
Baukunst.art
REGIONALES | Sachsen-Anhalt | Ausgabe März 2026
Sachsen-Anhalts Landesmuseum für Vorgeschichte präsentiert eine Sensation
Das Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) zeigt ab dem 27. März 2026 die Sonderausstellung „Die Schamanin“ (bis 1. November 2026), die neue, teils bahnbrechende Erkenntnisse zu einer mesolithischen Frau präsentiert, deren Grab vor mehr als 9000 Jahren im heutigen Bad Dürrenberg angelegt wurde. Anlass genug, das Gebäude, das diesen Fund beherbergt, und die kulturpolitische Dimension dieser Ausstellung genauer zu betrachten.
Ein Haus, das seiner Sammlung gewachsen ist
Das Museumsgebäude an der Richard-Wagner-Strasse 9 in Halle (Saale) ist selbst ein Denkmal der deutschen Architekturgeschichte. Wilhelm Kreis, einer der prägenden Architekten des frühen 20. Jahrhunderts, entwarf den Bau in den Jahren 1911 bis 1912; die Eröffnung erfolgte 1918. Die Anlage orientiert sich formal an der Porta Nigra in Trier: ein trutziges, kastellartiges Volumen aus Muschelkalkstein, das Dauerhaftigkeit und Würde ausstrahlt. Was von aussen schwer und hermetisch wirkt, öffnet sich im Innern zu einem zentralen Atrium, um das sich die Ausstellungsflächen auf drei Geschossen anordnen. Diese Raumfigur erweist sich im Kontext der aktuellen Sonderausstellung als ausserordentlich produktiv: Im Atrium steht die Zentralinstallation der Schau, ein raumgreifendes Arrangement aus Schamanentrommel, vier Schamanengewändern und einer mit symbolischen Zeichnungen versehenen Pyramide, die sich zur Decke hin öffnet. Der von Kreis konzipierte, lichtdurchflutete Innenhof wird hier zur rituellen Mitte, zum Schwellenzustand zwischen den Ausstellungsräumen.
Kreis wählte für den Museumsbau eine archaische Hülle aus Muschelkalk, die eine regelmässige Stahlbetonkonstruktion umschliesst. Das Gebäude ist damit eines der frühesten Beispiele des Stahlbetonbaus in Deutschland, ohne dieses strukturelle System nach aussen zu kehren. Bemerkenswert sind die qualitätvolle Bauplastik und die expressionistischen Fresken von Paul Thiersch im Treppenhaus, die das Haus zu einem kunsthistorischen Dokument über den Museumsbau der Reformzeit machen. Die Sanierung des Bestands erfolgte in mehreren Bauabschnitten; 2008 wurden neue Restaurierungswerkstätten ergänzt (Planung: Architekten Niebergall und Schaller). Als das Museum 1918 öffnete, war es das erste Bauwerk Deutschlands, das ausschliesslich für die Präsentation vorgeschichtlicher Exponate errichtet worden war. Diese programmatische Entscheidung, dem vorgeschichtlichen Erbe ein eigenständiges, repräsentatives Gehäuse zu geben, spiegelt eine denkmalpflegerische Haltung wider, die das Land Sachsen-Anhalt bis heute auszeichnet.
Was verrät die Bestattung über frühen Schamanismus?
Im Mai 1934 stiessen Arbeiter bei Ausschachtungen im Kurpark von Bad Dürrenberg auf ein Grab aus der Zeit um 7000 vor Christus. Die Notbergung sicherte die Überreste einer 30- bis 40-jährigen Frau und eines etwa sechs Monate alten männlichen Säuglings. Seither ist das Grab ein Ankerobjekt des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (Saale), das neben der Himmelsscheibe von Nebra zu den bedeutendsten Funden Sachsen-Anhalts zählt. Eine DNA-Analyse ergab, dass die Frau dunkle Haut, dunkle Haare und helle Augen hatte.
Die neue Sonderausstellung verdichtet Jahrzehnte der Forschung. Bei der Nachgrabung von 2019 wurden mit modernsten Methoden nicht nur neue Befunde gesichert, sondern auch die Knochen aus dem Bestand neu untersucht. Dabei stiessen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf zwei weitere menschliche Wirbel, die zu männlichen Kindern im Alter zwischen zwei und sechs Jahren gehören. Damit sind nun insgesamt vier Individuen im Grab identifiziert, die Schamanin, der Säugling und zwei Kinder, die jeweils nur durch einen Wirbel nachgewiesen sind. Genetische Untersuchungen konnten klären, dass einer der Wirbel zu einem Zwilling des Säuglings gehört, der mindestens zwei Jahre länger lebte; der zweite Wirbel stammt von einem weiteren Bruder. Diese Erkenntnis ist, wie Landesarchäologe Harald Meller formulierte, geradezu eine Sensation: Denn zumindest die Zwillinge sind nicht gleichzeitig verstorben, was den Bestattungsvorgang als hochkomplexes, möglicherweise rituell gestaffeltes Ereignis erscheinen lässt.
