
Deutschland sucht seinen Pavillon-Kopf: Ausschreibung zum deutschen Beitrag der Architekturbiennale Venedig 2027
Wer spricht 2027 für die deutsche Architektur?
Alle zwei Jahre stellt sich dieselbe Frage neu: Wer darf die Bundesrepublik Deutschland auf der bedeutendsten Architekturausstellung der Welt vertreten? Am 19. Februar 2026 hat das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Auftrag des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) die offizielle Ausschreibung für die Kuratierung des deutschen Pavillons auf der 20. Internationalen Architekturbiennale in Venedig 2027 veröffentlicht. Die Bewerbungsfrist endet am 2. April 2026 um 10:00 Uhr.
Der Startschuss ist gefallen – und mit ihm eine Debatte, die weit über die Vergabeplattform des Bundes hinausgeht.
Ein Auftrag mit Gewicht: 600.840 Euro und ein Leitmotiv aus Shanghai
Der geschätzte Auftragswert liegt bei 600.840,33 Euro netto. Dafür erwartet die Vergabestelle nicht weniger als eine intellektuelle Führerschaft im internationalen Architekturdiskurs. Die 20. Biennale findet vom 8. Mai 2027 bis zum 21. November 2027 statt, die Preview-Tage sind für den 6. und 7. Mai 2027 vorgesehen. Die Laufzeit des Kuratorenvertrags erstreckt sich formal vom 1. Juni 2026 bis zum 1. Februar 2028.
Die Direktion der Gesamtbiennale liegt bei einem bemerkenswerten Duo: dem chinesischen Architekten Wang Shu – Pritzker-Preisträger des Jahres 2012 – und der Architektin Lu Wenyu. Beide sind Mitbegründer des Atelier Amateur Architecture Studio in Hangzhou. In ihrer Direktoratserklärung formulieren sie ein Manifest gegen das Ephemere: Architektur, die sich nur an Erscheinungen orientiere, die von exzessiver Konzeptualisierung oder reiner Vermarktung getrieben werde, verliere ihre Verbindung zum Ort und damit ihre Daseinsberechtigung. Diese Haltung, zwischen Kritik am globalisierten Mainstream und einem Bekenntnis zu Einfachheit und Wahrhaftigkeit, soll als inhaltlicher Rahmen auch für den deutschen Beitrag dienen.
Das Verfahren: Transparenz durch Wettbewerb
Das BBSR nutzt für die Kuratoren-Vergabe ein Verhandlungsverfahren mit vorherigem Teilnahmewettbewerb nach dem GWB, also dem Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen. In einer ersten Phase reichen Interessentinnen und Interessenten Teilnahmeanträge ein; daraus werden drei bis sieben Bewerberinnen und Bewerber für die zweite Phase eingeladen, in der konkrete Ausstellungskonzepte vorgelegt werden müssen. Eine Kommission aus externen Expertinnen und Experten empfiehlt dann das überzeugendste Konzept. Die finale Entscheidung liegt beim Auftraggeber.
Dieses Verfahren hat Tradition: Beim deutschen Beitrag zur 19. Biennale 2025 kuratierte das TEAM STRESSTEST, bestehend aus Professorin Elisabeth Endres (TU Braunschweig), Professor Daniele Santucci (RWTH Aachen), Nicola Borgmann (Architekturgalerie München) und Professorin Gabriele G. Kiefer (TU Braunschweig), die Ausstellung unter dem Titel „STRESSTEST“. Ein interdisziplinäres Ensemble, das inhaltlich genau die Risse und Belastungen des deutschen Bausektors abbildete.
Bildung als stiller Auftrag
Die wenigsten Artikel über Biennale-Ausschreibungen thematisieren, was diese Verfahren im Kern leisten: Sie sind Bildungsvorgänge. Nicht nur für das Fachpublikum, das die Ausstellung in den Giardini besucht, sondern auch für die Architektinnen und Architekten, die sich mit dem Ausschreibungstext auseinandersetzen, Konzepte entwickeln und – ob erfolgreich oder nicht – einen Denkprozess durchlaufen, der ohne diese Aufforderung vielleicht nie entstanden wäre.
