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REGIONALES | Nordrhein-Westfalen
Bonner Oper vor dem Abriss: Eine Stadt ringt um ihre Kulturseele
Fünf Varianten, eine Milliarde im Raum und eine Stadt am Scheideweg
Die Zukunft der Bonner Bühnen ist eine stadtplanerische Gretchenfrage: Sanieren oder abreißen, und wenn abreißen, was dann?
Das am Rheinufer gelegene Bonner Opernhaus feierte im vergangenen Jahr sein sechzigjähriges Bestehen. Erbaut von den Stuttgarter Architekten Klaus Gessler und Wilfried Beck-Erlang und 1965 eingeweiht, hat das Haus Generationen von Zuschauerinnen und Zuschauern begeistert. Zuletzt 1992/93 umfassend saniert, gilt es heute als dringend sanierungsbedürftig. Der Spielbetrieb sei nach Angaben der Stadtverwaltung nur noch für höchstens fünf Jahre gesichert. Jedes Jahr Verzug schlage mit mindestens zehn Millionen Euro zu Buche. Die Zeit drängt.
Die Bonner Stadtgesellschaft steht nun vor einer der kostspieligsten Kulturentscheidungen in der Geschichte der ehemaligen Bundeshauptstadt. Fünf Planungsvarianten liegen vor, ausgearbeitet von einer eigens gegründeten Stabsstelle und einer Arbeitsgemeinschaft zweier Planungsbüros. Ihr Ergebnis: ein Kostenrahmen von 426 bis 734 Millionen Euro. Auch das sanierungsbedürftige Schauspielhaus in Bad Godesberg, der erste Theaterneubau Deutschlands in der Nachkriegszeit, ist Teil dieser Entscheidung.
Was unterscheidet die fünf Planungsvarianten voneinander?
Die Bandbreite der Varianten ist erheblich. Variante A sieht die vollständige Sanierung beider Häuser vor und kommt inklusive eines erforderlichen Interimsbaus auf geschätzte 665 Millionen Euro. Variante B, der Neubau der Oper am bestehenden Standort bei gleichzeitiger Sanierung des Schauspiels, ist mit 734 Millionen Euro die teuerste Option. Ein Neubau der Oper am alten Ort in Modulbauweise (Variante C) würde 464 Millionen Euro kosten.
Die Varianten D und E verzichten auf eine kostspielige Interimslösung. Variante D sieht einen Neubau in Modulbauweise auf dem Areal einer ehemaligen Jutespinnerei an der Siegburger Strasse im rechtsrheinischen Stadtbezirk Beuel vor, dazu die Sanierung des Schauspiels. Kostenpunkt: 445 Millionen Euro. Variante E kombiniert diesen Standort mit einem Zweispartenhaus für Oper und Schauspiel in einem einzigen Neubau. Mit 426 Millionen Euro ist das die günstigste Option. Und sie allein erfüllt das Sparziel des Stadtkämmerers: 5,6 Millionen Euro jährlich sollen bei Betrieb, Logistik und Instandhaltung eingespart werden können. Der Kämmerer strebt eine Reduktion des Kulturetats um fünf Millionen Euro im Jahr an. Bei den übrigen Varianten liegt das Einsparpotenzial nicht einmal halb so hoch.
Bonns neuer Oberbürgermeister Guido Déus (CDU) hat sich bereits für den Abriss des Opernhauses ausgesprochen. Das denkmalgeschützte Schauspielhaus in Bad Godesberg hingegen soll erhalten und einer neuen Nutzung zugeführt werden. Aus der freien Theaterszene soll es bereits Interessenten geben, die das Haus bespielen möchten. Vom Interesse zum ausgearbeiteten Nutzungskonzept ist es allerdings ein weiter Weg.
Was bedeutet der Verlust des Opernhauses für Bonn als Baukulturstadt?