Das reiche Grabinventar, das Tierknochenmaterial von Kranich, Igel, Biber, Schildkröte, Wildschwein bis hin zu Grosssäugern wie Ur und Hirsch umfasst, gilt als starkes Indiz für schamanistische Praktiken. Ethnografische Vergleiche legen nahe, dass die Beigabe dieser Tierteile nicht als Nahrungsvorrat, sondern als Repräsentation von Hilfsgeistern zu verstehen ist. Hinzu kommt eine anatomische Besonderheit: Bei bestimmten Kopfbewegungen dürfte die Frau unwillkürliches Augenflimmern (Nystagmus) und weitere neurologische Auffälligkeiten erlebt haben, was ihre Gemeinschaft vermutlich als sichtbares Zeichen der Verbindung zur Geisterwelt deutete. Die Kombination aus Grabbeigaben und körperlichem Befund liefert einen der überzeugendsten archäologischen Belege für frühen Schamanismus weltweit.
Warum ist diese Ausstellung ein kulturpolitisches Argument für Sachsen-Anhalt?
Die Sonderausstellung „Die Schamanin“ ist die bisher aufwendigste Schau zum urgeschichtlichen Schamanismus und zur Mittelsteinzeit in Mitteleuropa. 192 Exponate und Exponatgruppen auf rund 900 Quadratmetern Ausstellungsfläche, unterstützt von 39 Institutionen aus 14 Ländern, darunter Leihgaben, die ausserhalb ihrer Herkunftsländer kaum je zu sehen waren, das ist eine programmatische Geste. Das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt (LDA) positioniert sich damit einmal mehr als wissenschaftliche Institution von internationalem Rang. Sachsen-Anhalt, häufig unter dem Gesichtspunkt demografischer Schrumpfung und wirtschaftlicher Strukturschwäche betrachtet, beherbergt eine archäologische Forschungslandschaft, die ihresgleichen sucht. Der Freistaat hat im Denkmalschutzgesetz Sachsen-Anhalt (DSchG LSA) die Unterschutzstellung von Bodendenkmälern konsequent geregelt; das LDA fungiert als Behörde und zugleich als Forschungsinstitution, eine Verbindung, die den kontinuierlichen Erkenntniszufluss aus Ausgrabungen in die Sammlungs- und Ausstellungsarbeit sichert. Das zeigt die Schamanin exemplarisch: Die Nachgrabung von 2019 hat das Bild des Fundes grundlegend verändert und macht eine neue öffentliche Präsentation nicht nur möglich, sondern zwingend notwendig.
Das Museumsgebäude von Wilhelm Kreis, selbst ein Zeugnis institutionellen Vertrauens in die Dauerhaftigkeit archäologischer Forschung, bildet dafür den überzeugenden Rahmen. Der Kontrast zwischen der schweren, historistischen Hülle und den neun Jahrtausende alten Funden im Innern ist kein Widerspruch, sondern eine Beziehung: Das Haus hat Bestand, weil sein Inhalt Bestand hat. Dass im Atrium des 1918 eröffneten Kreis-Baus heute eine raumgreifende Schamaneninstallation steht, unter der sich eine Pyramide mit Symbolen zur Decke öffnet, belegt die räumliche Flexibilität und Würde dieses Grundrisses.
Ein Schluss, der offenbleibt
Die Sonderausstellung läuft bis zum 1. November 2026. Der Katalog erscheint im Hirmer Verlag (Hrsg.: Harald Meller, Michael Schefzik, Anja Stadelbacher, 216 Seiten, ISBN 978-3-911693-07-3). Für Fachleute aus Archäologie, Denkmalpflege und Museumsbau lohnt sich ein Besuch auch unter dem Gesichtspunkt, wie ein denkmalgeschütztes Museumsgebäude des frühen 20. Jahrhunderts zeitgemässe Ausstellungsarchitektur aufnehmen kann, ohne seine eigene Geschichte preiszugeben. Das ist in Halle gut gelungen.

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