgeografische Perspektive.
Warum braucht der Alpenraum ein eigenes Symposiumsformat?
Das Hochgebirge ist in bauplanerischer Hinsicht ein Sonderraum. Schneelasten nach ÖNORM B 1991-1-3 erreichen in exponierten Lagen Werte, die die Tragwerksplanung in jeder Dimension dominieren. Die Temperaturgradienten zwischen winterlichen Tiefstwerten und sommerlicher UV-Belastung setzen Hüllkonstruktionen und Materialien unter Dauerbeanspruchung. Wasser ist zugleich knapp und gefährlich: Schmelzwasserführung, Murgänge und Lawinen prägen den Bauplatz. § 3 Abs. 2 TBO 2022 verlangt deshalb, dass auf Grundstücken mit Gefährdung durch Lawinen, Hochwasser, Wildbäche, Steinschlag oder Erdrutsch ein ausreichender Schutz gewährleistet sein muss, häufig über Sicherheitskonzepte und aktuelle Gefahrenzonenpläne. Zugleich ist der alpine Raum ökologisch sensibler als jedes städtische Biotop. Vegetation, die auf 2.000 Metern durch ein Fundament gestört wird, erholt sich nicht in einer Bauzeit.
Hinzu kommen die Strukturen der Tiroler Raumordnung. Mit der Novelle LGBl. Nr. 62/2022 wurde das Vorgehen gegen Freizeitwohnsitze, Chaletdörfer und Beherbergungsgroßbetriebe verschärft. Die Diskussion, was ein Hochgebirge noch verträgt und wer in ihm wohnen darf, wird dadurch nicht leiser. Bergbauernhaus, Bergstation, Schutzhaus, Schihütte, Hotel, Spital, Kapelle, Kraftwerksbau: Kaum eine andere Region in Europa versammelt auf so kleinem Raum eine solche Bandbreite typologischer Antworten. Dass die Zentralvereinigung, die älteste Vereinigung architekturschaffender Personen in Österreich, diesen Fragen ein eigenes Symposium widmet, ist folgerichtig. Die ZV wurde 1907 gegründet und zählt heute über 700 Mitglieder. Sie vergibt seit 1967 den österreichischen Bauherr:innenpreis und ist Gründungsmitglied der Architekturstiftung Österreich.
Welche Rahmen gelten oberhalb der Waldgrenze?
Oberhalb der Waldgrenze greifen mehrere Regelungsebenen ineinander. Auf Landesebene regeln die Tiroler Bauordnung 2022 und das Tiroler Raumordnungsgesetz 2022 die Zulässigkeit von Bauvorhaben. Technisch einschlägig sind die Richtlinien des Österreichischen Instituts für Bautechnik, die OIB-Richtlinien 1 bis 6, die die Anforderungen an Tragfähigkeit, Brandschutz, Hygiene, Nutzungssicherheit, Schallschutz und Energieeinsparung bundesweit harmonisieren. Für den Energienachweis gilt die OIB-Richtlinie 6 in der aktuellen Fassung, die auch für Hochlagengebäude einzuhalten ist, obwohl die heizgradspezifischen Randbedingungen auf 2.000 Metern ganz andere sind als in Innsbruck-Pradl. Überlagert wird die bauliche Ebene durch die Alpenkonvention und ihr Protokoll „Raumplanung und nachhaltige Entwicklung“, das für die Vertragsstaaten verbindlich ist und als Referenzrahmen jeder regionalen Planung dient.
In Südtirol kommen das Landesgesetz für Raum und Landschaft (Lg 9/2018) und die entsprechenden Durchführungsverordnungen hinzu, im Trentino die Provinzialbauvorschriften. Die Euregio Tirol-Südtirol-Trentino ist deshalb mehr als eine symbolische Klammer. Grenzüberschreitende Projekte wie Schutzhütten oder Versorgungsinfrastrukturen sind in der Praxis mit unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Rechtslagen konfrontiert. Genau hier setzt das Symposium an. Der Dialog zwischen Architekturbüros mit internationalem Auftritt, regionaler Bautradition und ingenieurseitiger Expertise soll Kriterien schärfen, die sich weder in Förderlinien noch in Normenpaketen allein abbilden lassen.
