
baukunst.art | REGIONALES / Berlin | September 2026
Ein Pavillon, wo ein Museum hätte stehen können
Nach über drei Jahrzehnten Provisorium steht fest, wie der ehemalige alliierte Grenzübergang an der Friedrichstraße aussehen soll. Der Siegerentwurf setzt auf Leere statt Kulisse.
Der Checkpoint Charlie ist der ehemalige alliierte Grenzübergang an der Berliner Friedrichstraße, der nach Jahrzehnten der Zwischenlösungen einen dauerhaften Bildungs- und Erinnerungsort erhalten soll. Am 9. September 2026 hat das Preisgericht unter Vorsitz des Landschaftsarchitekten Axel Lohrer einstimmig entschieden: Den Realisierungswettbewerb gewinnt das Berliner Büro A24 Landschaft gemeinsam mit Holzer Kobler Architekturen (Berlin) und ARGUS Stadt und Verkehr (Hamburg). Hier standen sich im Oktober 1961 amerikanische und sowjetische Panzer auf Sichtweite gegenüber; das originale Kontrollhäuschen wurde im Juni 1990 abgebaut und steht heute im AlliiertenMuseum in Zehlendorf. Damit endet nun eine Phase der Zwischenlösungen, die länger gedauert hat, als die Mauer stand.
Was wurde am Checkpoint Charlie entschieden?
Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen hatte den offenen, zweiphasigen Wettbewerb nach den Richtlinien für Planungswettbewerbe (RPW 2013) am 1. April 2026 ausgelobt, gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt und der Stiftung Berliner Mauer. Gesucht waren interdisziplinäre Teams aus Landschaftsarchitektur, Architektur, Szenografie und Ausstellungsgestaltung. 22 Teams reichten in der ersten Phase ein, 14 durften weiterarbeiten. Das Wettbewerbsgebiet reicht beidseitig der Friedrichstraße von der Krausenstraße bis zur Koch- und Rudi-Dutschke-Straße und schließt die Zimmerstraße ein, die zur Fahrradstraße werden soll. Die Friedrichstraße selbst wird verkehrsberuhigt, erhält breitere Gehwege und mehr Grün; die Parkplätze für Reisebusse sollen an die Kochstraße verlagert werden.
Den zweiten Preis erhielt Koeber Landschaftsarchitektur (Stuttgart) mit SPACE4 und Steimle Architekten, den dritten Weidinger Landschaftsarchitekten (Berlin) mit Wandel Lorch Götze Wach. Alle Arbeiten sind vom 13. bis 23. Oktober 2026 im Neuen Stadthaus in Mitte öffentlich zu sehen, die Preisverleihung findet am 12. Oktober statt.
Wie sieht der Siegerentwurf aus?
Das Team von A24 Landschaft verzichtet auf das naheliegende Rezept, noch mehr Geschichte in den Straßenraum zu stellen. Stattdessen überzieht ein einheitlicher, heller Belag beide Seiten der Friedrichstraße; die Verfasserinnen und Verfasser sprechen davon, die Leere der Fläche zur Bühne zu machen. Die Replik des Kontrollhäuschens aus dem Jahr 2000, das Sektorenschild und Frank Thiels Leuchtkästen mit den Porträts eines amerikanischen und eines sowjetischen Soldaten (1998) bleiben stehen.
Neu hinzu kommen Sitztribünen aus Holz und Stahl, auf der Ostseite ein gläserner Informationspavillon unter einem Flachdach, das an die Überdachung der DDR-Grenzübergangsstelle erinnert, und auf der Westseite eine erhöhte Aussichtsplattform als Echo der Westberliner Aussichtspodeste. Hohe Masten zitieren die Flutlichtanlagen. Einschnitte im Belag zeichnen den Mauerverlauf von 1989, das Kontrollvorfeld, Kabelkanäle und Fundamente eines Wachturms nach; historische Fotografien besetzen die Brandwände. Nach Einbruch der Dunkelheit übernehmen Lichtprojektionen und Sprachinstallationen.
Axel Lohrer lobt ein Bild „von hoher ikonologischer Kraft“. Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt hebt die „gelungene Interpretation der Atmosphäre des historischen Ortes“ hervor. Man kann sich das Prinzip wie eine Theaterinszenierung mit sparsamem Bühnenbild vorstellen: Die Requisiten sind wenige, dafür präzise gesetzt, und den Auftritt hat der Ort selbst.
Welche planungsrechtlichen Grundlagen gelten?