Der Gedanke, das 1965 eingeweihte Bonner Opernhaus abzureissen, ist aus baukultureller Sicht nicht ohne Brisanz. Das Gebäude gehört zur Architekturgeschichte der Nachkriegsmoderne und trägt im Zuschauerraum und im Parkettfoyer Lichtinstallationen des Zero-Künstlers Otto Piene. Deren Verlust wäre unwiederbringlich. Der Denkmalschutz schützt das Opernhaus offenbar nicht in dem Masse, wie er das Schauspielhaus in Bad Godesberg absichert. Und so rückt die Frage der Abwägung in den Vordergrund: Wie viel Geschichte ist einer Stadt die Erhaltung ihrer Kulturbauten wert, wenn die Kosten existenziell werden?
Das Grundstück an der Kennedybrücke, wo das Opernhaus an die Stelle der Kriegsruine des barocken Boeselager Hofes trat, ist städtebaulich ausserordentlich wertvoll. Eine kommerzielle Verwertung durch Investoren möchte die Stadtpolitik ausschliessen. Oberbürgermeister Déus kündigte an, dort müsse, in seinen Worten, etwas im Sinne der Bürgerinnen und Bürger entstehen. Was das konkret bedeutet, bleibt vorerst offen.
Dabei ist die Geschichte der Bonner Kulturbauten von einem bemerkenswerten Déjà -vu geprägt. Die ebenfalls am linksrheinischen Ufer gelegene Beethovenhalle, nur neun Gehminuten vom Opernhaus entfernt und 1959 eingeweiht, wurde nach knapp zehnjähriger Sanierung erst im Dezember 2025 wiedereröffnet. Auch sie stand einmal zur Disposition, sollte abgerissen und durch ein Festspielhaus ersetzt werden. Das Muster des Zögerns, Verschiebens und schliesslichen Sanierens kennt Bonn gut. Ob es sich diesmal wiederholt, oder ob der Abriss tatsächlich vollzogen wird, entscheiden die zuständigen Ausschüsse auf Grundlage der Beschlussvorlage, die nun vorliegt.
Modulbau als Antwort auf Haushaltszwang
Dass gleich drei der fünf Varianten auf Modulbauweise setzen, ist kein Zufall. Die Kommunen stehen unter fiskalischem Druck, und die Modulbauweise verspricht Kostendisziplin bei gleichzeitiger architektonischer Flexibilität. Für ein Haus der darstellenden Künste mit seinen komplexen bühnentechnischen Anforderungen, der notwendigen Akustik und den Anforderungen an Barrierefreiheit nach DIN 18040 ist Modulbau jedoch kein Selbstläufer. Ob Variante E, das Zweispartenhaus in Beuel, tatsächlich für 426 Millionen Euro realisiert werden kann und dabei eine künstlerisch überzeugende Spielstätte entsteht, wird von der Qualität des zukünftigen Wettbewerbsverfahrens abhängen.
Der Standort in Beuel, auf dem Areal der ehemaligen Jutespinnerei an der Siegburger Strasse, liegt rechtsrheinisch und damit deutlich weiter vom historischen Stadtkern entfernt als die heutige Oper. Das ist kein Detail. Die städtebauliche Integration eines Kulturhauses in das Stadtgefüge prägt dessen Nutzung, seine Erreichbarkeit und seine symbolische Bedeutung für die städtische Identität. Eine Verlegung ist immer auch ein Signal an die Stadtgesellschaft darüber, welchen Stellenwert sie der Hochkultur im urbanen Raum beimisst.
Die Entscheidung, die Bonn nun treffen muss, hat überregionale Signalwirkung. Theatersanierungen sind ein bundesweites Problem. Ob Köln, Hamburg oder Frankfurt: Überall stellen sich Kommunen der Frage, wie viel ihre historisch gewachsenen Kulturinstitutionen im 21. Jahrhundert kosten dürfen. Bonns Lösung, welche auch immer sie wählt, wird als Referenz zitiert werden. Kulturdezernentin Birgit Schneider-Bönninger strebt eine Entscheidung noch vor der Sommerpause an. Ob das gelingt, bleibt fraglich. Denn die Sprengkraft des Themas, 426 bis 734 Millionen Euro in einer Stadt mit angespanntem Haushalt, lässt eine ruhige, schnelle Einigung unwahrscheinlich erscheinen.

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