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Kaufhausruine wird Lernort: Wie Hannover seinen Leerstand in Bildungsinfrastruktur verwandelt
Das Kaufhaussterben der Gegenwart ist kein örtliches Phänomen, sondern ein strukturelles: Rund 14.000 Quadratmeter Verkaufsfläche stehen in deutschen Innenstadtlagen durchschnittlich leer, wenn ein grosses Haus schliesst (laut Handelsverband Deutschland, HDE-Jahresbericht 2025). Hannover demonstriert nun, was aus solchen Volumen werden kann, wenn Eigentümerinitiative, Stadtplanung und ein erfahrenes Architekturbüro zusammenfinden: Das ehemalige Galeria-Kaufhof-Gebäude an der Schmiedestraße wird zu The Box, einem Mixed-Use-Komplex mit Bildung, Handel, Gastronomie und Wohnen.
Noch 2023 hatte die insolvente Signa-Gruppe Abrisspläne für das Horten-Gebäude aus den 1970er Jahren verfolgt. Sein Nachfolger als Eigentümer, der Hannoveraner Investor Oliver Blume und seine THE BOX Projektentwicklungsgesellschaft, setzten dagegen auf Bestand und Umbau. Als Vorbereitung half eine Zwischennutzung unter dem Namen „Auhof“, von der Stadt und der Hochschule Hannover gemeinsam organisiert: ein urbaner Testballon, der das Potenzial des Hauses demonstrierte, bevor der Architekturwettbewerb gestartet wurde.
Sechs eingeladene Büros reichten Entwürfe ein. Das Gremium unter Vorsitz von Tatjana Sabljo empfahl einstimmig, den Erstplatzierten umzusetzen: Herzog & de Meuron Basel (Berlin/München). Am 23. Februar 2026 wurde das Ergebnis öffentlich vorgestellt. Die Planungsverträge wurden noch am selben Tag unterzeichnet. Fertigstellung: Ende 2027.
Was macht das Konzept von Herzog & de Meuron stadtbaulich so überlegen?
Der Schlüssel liegt im Fassadenkonzept und im programmatischen Denken. Die bekannte Horten-Vorhangfassade von Egon Eiermann, hermetisch und massstabssprengend, wird durch ein zweischichtiges System ersetzt: Innen eine transparente Glashulle als thermische Hülle, aussen eine selbsttragende, vertikal strukturierte Klinkerfassade aus rötlichen, teils glasierten Riemchen. Dieser Ansatz verbindet technische Pragmatik mit stadtbaulicher Intelligenz. Die Klinkerfassade nimmt Bezug auf die Backsteinarchitektur Hannovers, etwa auf Marktkirche, Altes Rathaus oder die grossen Bürobauten der Gründerzeit, ohne historistisch zu werden.
Entscheidend ist die Positionierung im Stadtraum. Das Gebäude liegt an der Schnittstelle zwischen der großmaßstäblichen City und der kleinteiligen, historisch geprägte Altstadt. Herzog & de Meuron behalten die bestehende Kubatur und die markante Dachzone bei, überführen aber die Zweiteilung zwischen Hortenfassade und Ziegelwalmdach in eine kohärente Gesamtform. Plastische Akzente loesen die Blockhaftigkeit auf. Ein Innenhof bringt Tageslicht bis ins Erdgeschoss, grosse Fassadenöffnungen und flexible Elemente vermitteln zwischen innen und aussen.
Das Fassadenkonzept reagiert damit auf Anforderungen, die aus dem niedersächsischen Denkmalschutzrecht resultieren: § 3 NDSchG (Niedersächsisches Denkmalschutzgesetz) verpflichtet zur Rücksichtnahme auf schutzwürdige Umgebung, auch wenn das Gebäude selbst nicht denkmalgeschützt ist. Die Marktkirche und die erhaltenen Altstadtstraßen westlich der Schmiedestraße definieren einen sensiblen Kontext. Die Klinkerfassade beantwortet diesen Kontext materialgerecht und ohne Mimikry.
Welche Signalwirkung hat das Projekt für die niedersächsische Stadtentwicklung?
The Box Hannover ist kein Einzelfall, aber ein besonders gut beobachtbarer. Niedersachsen steht vor denselben Herausforderungen wie alle westdeutschen Flächenländer: rückläufige Einzelhandelsumsätze, Leerstandsdruck in B-Lagen, Flächenkonkurrenz zwischen Handel, Bildung und Wohnen. Das Landesentwicklungsprogramm Niedersachsen (LROP 2022) betont ausdrücklich die Innenentwicklung vor Außenentwicklung und die Stärkung zentraler Versorgungsbereiche gemäß § 2 Abs. 2 Nr. 4 ROG (Raumordnungsgesetz). The Box ist ein Lehrbeispiel, wie dieser politische Wille architektonisch eingelöst werden kann.
Das Raumprogramm des Umbaus ist konsequent durchdacht. Die Berufsbildenden Schule der Stadt Hannover erhält im Gebäude ihren Hauptmieter-Status; für die Schulräume in den tiefen Grundrissen sichert die innere Glashulle maximalen Tageslichteintrag. Ein eigener Eingang und eine Stadtloggia im ersten Obergeschoss schaffen eine eigene Adresse für die Schule innerhalb des Mixed-Use-Volumens. Auf dem Dach entstehen rund 100 Kleinapartments und Penthäuser, eine Sporthalle und ein öffentlich zugänglicher Garten. Der Turm an der Osterstraße wird zur digitalen Leinwand fuer Kunst und Kultur.
Das Investitionsvolumen für den Umbau liegt laut Immobilien Zeitung bei knapp 100 Millionen Euro. Das ist, bezogen auf Flächenleistung und programmatische Vielfalt, ein kompaktes Budget. Es zeigt auch, dass Bestandssanierung in Größendimensionen wirtschaftlich darstellbar ist, wenn Förderkulissen stimmen: Das Land Niedersachsen stellt ueber die NBank-Förderprogramme Mittel für den sozialen Wohnungsbau und die energetische Sanierung bereit, die bei einem Projekt dieser Art kombinierbar waeren. Die Energieeffizienzanforderungen gemäß GEG (Gebäude-Energie-Gesetz) 2024 duerften bei einem Bestandsumbau dieser Größenordnung eine zentrale Planungsrolle spielen.
Bemerkenswert im Kontext der Wettbewerbsauswertung: Keiner der sechs eingeladenen Entwürfe lieferte eine Idee für die rund 10.000 Horten-Kacheln, die beim Rückbau der Eiermann-Vorhangfassade anfallen. Laut NDR stehen Gespräche ueber eine Weiterverarbeitung zu Möbelstücken im Raum. Ob diese Lesart der Kacheln als identitätsstiftendes Material der Nachnutzung tatsächlich verfolgt wird, bleibt offen. Aus denkmalpflegerischer Perspektive waere es das konsequenteste Signal: Transformation statt Entsorgung.
Hannover zeigt mit The Box einen Weg, der übertragbar ist: Bestandserhalt als erste Pflicht, programmatische Mischung als Qualitätsanforderung, Fassade als stadtbauliches Argument. Das ist keine Nostalgie. Das ist Stadtentwicklung im Zeitalter der Ressourcenknappheit.

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