
Plastik mit Vergangenheit, Gebäude mit Zukunft
Das Bürogebäude MONACO im Münchner Werksviertel erhält eine Fassade aus recyceltem Kunststoff. Pretty Plastic aus Amsterdam liefert die Schindeln, MVRDV aus Rotterdam den Entwurf. Ein Pilotprojekt, das zeigt, wohin die Reise gehen kann.
Es gibt Materialien, die man kennt, ohne sie je wirklich gesehen zu haben. Fensterrahmen, Regenrinnen, Fallrohre: Sie gehören zum Alltag, bis sie ausgedient haben, und dann verschwinden sie still in der Mülltonne oder, schlimmer noch, im Verbrennungsofen. Das Amsterdamer Unternehmen Pretty Plastic hat sich seit 2017 zur Aufgabe gemacht, genau diesen Moment zu verhindern. Aus geschreddertem PVC-Abfall presst die Firma farbige Fassadenschindeln, die in zwölf Farben und drei Designs erhältlich sind und inzwischen auf Gebäuden in Belgien, Großbritannien, Frankreich und Dänemark zu finden sind. Deutschland war bislang außen vor. Das ändert sich gerade grundlegend.
Im Münchner Werksviertel entsteht aktuell das Bürogebäude MONACO, entworfen vom renommierten Rotterdamer Büro MVRDV. Das Projekt ist nicht groß im klassischen Sinne: Rund 4.500 Quadratmeter Nutzfläche verteilen sich auf sechs Stockwerke. Aber MONACO ist ambitioniert in dem, was es über seine Materialien aussagen will. Ein Drittel der Fassade wird mit 20.000 Plastikschindeln von Pretty Plastic verkleidet, der Rest mit rund 60.000 wiederverwendeten Klinkersteinen aus regionalen Abbruchhallen der 1920er und 1930er Jahre. Spatenstich war im April 2025, die Fertigstellung ist für Mitte 2027 geplant.
Work und Play als architektonisches Prinzip
MVRDV teilt das Gebäude konzeptionell in zwei Bereiche: Arbeit und Spiel. Der Arbeitsbereich präsentiert sich als solider sechsgeschossiger Kubus, verkleidet mit dem warmen Rotbraun der recycelten Klinker. Der Spielbereich wächst kaskadenartig nach oben und zur Seite, verkleidet mit den bunten Kunststoffschindeln in Blau- und Lilatönen. Diese Dualität setzt sich im Inneren fort: klassische Büroflächen auf der einen Seite, auf der anderen ein Forum für Vorträge und Ideenaustausch, ein Coworking-Biergarten mit Terrasse sowie Lesezimmer für kontemplativere Tätigkeiten. Das Konzept bezeichnet Rock Capital als „New Work“, eine Idee, die nicht neu ist, hier aber raumlich und material konsequent durchgezogen wird.
Der Verweis auf die TV-Figur Monaco Franze und den legendären Münchner Originalschauplatz ist dabei mehr als Folklore. Sven Thorissen, Direktor des Studio DAS bei MVRDV, formuliert es so: Das Werksviertel ziehe ein internationales Publikum an, das bunte Erscheinungsbild greife die Vergangenheit des Areals als Kunst- und Kulturviertel auf. Wo früher die Pfanni-Fabrik stand, dann der Kunstpark Ost und die Kultfabrik pulsierten, soll jetzt ein Bürogebäude entstehen, das den Geist des Ortes weiterträgt. Das ist ein ehrenwerter Anspruch. Ob er eingelöst wird, hängt nicht zuletzt davon ab, ob die Architektur den Test der Zeit besteht.
Das Material: mehr als ein Nachhaltigkeitsversprechen
Pretty Plastic wurde von den Architekten Overtreders W und bureau SLA gegründet und verfolgt seit Beginn ein klares Ziel: Plastikmüll in langlebige Baumaterialien zu verwandeln. Die Schindeln bestehen zu 100 Prozent aus aufbereitetem PVC-Abfall, können am Ende ihrer Nutzungsdauer vollständig wiederverwertet werden und erfüllen damit das Cradle-to-Cradle-Prinzip in seiner reinsten Form. Welche Farbe eine Schindel erhält, hängt von den verwendeten Abfallmaterialien ab, was jedem Produkt eine leicht individuelle Note gibt.
Beim MONACO werden rund 70 Prozent des bunten Fassadenteils mit Pretty-Plastic-Schindeln verkleidet. Der Rest besteht aus Keramikschindeln, die aus brandschutztechnischen Gründen notwendig sind: Wo die Fassade an ein Nachbargebäude grenzt, schreibt das deutsche Baurecht höhere Brandschutzanforderungen vor, denen Kunststoff nicht genügen kann. Genau diese regulatorische Hürde war laut Rock-Capital-Geschäftsführer Andreas Wißmeier eine der größten Herausforderungen des Projekts. Umfangreiche bauliche und brandschutztechnische Kompensationsmaßnahmen machten schließlich eine Ausnahmegenehmigung möglich. Das deutet darauf hin, dass der Weg zur Kreislaufwirtschaft in der deutschen Bauwirtschaft noch erheblicher regulatorischer Anpassungsarbeit bedarf.
