
baukunst.art | Bildung |  KI | Mai 2026
Wenn die Künstliche Intelligenz das Reißbrett ersetzt
Das Schiff des Theseus, ein antikes Gedankenexperiment über Identität bei vollständigem Austausch aller Bauteile, beschreibt präzise die aktuelle Lage des Architekturberufs unter dem Druck generativer Künstlicher Intelligenz. Die spannendere Frage ist nicht, ob das Schiff dasselbe bleibt; sie lautet, ob nach dem Austausch genügend vieler Planken ein besseres Schiff entstanden ist.
Genau diese Verschiebung der Fragestellung steht im Zentrum eines Vortrags, den Martha Tsigkari, Senior Partner und Head of Applied R+D, gemeinsam mit Sherif Tarabishy, Associate Partner und Design Systems Analyst, am 13. Mai 2026 auf der NXT BLD im Queen Elizabeth II Centre in London halten. Das Applied R+D Team von Foster + Partners gehört seit über einem Jahrzehnt zu den prägenden Stimmen der computergestützten Architekturpraxis und nutzt die Bühne in diesem Jahr für eine Bilanz aus rund zwei Jahrzehnten maschineller Designunterstützung.
Was bedeutet die Theseus-Frage für die Architekturpraxis?
Generative Werkzeuge übernehmen bereits heute Aufgaben, die in den Leistungsphasen 1 bis 3 nach § 34 HOAI klassisch von Architektinnen und Architekten ausgeführt wurden. Massenstudien, Variantenbildung, Tageslichtanalyse und erste BIM-Modelle entstehen in Sekunden statt Tagen. Plattformen wie Finch, Snaptrude oder Hypar, allesamt Vortragsthemen derselben Konferenz, verkürzen den Weg vom Brief bis zu einem detaillierten BIM-Modell auf Minuten; Snaptrude demonstriert auf der NXT BLD 2026 ein vollständig editierbares LOD-300-Modell in unter fünfzehn Minuten. Eine Planke nach der anderen wird also ausgetauscht.
Das Schiff fährt weiter, und die Frage nach seiner Identität wird drängend. Solange Künstliche Intelligenz nur einzelne Aufgaben automatisiert, lässt sich die Praxis als Werkzeugwechsel beschreiben, vergleichbar mit der Einführung von CAD in den 1990er Jahren oder von BIM nach 2010. Wenn jedoch Konzeptfindung, Entwurfsiteration und technische Klärung gleichzeitig delegiert werden, verschiebt sich der Berufsinhalt strukturell. Die Bundesarchitektenkammer (BAK) hat in ihren Stellungnahmen seit 2024 darauf hingewiesen, dass die berufsrechtliche Verantwortung nach den Architektengesetzen der Länder weiterhin bei der menschlichen Person liegt, unabhängig vom Grad der Automatisierung im Entwurfsprozess.
Welche Planken werden zuerst ausgetauscht?
Die empirische Antwort liegt in den Forschungsprojekten von Foster + Partners selbst. Tsigkaris Arbeit für die Applied Research and Development Group umfasst computergestützten Entwurf, Mensch-Maschine-Interaktion, maschinelles Lernen und Optimierung; sie hat den Einsatz tiefer neuronaler Netze und genetischer Algorithmen im Entwurfsprozess untersucht, von passiv aktivierten Mikromaterialien bis zu performanzgesteuerten Stadtgrundrissen. Auf der NXT BLD 2025 zeigte Tsigkari unter dem Titel „The White Rabbit“, wie generative Modelle ganze Entwurfsserien produzieren, ohne dass Planerinnen und Planer einzelne Optionen nochmals händisch zeichnen müssen.
