Baukunst - Das House of Jazz Berlin: Ein Denkmal wird zur Bühne
Jazz in der Hauptstadt: Das L'Aiglon als Chance und Verpflichtung

Das House of Jazz Berlin: Ein Denkmal wird zur Bühne

27.03.2026
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Claudia Grimm

Vom Luftwaffen-Kino zum Jazzpalast: Berlin plant ein Kulturwunder

Das House of Jazz Berlin: Ein Denkmal wird zur Bühne

Das House of Jazz Berlin ist ein geplantes nationales Zentrum für Jazz und improvisierte Musik, das seit über einem Jahrzehnt zwischen politischem Willen, Haushaltszwängen und der Suche nach einem geeigneten Ort pendelt. Seit Ende 2025 zeichnet sich ab, dass beides zusammengekommen sein könnte: ein konkreter Standort und ein stabiler politischer Rückhalt.

Die Idee geht auf Till Brönner zurück, Jazztrompeter von internationalem Rang mit Wohnsitz in Potsdam und Los Angeles. In seinem 2010 erschienenen Buch ‚Talking Jazz‘ skizzierte er ein düsteres Zukunftsbild für den Jazz in Deutschland: abgewickelte Rundfunk-Bigbands, jazzfreies Fernsehen, ein öffentlich-rechtliches Radio, das selbst die kleinen Sendeplätze aufgibt. Seiner Dystopie stellte er eine konkrete Forderung entgegen. Er schlug die Gründung einer Jazz-Akademie vor, nicht ganz wie das Lincoln Center in New York, aber doch in dessen Geiste. Und er bestand darauf: Diese Einrichtung müsse in Berlin entstehen, weil die Hauptstadt, wenn sie keine Kulturmetropole sei, überhaupt keine Metropole sei.

Welchen Standort bekommt das House of Jazz?

Seitdem ist viel Zeit vergangen. Ein erster Anlauf scheiterte: Die Alte Münze in Berlin-Mitte wurde schließlich nicht für das Jazz-Zentrum genutzt, sondern für zwei Jahrzehnte an das privatwirtschaftliche Event- und Clubunternehmen ‚Spreewerkstätten‘ vermietet, obwohl bereits 12,5 Millionen Euro Investivmittel im Bundeshaushalt 2016 dafür eingestellt worden waren. Das Projekt wurde zwar nicht zu den Akten gelegt, aber es verlor an Fahrt. Erst ab 2020 setzte eine kontinuierliche institutionelle Förderung ein: Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien stellt seither jährlich 250.000 Euro bereit, seit 2022 kommt vom Land Berlin eine weitere Förderung von 300.000 Euro hinzu. Im Haushaltsbeschluss des Landes für 2026/2027 sind diese Mittel bereits ungekürzt eingeplant.

Der neue Standort, der nun politisch diskutiert wird, ist die Kino- und Theateranlage L’Aiglon am Kurt-Schumacher-Damm 121 im Berliner Bezirk Reinickendorf. Das Ensemble gehörte einst zum Luftwaffen-Kasernengelände und wurde nach 1945 als ‚Quartier Napoleon‘ zum Hauptquartier der französischen Streitkräfte in Berlin umfunktioniert. Anfang der 1950er-Jahre entwarf der Architekt Hans Wolff-Grohmann das Kulturhaus als Teil eines Ensembles aus Kino, niedrigem Querbau mit ehemaligem Restaurant und einem viergeschossigen Hotel. Das Ergebnis ist eine markante Architektur jener Zeit: großflächig verglastes Foyer mit wellenförmig geschwungener Fassade und Neon-Leuchtschrift, ein großzügiger Zuschauerraum mit Orchestergraben, eine ausschwingende Treppe zur Empore. Seit 1994 steht das Kino leer, seit 2023 ist die Liegenschaft im Besitz des Landes Berlin.

Was macht das L’Aiglon zum richtigen Ort für ein Jazzhaus?

Der Theatersaal mit Orchestergraben fasst 350 Besucherinnen und Besucher. Das Ensemble bietet darüber hinaus Räumlichkeiten für Verwaltung, Ton- und Lichtregie, Kellerräume sowie das angrenzende Hotel als Gästeunterkunft. Die ehemalige Kommandanten-Villa könnte als interdisziplinäres Residenzhaus genutzt werden. Auf einem Areal von rund 3.000 Quadratmetern wären zudem Anbauten für Proberäume und Gastronomie möglich. Die Deutsche Jazzunion und die IG Jazz Berlin, die das Projekt unter dem Namen ‚Zentrum für Jazz und Improvisierte Musik‘ vorantreiben, sehen in dem Ensemble eine funktionale wie symbolische Entsprechung dessen, was ein Jazzhaus leisten soll: Bühne, Archiv, Begegnungsraum, Residenz.

Im Vergleich zur Alten Münze erscheint die Realisierung am Kurt-Schumacher-Damm einfacher, kostengünstiger und zeitlich früher möglich. Das politische Plazet scheint zu wachsen. Brönner hat in seinen sozialen Netzwerken über Treffen mit Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer berichtet, ohne den Inhalt der Gespräche im Einzelnen zu kommentieren. Der Ton wirkte zuversichtlich.

Wie schneidet Deutschland im europäischen Vergleich ab?

Der Blick über die Grenzen ist ernüchternd. Frankreich fördert seine Jazzszene über die Musikergewerkschaft und die Association Jazzé Croisé, unterstützt vom Kulturministerium. Norwegen betreibt fünf regionale Jazzzentren sowie die Victoria, Nasjional Jazzscene Oslo als überregionale Spielstätte. Dänemark verfügt mit JazzDanmark über eine nationale Förderorganisation. Das Budapest Music Center fungiert als staatlich gefördertes Zentrum für klassische Musik und Jazz gleichberechtigt, mit eigenem Jazzclub, Bibliothek, Archiv und internationalem Residenzprogramm.

Deutschland dagegen verfügt über eine breite, aber fragile Infrastruktur: den Stadtgarten in Köln, den Jazzkeller in Frankfurt, das Jazzinstitut Darmstadt als eines der bedeutendsten Jazzarchive weltweit, ein flächendeckendes Netz aus Clubs und Festivals. München hat sich mit den Labels ECM und ACT Music einen internationalen Ruf erarbeitet. Aber ein nationales Zentrum fehlt. Die Bundeskonferenz Jazz hat 2024 in einem Bericht die Marginalisierung des Jazz in den Medien und die ökonomischen Schwierigkeiten von Jazzmusikern und Jazzmusikerinnen dokumentiert, ein Befund, der seit Brönners Dystopie von 2010 nicht besser geworden ist.

Ob ein solches Zentrum dem föderalen System widerspricht, ist eine Frage, die immer wieder gestellt wird. Die Antwort liegt nahe: Einrichtungen mit Exzellenzcharakter wirken nicht als Konkurrenz zu regionalen Institutionen, sondern als Impulsgeber. Das zeigt das Jazz at Lincoln Center in New York, das Berklee College of Music in Boston, und, als regionales Beispiel aus der Klassik, die Kronberg Academy.

Das House of Jazz wird gebraucht. Nicht weil der Jazz in Deutschland tot wäre, sondern weil er ein sichtbares Zentrum verdient. Das L’Aiglon, ein vergessenes Stück Berliner Stadtgeschichte, könnte dieser Ort sein, wenn die politischen Entscheidungen jetzt getroffen werden.