Ein teures Bekenntnis zur Nachhaltigkeit
Die Gesamtinvestition für das MONACO beziffert Wißmeier auf rund 75 Millionen Euro. Die Recyclingfassade sei deutlich teurer als eine konventionelle Konstruktion aus Glas und Stahl, räumt er offen ein. Das ist bemerkenswert ehrlich und zugleich ein strukturelles Problem: Solange nachhaltige Materialien teurer sind als ihre konventionellen Alternativen, bleibt ihre Anwendung auf Bauherrinnen und Bauherren beschränkt, die entweder idealistisch motiviert sind oder sich auf lange Sicht strategische Vorteile erhoffen, etwa durch Zertifizierungen und Reputationsgewinn.
Rock Capital strebt für das MONACO eine LEED-Platin-Zertifizierung an, die höchste Stufe des amerikanischen Nachhaltigkeitssystems. Hinzu kommt die WiredScore-Platin-Zertifizierung für digitale Konnektivität. Im Betrieb sollen intelligente Systeme für Beleuchtung, Heizung und Kühlung den Energieverbrauch minimieren. Fahrradparkplätze, Duschen für Radfahrerinnen und Radfahrer sowie mindestens 20 Ladepunkte für Elektrofahrzeuge runden das Nachhaltigkeitsbild ab. Vor Baubeginn wurde das Projekt bereits mit dem German Design Award 2025 ausgezeichnet. MONACO ist damit schon jetzt ein Projekt der Superlative auf dem Papier. Ob es das auch als gebautes Haus sein wird, entscheidet sich erst in zwei Jahren.
Standort als Argument
Das MONACO steht in einer Straße, die einen Namen trägt, der kaum passender sein könnte: Helmut-Dietl-Straße, benannt nach dem Münchner Regisseur und geistigen Schöpfer der Monaco-Franze-Figur. Es liegt zwischen den Hochhäusern Atlas und Highrise One, in unmittelbarer Nachbarschaft zu WERK12, dem anderen MVRDV-Gebäude im Werksviertel, das 2021 mit dem Preis des Deutschen Architekturmuseums als Bauwerk des Jahres ausgezeichnet wurde. MVRDV ist damit im Werksviertel kein Unbekannter mehr. Der neue Auftrag ist in gewisser Weise auch eine Bestätigung einer funktionierenden Zusammenarbeit.
Stadtbaurätin Elisabeth Merk bezeichnet das MONACO als stadtbildprägend und hebt die Klinker als Referenz an das industriekulturelle Erbe des Areals hervor. Das ist kein leeres Lob: Das Werksviertel ist tatsächlich ein seltenes Beispiel dafür, wie ein ehemaliges Industrieareal nicht durch Verdrängung, sondern durch schrittweise Verdichtung und Aufwertung neues Leben erhält. Das MONACO fügt diesem Prozess ein Material hinzu, das bisher im deutschen Stadtbild nicht vorkam.
Pilotprojekt mit Signalwirkung
Dass Pretty Plastic bisher in Deutschland nicht zum Einsatz kam, liegt nicht an mangelnder Qualität der Produkte. Es liegt an der Kombination aus ungewohntem Material, deutschen Brandschutzvorschriften und einer Baubranche, die Innovation strukturell skeptisch gegenübersteht. In den Niederlanden, wo Pretty Plastic gegründet wurde, stehen die bisher größten Projekte des Unternehmens, etwa das nationale Schwimmcenter Tongelreep in Eindhoven mit fast 31.000 Schindeln auf 1.400 Quadratmetern Fassadenfläche. Deutschland entdeckt das Material nun mit einem vergleichsweise kleinen, aber sichtbaren Gebäude.
Ob das MONACO Nachahmerinnen und Nachahmer findet, hängt wesentlich davon ab, wie Betrieb und Vermarktung des Gebäudes verlaufen. Wenn sich zeigt, dass die Schindeln wartungsarm und dauerhaft sind, dass die Zertifizierungen helfen, Mieterinnen und Mieter anzuziehen, und dass der Preisaufschlag für die Bauherrschaft langfristig aufgeht, könnte das Projekt tatsächlich einen Markt öffnen. Die Kreislaufwirtschaft braucht Leuchtturmprojekte. Das MONACO hat das Potenzial, eines zu sein. Gebaut werden muss es noch.

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