Wang Shu und Lu Wenyu sprechen von Architektur, die an Orten verwurzelt ist, die Realität ernst nimmt und nicht durch Überkonzeptualisierung verloren geht. Das ist keine akademische Fußnote, sondern eine Einladung zum Nachdenken: Was lernen Architektinnen und Architekten aus einem solchen Leitmotiv? Wie übersetzt eine Kuratorin oder ein Kurator diese programmatische Setzung in eine Ausstellung, die für ein weltweites Publikum verständlich und für die deutsche Fachöffentlichkeit relevant bleibt?
Genau hier liegt die Bildungsdimension, die in den Vergabeunterlagen zwar nicht explizit benannt wird, die aber strukturell eingebaut ist. Das Ausschreibungsverfahren erzwingt konzeptuelle Klarheit. Wer sich bewirbt, muss nicht nur eine Ausstellung entwickeln, sondern eine These zur deutschen Architektur der Gegenwart formulieren. Das ist hohe Schule.
Die Frage der Zugangsbarrieren
Kritisch bleibt die Frage, wer tatsächlich in der Lage ist, sich auf ein solches Verfahren einzulassen. Die Ausschreibung über die Bundesvergabeplattform e-Vergabe erfordert eine Registrierung, ein AnA-Web-Nutzerkonto und eine vollständige Dokumentenzusammenstellung nach vergaberechtlichen Maßstäben. Für freischaffende Architektinnen und Architekten ohne erfahrene Büroverwaltung ist das eine hohe Hürde – keine formale Ausschlussbarriere, aber eine faktische.
Das BBSR gibt an, dass die Teilnahme nicht bestimmten Gruppen vorbehalten ist, also prinzipiell offen für alle Qualifizierten. Dennoch zeigt die Praxis vergangener Ausschreibungen: Der Kreis der Einreichenden ist überschaubar, die Bekanntheit der Verfahren außerhalb einschlägiger Fachkreise gering. Hier läge ein echter Bildungsauftrag: Mehr Sichtbarkeit für Ausschreibungsverfahren dieser Art, mehr Coaching für Nachwuchskuratorinnen und -kuratoren, mehr strukturelle Unterstützung für Quereinsteiger, die frischen Wind bringen könnten.
Wang Shu, Lu Wenyu und die Botschaft an Deutschland
Das Direktorentandem aus China verdient besondere Aufmerksamkeit. Wang Shu und Lu Wenyu stehen für einen Ansatz, der in Europa als Gegenmodell zur High-Tech-Architektur gelesen werden kann: Materialrecycling aus abgerissenen Häusern, Bezug zur lokalen Handwerkstradition, Skepsis gegenüber starren Geometrien. Ihr Manifest gegen „excessive conceptualization“ trifft den deutschen Architekturkontext an einem empfindlichen Punkt: Hierzulande hat die Debatte über Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und den Ressourcenverbrauch im Bauwesen in den letzten Jahren an Schärfe zugenommen.
Wer den deutschen Pavillon 2027 kuratiert, muss sich diesem globalen Rahmen stellen und gleichzeitig spezifisch genug bleiben, um einen eigenständigen Beitrag zu leisten. Das ist kein Widerspruch, sondern genau die produktive Spannung, die gute Architekturausstellungen auszeichnet.
Was jetzt wichtig ist
Interessierte Kuratorinnen und Kuratoren haben bis zum 2. April 2026 Zeit, ihre Teilnahmeanträge elektronisch über die Plattform e-Vergabe einzureichen. Weitere Informationen zu den Vergabeunterlagen sind unter evergabe-online.de abrufbar; Fragen können bis zum 26. März 2026 gestellt werden. Die Aufforderungen zur Angebotseinreichung an die ausgewählten Bewerberinnen und Bewerber sind für den 22. Juni 2026 vorgesehen.
Die Architekturbiennale Venedig ist kein Luxusprojekt der Kulturpolitik. Sie ist ein Seismograph für das, was in der Architektur gedacht, gewagt und diskutiert wird. Wer den deutschen Pavillon 2027 gestaltet, prägt mit, wie Deutschland in der internationalen Architekturdebatte wahrgenommen wird. Und das, so Wang Shu und Lu Wenyu, ist in Zeiten multiplen Wandels keine Kleinigkeit.
Quellen: BBSR / BBR, Ausschreibungsdetails e-Vergabe (ID 838642), Bundesarchitektenkammer, BMWSB

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