Das Fundament bildet der Bebauungsplan 1-98, festgesetzt Anfang 2020 nach § 10 Baugesetzbuch (BauGB). Sein erklärtes Ziel ist die planungsrechtliche Sicherung eines Bildungs- und Erinnerungsortes. Westlich der Friedrichstraße sichert er einen öffentlichen Stadtplatz von rund 1.130 Quadratmetern, östlich eine Fläche für den Gemeinbedarf von rund 1.050 Quadratmetern, auf der ein Gebäude mit bis zu 3.000 Quadratmetern oberirdischer Geschossfläche zulässig wäre. Die Brandwände an der Mauerstraße 93 und der Zimmerstraße 79/80 stehen unter dem Schutz des Denkmalschutzgesetzes Berlin (DSchG Bln) und sind freizuhalten oder nur eingeschränkt anzubauen. Für die Blockrandbebauung ringsum begrenzt der Plan die Höhe auf rund 27 Meter und acht Vollgeschosse, womit der Platz einen klar gefassten Rahmen erhält.
Voraussetzung war ein Grundstücksgeschäft, das lange als unmöglich galt. Nach gescheiterten Investorenplänen und einem jahrelangen Insolvenzverfahren vereinbarte das Land Berlin im Oktober 2022 den Ankauf der beiden unbebauten Flächen. Der damalige Finanzsenator Daniel Wesener nannte den Erwerb „eine große stadtentwicklungspolitische Chance“. Auffällig bleibt der Abstand zwischen Plan und Programm: Der Bebauungsplan eröffnet Raum für ein Museum, der Wettbewerb liefert einen gläsernen Pavillon. Ob die zulässige Geschossfläche je für einen Museumsbau genutzt wird, lässt das aktuelle Verfahren offen.
Was kostet der Umbau, und wann ist er fertig?
Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), Wolfram Weimer, stellt über die Stiftung Berliner Mauer 1,65 Millionen Euro bereit. Nach Angaben des Informationsportals Berlin Wall Map (2026) ergänzen das Land Berlin mit 2,35 Millionen Euro und die Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin (DKLB) mit einer Million Euro das Budget auf rund fünf Millionen Euro. Die Grün Berlin GmbH soll die Umsetzung steuern; zunächst folgt ein Vergabeverfahren, in dem das Planungsteam für die weiteren Leistungsphasen beauftragt wird. Der Senat nennt 2030 als Zielmarke, Fachquellen rechnen mit einer Fertigstellung um 2033.
Bis dahin bleibt es beim Übergang. Die BlackBox Kalter Krieg, 2012 als Dreijahreslösung eröffnet, schloss am 10. Januar 2026 nach 14 Jahren. Seitdem informiert die Stiftung Berliner Mauer mit einer temporären Freiluftausstellung auf dem Vorplatz des Panoramas von Yadegar Asisi, die die Geschichte des Übergangs an thematischen Stationen erzählt.
Zwischen Kulisse und Dokument
Die Stärke des Entwurfs liegt in seiner Zurückhaltung. Wo Souvenirstände und Fotomotive jahrzehntelang eine Art Freizeitpark des Kalten Krieges geformt haben, setzt A24 Landschaft auf Spuren im Boden statt auf neue Nachbildungen. Ökologisch ist das klug: Wenig Neubau heißt wenig graue Energie; versickerungsfähige Beläge, zurückgehaltenes Regenwasser sowie erhaltene und neu gepflanzte Bäume reagieren auf die Hitzebelastung der dicht bebauten Friedrichstadt.
Die Schwäche liegt im Unvermeidlichen. Das Kontrollhäuschen bleibt eine Replik, und ein Platz, der rund vier Millionen Besucherinnen und Besucher im Jahr aufnehmen soll (so die Begründung zum Bebauungsplan), wird nie ein stiller Ort. Selbst Petra Kahlfeldt regt an, die Lesbarkeit der unterschiedlichen Zeitschichten weiter herauszuarbeiten. Hinzu kommt der Druck der Umgebung: In unmittelbarer Nähe entsteht ein Hostel mit rund 2.500 Betten, der Pariser Hof soll 2028 wieder als Hotel öffnen, und das private Mauermuseum folgt eigenen Regeln.
Für andere Städte mit belasteten Orten bietet der Checkpoint Charlie dennoch eine übertragbare Lehre: Erinnerung braucht nicht zwingend mehr Architektur, sondern präzisere. Die Davos-Erklärung 2018 fordert eine hohe Baukultur für die gesamte gebaute Umwelt, den öffentlichen Raum eingeschlossen. Ob die Leere am Ende als Bühne funktioniert oder zur nächsten Kulisse wird, entscheiden nun Ausführungsplanung, Budgetdisziplin und der politische Wille, das Projekt über mehrere Legislaturperioden hinweg zu tragen.

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