Daraus folgen drei Beobachtungen. Erstens werden zunächst repetitive, datennahe Tätigkeiten ersetzt, also genau jene Leistungen, die die Honorartabellen der HOAI in Vorplanung und Entwurfsplanung als zeitintensiv ausweisen. Zweitens wandert die Wertschöpfung von der Ausführung zur Spezifikation; wer die Anforderungen präzise formuliert, profitiert am stärksten. Drittens entsteht ein neuer Bedarf an Validierung. Modelle, die in Sekunden Hunderte Varianten erzeugen, benötigen architektonische Urteilskraft, um konstruktive, soziale und ökologische Qualität zuverlässig zu erkennen.
Wo bleibt die Verantwortung der Architektinnen und Architekten?
Der Vergleich mit Theseus täuscht in einem entscheidenden Punkt. Eine Planke ist passiv; sie wird ersetzt. Eine Architektin oder ein Architekt entscheidet, welche Planke ersetzt wird, nach welchen Kriterien, und ob das neue Holz tragfähig ist. Genau hier liegt der Hebel der Profession.
Die DIN EN ISO 19650 zur BIM-Informationsstruktur, die DIN 276 zur Kostenplanung sowie das Gebäudeenergiegesetz (GEG) in seiner aktuellen Fassung fordern dokumentierte, nachvollziehbare Entscheidungen. Eine generierte Variante ohne erklärbare Herleitung erfüllt diese Anforderung nicht. Die Verantwortung verlagert sich also vom Zeichenstift zur kuratierten Entscheidung. Pamela Nunez Wallgren und Jesper Wallgren von Finch beschreiben diese Verschiebung am selben Konferenztag als Wandel vom Architekten als Zeichner zum Architekten als Kurator von Systemen.
Diese Verschiebung hat regulatorische Folgen. Nach § 1 BauGB sowie den landesrechtlichen Bauordnungen, etwa Art. 3 BayBO, bleibt die menschliche Prüfung von Standsicherheit, Brandschutz und sozialer Verträglichkeit nicht nur ratsam, sondern verpflichtend. Wer eine KI-generierte Planung ohne fachliche Durchdringung einreicht, riskiert die Versagung der Baugenehmigung und im Schadensfall die persönliche Haftung nach BGB.
Lernt das Schiff, ein besseres Schiff zu werden?
An diesem Punkt setzt die zentrale These des Foster-Vortrags an. Das eigentliche Versprechen der Künstlichen Intelligenz in der Architektur liegt nicht in der Beschleunigung, sondern in der Fähigkeit, aus Tausenden Iterationen Erkenntnisse zu gewinnen, die ein einzelnes Büro in einem Berufsleben nicht sammeln könnte. Wenn jede ersetzte Planke datenseitig dokumentiert und ausgewertet wird, entsteht eine kollektive Werkstattlehre, die über das einzelne Projekt hinausweist.
Voraussetzung dafür ist offene Dateninfrastruktur. Die Initiativen rund um BoHM von Büro Happold, die offene Datenebene von Speckle sowie der OpenBIM-Diskurs aus dem Hause HOK zeigen, dass eine herstellerunabhängige Datenebene technisch erreichbar ist. Ob sie auch ökonomisch und vertraglich tragfähig wird, entscheidet sich nicht in den Forschungsabteilungen der großen Büros, sondern bei den mittelständischen Architekturbüros, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz die Mehrheit der Projekte verantworten.
Theseus kehrte am Ende nach Athen zurück, mit einem Schiff, dessen Identität die Philosophen über Jahrhunderte beschäftigte. Die Architektur des Jahres 2026 fährt in vergleichbar unsicherem Wasser, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied. Diese Mannschaft entscheidet selbst, welche Planken ersetzt werden, in welcher Reihenfolge, und nach welchen Werten. Das Ergebnis ist nicht vorbestimmt; es wird gebaut.
Leserinformation
Der Vortrag „The Ship of Theseus“ von Martha Tsigkari, Senior Partner und Head of Applied R+D, sowie Sherif Tarabishy, Associate Partner und Design Systems Analyst, beide Foster + Partners, findet am 13. Mai 2026 auf der NXT BLD im Queen Elizabeth II Centre in London statt. Konferenztage sind der 13. und 14. Mai 2026. Programm und Tickets unter nxtbld.com.

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