
baukunst.art | AUSBILDUNG / April 2026
Die Werkstatt kehrt zurück: Wie Architekturschulen ihre Lehre korrigieren
Das architektonische Modell ist kein Darstellungsmittel, sondern ein Erkenntnisinstrument. Diese Unterscheidung, lange verschüttet unter der Selbstverständlichkeit digitaler Entwurfsprozesse, kehrt in die Curricula europäischer Architekturschulen zurück. Der Grund ist weder Nostalgie noch Technologieskepsis. Er liegt in einer methodischen Diagnose: Studierende, die nur digital entwerfen, lernen zu zeigen, bevor sie gelernt haben zu begreifen.
Zwischen 2005 und 2020 haben viele Architekturfakultäten ihre Werkstätten verkleinert, Modellbauräume zu Plotterstationen umgebaut und die Stundenzahlen für Darstellende Geometrie, Modellbau und Materialkunde reduziert. Die Logik war pragmatisch: BIM, parametrisches Entwerfen und Renderpipelines galten als das, worauf das Berufsleben vorbereitet. Die Werkstatt schien Folklore, eine Reminiszenz an die Bauhauspädagogik von Johannes Itten und Josef Albers, lehrreich vielleicht, aber nicht produktiv.
Diese Einschätzung erweist sich als verkürzt. Mehrere europäische Schulen, darunter die ETH Zürich, die Accademia di architettura di Mendrisio und die Technische Universität München, haben in den vergangenen Jahren ihre Werkstätten nicht nur erhalten, sondern ausgebaut. An der Accademia, 1996 von Mario Botta gegründet, ist das Arbeiten am physischen Modell seit der Eröffnung curriculare Grundlage, nicht Option. In Zürich bleibt die Modellbauwerkstatt das sichtbare Zentrum der Entwurfsausbildung. An anderen Schulen, von der Bauhaus-Universität Weimar bis zur ENSA Paris-Belleville, kehren Werkstattpflichten in das Grundstudium zurück.
Was leistet das analoge Modell, was das digitale nicht kann?
Das digitale Modell erlaubt Variation ohne Verlust. Eine Wand verschieben, ein Geschoss hinzufügen, die Fassade austauschen: Jede Entscheidung ist reversibel, jede Variante gleichwertig möglich. Das ist die Stärke des digitalen Werkzeugs und zugleich sein pädagogisches Problem. Wer nichts aufgibt, lernt nicht zu entscheiden.
Das physische Modell kennt Widerstand. Ein Eingriff im Maßstab 1:50 kostet Material, Zeit und, wichtiger, die Vorgängerentscheidung. Wer eine Wand versetzt, muss den Raum neu denken, der an ihr hing. Das ist keine Ineffizienz, sondern eine methodische Qualität: Das Modell zwingt zur Hierarchisierung von Entscheidungen, und Hierarchisierung ist der Kern des Entwerfens. Walter Benjamin hat für das Bauen den taktilen Rezeptionsmodus beschrieben. Das Lehrmodell ist sein methodisches Gegenstück: eine taktile Produktionsweise des Raums, die der körperlichen Wahrnehmung vorarbeitet.
Hinzu kommt die Materialkenntnis. Gips, Karton, Holz, Beton reagieren nicht wie ihre digitalen Oberflächen. Eine Kante aus Sperrholz bricht anders als eine aus Linde. Eine Gipsfläche altert sichtbar, eine Rhino-Oberfläche bleibt indifferent. Studierende, die diese Unterschiede im Modell erleben, treffen später in der Ausführungsplanung andere Entscheidungen. Das ist keine Geschmackssache, das ist Fachkompetenz.
Warum ist diese Rückkehr keine Nostalgie?
Der Einwand liegt nahe: Handelt es sich nicht um eine ästhetische Präferenz älterer Lehrender, die ihre eigene Ausbildung idealisieren? Die Antwort ist institutionell prüfbar. Die Büros, die international als Referenzen gelten, von Herzog & de Meuron in Basel über SANAA in Tokio bis Peter Zumthor in Haldenstein, unterhalten Modellsammlungen, die den Entwurfsprozess dokumentieren und in denen das Modell die führende Rolle spielt. Das Herzog & de Meuron Kabinett in Basel macht diese Praxis öffentlich zugänglich. Die Rückkehr des Modells in die Lehre ist keine Abwendung von der Praxis, sie ist die Anerkennung einer Praxis, die bei den genauesten Büros nie aufgehört hat.
Hinzu kommt ein Nachhaltigkeitsargument, das in der Debatte oft übersehen wird. Die Werkstattausbildung vermittelt Materialverständnis, Reparatur, Umgang mit Schwund und Toleranz. Das sind genau die Kompetenzen, die im Bauen im Bestand, in der Substanzerhaltung und in der seriellen Sanierung gebraucht werden. Wer Material nur als Rendertextur kennt, plant für den Neubau. Wer Material als Stoff mit Geschichte begreift, plant mit dem Bestand. Die Klimawende im Bauen braucht die zweite Kompetenz.
Was bedeutet das für die Lehrplanung?
Die Rückkehr des Modells ist nicht durch Symbolpolitik zu leisten. Eine Werkstatt, die dreimal im Semester geöffnet wird, ersetzt keine methodische Grundlage. Drei Bedingungen sind strukturell nötig: ausreichende Werkstattzeiten im Grundstudium mit ausgebildeten Werkstattleiterinnen und Werkstattleitern, eine curriculare Verankerung des Modellbaus in den Entwurfsstudios bis in die Master-Phase, und eine Prüfungskultur, die das Modell als eigenständige Leistung bewertet, nicht als Zubehör zum Rendering.
Die Bundesarchitektenkammer (BAK) weist in ihren Stellungnahmen zur Ausbildungsreform wiederholt auf die Notwendigkeit handwerklicher und materialbezogener Ausbildungsanteile hin. In den Leistungsphasen 2 und 3 der HOAI ist das Arbeitsmodell ohnehin selbstverständlicher Bestandteil der Vorentwurfs- und Entwurfsplanung. Eine Ausbildung, die darauf nicht vorbereitet, bereitet auf einen Beruf vor, den es nicht gibt.
Die analoge Werkstatt ist keine Alternative zum digitalen Werkzeug. Sie ist seine Voraussetzung. Wer entworfen hat, bevor er gerendert hat, kann das Rendering lesen. Wer das Rendering für den Entwurf hält, produziert Bilder. Die Aufgabe der Architekturausbildung besteht darin, diese Unterscheidung nicht nur zu lehren, sondern sie zur methodischen Grundlage zu machen. Das Modell ist der Ort, an dem diese Unterscheidung entsteht.

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