Baukunst - Deutsche Botschaft Wien: Schulz und Schulz setzen auf Kärntner Marmor und diplomatische Perfektion
Deutsche Botschaft Wien von Schulz und Schulz © Tschinkersten Fotografie

Deutsche Botschaft Wien: Schulz und Schulz setzen auf Kärntner Marmor und diplomatische Perfektion

15.12.2025
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Berthold Bürger

Steinkoloss im Dienst des Protokolls

Schulz und Schulz schaffen in Wien einen diplomatischen Neubau zwischen Präzision und Kühle

Die Geschichte der deutschen diplomatischen Präsenz in Wien gleicht einer architektonischen Odyssee. 1877 erwarb das Deutsche Reich ein Grundstück am Rennweg, das einst zum Palais des Fürsten Metternich gehörte. Viktor Rumpelmayer entwarf dort ein Botschaftspalais im Stil der italienischen Renaissance mit französischen Anklängen. Der Zweite Weltkrieg zerstörte dieses Gebäude teilweise, und in den 1950er Jahren verschwand es vollständig.

Der Stuttgarter Architekt Rolf Gutbrod, bekannt für seine organische Formensprache und Werke wie die Liederhalle Stuttgart oder den deutschen Pavillon der Expo 67 in Montreal, schuf zwischen 1959 und 1964 einen Nachfolgebau in Stahlbetonskelettbauweise. Dieser Bau, eine Ikone der nüchternen Bonner Moderne, wurde durch den Zuzug der ständigen Vertretung Deutschlands bei der OSZE irgendwann zu klein. Trotz der Listung durch docomomo als schutzwürdig legte das österreichische Bundesdenkmalamt aufgrund zahlreicher Umbauten und Veränderungen am Gutbrod Bau kein Veto gegen den Abriss ein.

Ein Wettbewerb und seine Konsequenzen

2015 lobte das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung einen Wettbewerb mit vorgeschaltetem Bewerbungsverfahren aus. Die Leipziger Brüder Ansgar und Benedikt Schulz, deren Büro Schulz und Schulz seit 1992 besteht und deren Propsteikirche St. Trinitatis in Leipzig 2016 den Balthasar Neumann Preis erhielt, gewannen 2016 den Zuschlag. Ihr Entwurf versprach ein Ensemble aus Kuben, verkleidet mit hellem Naturstein, gegliedert nach den vielfältigen Anforderungen repräsentativer und privater Bereiche.

Nach dreijähriger Bauzeit wurde das rund 40 Millionen Euro teure Botschaftsgebäude Ende September 2025 der Presse vorgestellt. Im April 2025 hatte die Botschaft das Gebäude bezogen, im Oktober 2025 weihte Bundespräsident Frank Walter Steinmeier es offiziell ein. Der Garten mit seinen alten Linden, Platanen und Ahornbäumen blieb erhalten, geplant von Därr Landschaftsarchitekten aus Halle an der Saale. Die grobe Komposition zwischen Bebauung und Freiraum wirkt auf den ersten Blick wie ein Zitat dessen, was einst dort stand.

Die Materialität der Macht

Von außen präsentiert sich das Gebäude mit dunklen, stark reflektierenden Sicherheitsgläsern, strengen Fensterbändern und einer akribisch orchestrierten Steinfassade. Die Steintafeln aus hellgrauem Krastaler Marmor, einem kristallinen Naturstein aus Kärnten, der bereits von den Römern genutzt wurde und sich durch besondere Verwitterungsbeständigkeit auszeichnet, messen 30 mal 60 Zentimeter. Die Details sind perfekt gelöst, sämtliche Räume und Fassadenaufbauten so konzipiert, dass das gesamte Gebäude ohne einen einzigen Verschnitt auskommt.

Das Schönste für uns Architekten ist, wenn man das, was man gemacht hat, gar nicht erst erklären muss, weil es ohnehin für sich selbst spricht, erklärte Ansgar Schulz bei der Pressekonferenz und nannte Begriffe wie Offenheit, Transparenz und Dialogbereitschaft. In einer Blickrichtung zumindest ist das Konzept aufgegangen: Aus den Innenräumen der repräsentativen Beletage, die in ihrer Raumabfolge von Foyer, Empfangsraum, Bibliothek, Musiksalon und festlichem Speisesaal dem strengen Protokoll eines Botschaftsbetriebs entsprechen, blickt man durch 3,60 Meter hohe Glasscheiben ins Freie, auf die Terrasse und den polygonal eingefassten Garten.

Die subversive Geste am Zaun

Offenheit und Dialogbereitschaft sprechen auch aus der Kunst am Bau Arbeit des Düsseldorfer Künstlers Stefan Sous. Sous, Meisterschüler von Tony Cragg und bekannt für seine monumentalen Stahlskulpturen wie jene vor der BND Zentrale in Berlin, schuf unter dem Titel DEFORM eine runde Beule von rund neun Quadratmetern im Sicherheitszaun. Diese Einbuchtung, so groß, dass man darin eine Walzerdrehung vollführen kann, stülpt sich ins Grundstück hinein und erlaubt den Passantinnen und Passanten, ohne Grenzkontrolle deutschen Boden zu betreten. In Anbetracht des derzeit weltweit angespannten diplomatischen Parketts sorgt diese unerwartet großzügige künstlerische Geste für einen Moment der Irritation und Gänsehaut zugleich.

Zwischen Perfektion und Sinnlichkeit

Das Resultat ist architektonisch überwältigend, gleichzeitig aber irgendwie auch unsinnlich und atmosphärisch unbefriedigend. Die farb und schmucklose Präsentation scheint mit den beiden Vorgängerbauten, dem Renaissance Palais und Gutbrods organischer Moderne, nicht viel gemein zu haben. Als ausgleichende Gerechtigkeit führt eine wunderschöne, superschlank dimensionierte Wendeltreppe hinab in den Garten, ein Zitat der brüstungslosen Treppe in Oscar Niemeyers Itamaraty Palast in Brasília.

Wir sind für unsere Perfektion und Konstruktionsaffinität bekannt, und wir haben diesen Detailperfektionismus in den Dienst der Sache gestellt, sagt Ansgar Schulz. Und was die Kritik an der fehlenden Sinnlichkeit betrifft, möchte ich die Frage stellen: Wie viel Gemütlichkeit verträgt denn wirklich die politische, diplomatische Repräsentanz? Eine berechtigte Frage, wenn man bedenkt, dass in Wien 85.000 Deutsche leben und das Konsulat nach der Schweiz zur weltweit zweitgrößten Anlaufstelle für Auslandsdeutsche macht.

Ausblick

In den kommenden Monaten wird das Haus nach Plänen von Innenarchitektinnen und Innenarchitekten des Auswärtigen Amts und des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung eingerichtet. Mit Maßmöbeln, deutschem Design und vorzugsweise deutscher Kunst, wie Botschafter Vito Cecere betont. Das Projekt wurde als Pilotvorhaben für BIM (Building Information Modeling) ausgewählt und entspricht dem Leitfaden Nachhaltiges Bauen.

Die Deutsche Botschaft in Wien steht nun als Monument bundesdeutscher Baukultur: technisch brillant, ästhetisch kohärent, emotional zurückhaltend. Sie verkörpert eine Architekturauffassung, die das Protokoll über die Poesie stellt. Ob das der richtige Ansatz für einen Ort der Diplomatie ist, an dem es doch um menschliche Begegnung gehen sollte, bleibt eine offene Frage. Vielleicht braucht es manchmal gerade die Reibung zwischen kühler Perfektion und menschlicher Wärme, um einen echten Dialog zu ermöglichen.