Baukunst - Das Dazwischen gestalten: Hessens Architekturpreis sucht die Räume des Übergangs
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Das Dazwischen gestalten: Hessens Architekturpreis sucht die Räume des Übergangs

23.01.2026
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Claudia Grimm

Auszeichnung vorbildlicher Bauten Hessen 2026: Staatspreis sucht Zwischenräume und Übergangsprojekte

Seit sieben Jahrzehnten zeichnet das Land Hessen vorbildliche Bauten aus. Was 1954 als regionaler Qualitätswettbewerb begann, hat sich zum renommiertesten Landesarchitekturpreis der Bundesrepublik entwickelt. Die Auslobung 2026 unter dem Motto „Zwischen-Raum-Stadt-Land – Planungen und Projekte des Übergangs“ markiert eine bemerkenswerte Verschiebung: Erstmals rückt das vermeintlich Unbedeutende, das räumliche Dazwischen, ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Die Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen und das Hessische Finanzministerium laden bis zum 1. April 2026 Architektinnen und Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitektinnen sowie Stadtplaner ein, ihre Projekte des Übergangs einzureichen. Gesucht werden keine spektakulären Solitäre, sondern Bauten und Räume, die zwischen den Polen vermitteln: zwischen Stadt und Land, zwischen privat und öffentlich, zwischen Nutzung und Möglichkeit.

Architekturtheorie als Kompass

Das Auszeichnungsverfahren greift auf ein reiches theoretisches Fundament zurück. Die Auslobung nennt drei Schlüsselbegriffe, die im architektonischen Diskurs längst kanonischen Status besitzen: den „Zwischenraum“ nach Aldo van Eyck, die „Raumstadt“ nach Walter Schwagenscheidt und Friedrich Kiesler sowie die „Zwischenstadt“ nach Thomas Sieverts.

Van Eycks Konzept des „space in between“, entwickelt seit den 1950er Jahren im Kontext von Team 10, beschreibt den Schwellenraum als architektonische Kategorie eigenen Rechts. Die Türschwelle, die Eingangssituation, der Übergang vom Haus zur Straße: Diese scheinbar trivialen Momente bestimmen wesentlich, wie Menschen Architektur erleben und sich Räume aneignen. Van Eycks über 700 Spielplätze in Amsterdam demonstrierten, dass gerade die undefinierten Orte zwischen den Häusern enorme soziale Bedeutung entfalten können.

Sieverts‘ Begriff der Zwischenstadt wiederum erweitert den Blick auf die regionale Maßstabsebene. Sein 1997 erschienenes Buch „Zwischenstadt – zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land“ analysierte jene verstädterten Landschaften und verlandschafteten Städte, die weder der klassischen europäischen Stadt noch dem ländlichen Raum entsprechen. Der ehemalige IBA Emscher Park-Direktor plädierte dafür, diese oft geschmähten Strukturen nicht als Planungsversagen abzutun, sondern als eigenständige Lebensräume mit spezifischen Qualitäten zu begreifen.

Hessische Übersetzungsarbeit

Die Jury aus internationalen Fachleuten, darunter Architektinnen und Architekten aus Wien, München, Berlin, Dresden und Prag, wird Projekte in drei Kategorien bewerten: Architektur und Innenarchitektur, Freiraum- und Landschaftsplanung sowie Quartiersplanung und Stadtentwicklung. Das zweistufige Verfahren sieht zunächst eine Shortlist vor, deren nominierte Projekte anschließend vor Ort besichtigt werden.

Die Auslobung konkretisiert das theoretische Programm durch einen bemerkenswert breiten Katalog möglicher Einreichungen. Im Bereich Architektur können das hybride Gebäude multikodierter Nutzung sein, Schwellenräume wie Loggien und Laubengänge, Mobilitäts-Hubs oder temporäre Pop-Up-Installationen. Die Landschaftsarchitektur soll Parks mit hybrider Nutzung, vernetzte Freiräume oder Projekte der produktiven Landschaft beisteuern. Für die Stadtplanung werden Quartierskonzepte der 15-Minuten-Stadt, Nachverdichtungsstrategien oder Stadt-Land-Verknüpfungen gesucht.

Nachhaltigkeit als Staatsziel

Die thematische Ausrichtung fügt sich nahtlos in die hessische Nachhaltigkeitsstrategie ein. Seit 2018 ist Nachhaltigkeit als Staatsziel in der Landesverfassung verankert, bis 2045 will Hessen klimaneutral werden. Die Bewältigung dieser Transformation erfordert, so die Auslober, „integrierte Lösungen, sektorenübergreifendes Denken und Handeln sowie neue Formen des Zusammenwirkens“.

Dabei zeigt sich eine interessante Verschiebung gegenüber früheren Auslobungen. 2023 suchte der Staatspreis unter dem Motto „Gesellschaft, Stadt und Land vernetzen“ nach Infrastrukturprojekten. 2020 stand Nachhaltigkeit im engeren Sinne im Fokus. Die aktuelle Auslobung abstrahiert stärker: Es geht nicht mehr primär um technische Lösungen für Klimaschutz oder Kreislaufwirtschaft, sondern um räumliche Qualitäten, die erst mittelbar nachhaltige Lebensweisen ermöglichen.

Die Grenzen des Programms

Die theoretische Ambition der Auslobung verdient Respekt, wirft aber auch Fragen auf. Die Berufung auf Aldo van Eyck und Thomas Sieverts suggeriert eine konzeptuelle Stringenz, die sich in der Breite der zugelassenen Projekttypen kaum wiederfindet. Wenn alles vom Pop-Up-Store bis zur regionalen Siedlungsachse als Zwischenraum gelten kann, droht der Begriff seine analytische Schärfe zu verlieren.

Zudem bleibt unklar, wie die Jury jene schwer fassbaren Qualitäten des Zwischenräumlichen bewerten will. Van Eycks Theorie zielte auf subtile phänomenologische Erfahrungen, Sieverts‘ Analyse auf regional-morphologische Strukturen. Beide Perspektiven in einem Bewertungsverfahren zusammenzuführen, das auch noch konventionelle Kategorien wie Innenarchitektur und Landschaftsplanung bedienen muss, erscheint als erhebliche kuratorische Herausforderung.

Eine hessische Eigenart

Dennoch markiert die Auslobung einen bemerkenswerten Schritt. Während die bundesdeutsche Architekturdebatte sich häufig an spektakulären Einzelbauten oder technischen Innovationen orientiert, lenkt Hessen den Blick auf das Unspektakuläre: die Lücke, den Übergang, das Dazwischen. Das entspricht durchaus einer regionalen Tradition. Hessen verfügt mit seinen Mittelgebirgslandschaften, den polyzentrischen Siedlungsstrukturen des Rhein-Main-Gebiets und den ländlich geprägten Peripherien über jene hybriden Raumtypen, die Sieverts als Zwischenstadt beschrieben hat.

Die Preisverleihung im Oktober 2026 wird zeigen, ob die theoretisch anspruchsvolle Auslobung auch überzeugende gebaute Beispiele findet. Die bisherigen Preisträger des Staatspreises lassen hoffen: Von der Mensa in Darmstadt bis zur Obdachlosenübernachtungsstätte in Frankfurt hat Hessen in den vergangenen Jahren bewiesen, dass baukulturelle Qualität und soziale Verantwortung keine Gegensätze sein müssen. Das Dazwischen zu gestalten könnte der nächste logische Schritt sein.