Dass die Veranstaltung im Hangar eines Heliports stattfindet, ist eine bewusste Setzung. Der Hubschrauber ist im Hochgebirge nicht Luxus, sondern Grundlage jedes ernsthaften Bauprozesses: Materialtransport, Rettung, Medizin, Schutzbauten. Wer auf 2.000 Metern plant, plant von der Luftlogistik her. Die Einbindung der Heli Austria verankert die Diskussion in der operativen Realität. Dass Snøhetta, deren hochgelegenes Restaurant „Under“ ebenso wie ihre Schutzhüttenprojekte international Maßstäbe gesetzt haben, in einer Reihe mit Herzog & de Meuron auftritt, ist programmatisch. Beide Büros stehen für eine Architektur, die sich der Topografie nicht unterwirft, sondern mit ihr verhandelt.
Ebenso aufschlussreich ist die Präsenz der Ingenieurbüros. Schnetzer Puskas aus Basel und Merz Kley Partner aus Dornbirn repräsentieren eine Tragwerkskultur, die den modernen Holzbau in den Alpen wesentlich mitgeprägt hat. Der Holzhybridbau ist hier keine Modeerscheinung, sondern bauphysikalische Notwendigkeit: kurze Transportwege, hohe Vorfertigungstiefe, geringe Eigenlasten. Stifter + Bachmann aus Brixen und MoDus Architects aus Bozen bringen die südtirolerische Perspektive ein, dreiplus Architekten und ao-architekten die Tiroler Bauten entlang der Talachsen. Über das Architekturforum aut in Innsbruck und die Kammer Arch+Ing Tirol und Vorarlberg ist die Runde berufsständisch rückgekoppelt.
Dass mit Merz Kley Partner ein Dornbirner Büro in der Runde sitzt, rückt eine zweite Traditionslinie in den Fokus, die als Gegenpol zur Tiroler Entwicklung nicht unterschätzt werden darf: die Vorarlberger Baukünstler. Seit den 1960er Jahren haben Roland Gnaiger, Hans Purin, später Hermann Kaufmann, Dietmar Eberle und Wolfgang Ritsch im Rheintal eine Schule des strengen, handwerklich fundierten und materialehrlichen Bauens etabliert, die international Schule gemacht hat. Sie stützt sich auf eine kleinteilige Genossenschafts- und Gemeindekultur, auf flächendeckend eingesetzte Gestaltungsbeiräte und auf die ZV Vorarlberg unter Wolfgang Ritsch und Ursula Ender, die mit dem Projekt „Architektur in Vorarlberg“ bis 2026 eine eigene englischsprachige Fassung beim Verlag Edition DETAIL vorlegt. Tirol hingegen hat seine Baukultur über Jahrzehnte stärker entlang der Tourismusachse Kitzbühel-Sölden-Ischgl entwickelt, mit hoher Volumina- und Freizeitwohnsitzproblematik, die erst die Novelle LGBl. Nr. 62/2022 zum Thema Chaletdörfer und Beherbergungsgroßbetriebe systematisch angeht. Wenn in Hochgurgl beide Linien aufeinandertreffen, wird das Symposium vom Fachdialog zur überfälligen Konfrontation.
Die Teilnehmerzahl ist begrenzt, Übernachtung vor Ort möglich, Tickets in Kürze über http://kupfticket.com . Die Kuratierung liegt bei der ZV selbst, was eine fachlich unabhängige Gesprächsführung ohne unmittelbare Sponsoreninteressen verspricht. Für die Tiroler Baukultur, die zwischen Massentourismus, demografischen Schieflagen und hoher architektonischer Ambition oszilliert, ist ein solches Forum überfällig. Parallel laufende Initiativen wie die Auszeichnung des Landes Tirol für Neues Bauen 2026, deren Einreichfrist mit dem 19. Juni 2026 zusammenfällt, schärfen den Blick zusätzlich. Ob das Format tragfähig genug ist, sich als jährliches Observatorium des alpinen Planens zu etablieren, wird sich am 20. Juni 2026 entscheiden, wenn die Teilnehmer den Rückflug ins Tal antreten. Der Auftakt aber liegt hoch und richtig platziert.

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