Baukunst - Ein Vermächtnis aus Stahl und Klang: Das Doshi Retreat auf dem Vitra Campus
Das Schweigen der Architektur © Depositphotos_182529488_S

Ein Vermächtnis aus Stahl und Klang: Das Doshi Retreat auf dem Vitra Campus

27.03.2026
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Claudia Grimm

Gegen den Lärm: Ein Ort zum Zuhörenlernen

Das Doshi Retreat ist ein in Weil am Rhein vollendetes Kontemplationsbauwerk, das indische Spiritualität, materialgebundene Architektur und akustische Raumgestaltung zu einer einzigartigen sinnlichen Erfahrung verdichtet. Entstanden auf dem Vitra Campus unmittelbar neben dem Konferenzpavillon von Tadao Ando, eröffnet es eine neue Dimension in der Entwicklung dieses außergewöhnlichen Industrieparks zur öffentlichen Kulturstätte. Am 25. Oktober 2025 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, ist es zugleich das erste Gebäude des Pritzker-Preisträgers Balkrishna Doshi (1927 bis 2023) außerhalb Indiens und das letzte, das er vor seinem Tod konzipierte.

Die Geschichte des Projekts beginnt mit einem Besuch. Rolf Fehlbaum, Ehrenpräsident von Vitra und jahrzehntelanger Weggefährte Doshis, reiste nach Indien und besichtigte den Modhera Sonnentempel in Gujarat. Ein Foto eines kleinen Schreins auf dem Tempelgelände zeigte er Doshi mit der Bitte, auf dem Campus einen Ort der Stille zu schaffen. Aus diesem Dialog entstand zunächst eine Skizze und dann, über Jahre der Zusammenarbeit, ein Bauwerk. Doshi, der unter Le Corbusier in Chandigarh und Louis Kahn in Ahmedabad ausgebildet wurde, hatte die Architektur stets als Reise begriffen, nicht als Destination. Dieser Gedanke durchzieht das Doshi Retreat in jeder Einzelheit.

Wie entsteht Architektur aus einem Traum?

Den konzeptuellen Ausgangspunkt bildete ein Traum, den Doshi seiner Enkelin Khushnu Panthaki Hoof schilderte: zwei ineinander verschlungene Kobras. Diese Vision lieferte das geometrische Prinzip, das das Retreat bis in seine Materialisierung prägt. Zwei geschwungene Pfade winden sich spiralförmig ineinander, steigen sanft unter das Gelände ab und kreuzen sich, bevor sie in einer zentralen Halle enden. Das strukturgebende Bild verweist auf das Konzept der Kundalini, jene im Sanskrit als gerollt oder spiralförmig bezeichnete latente Energie an der Basis der Wirbelsäule, deren Aufstieg durch die Chakren in Yoga- und Tantra-Tradition als spirituelle Transformation gilt. Die Architektur wird zum Medium dieser Erfahrung; der Weg durch das Retreat wird zur körperlichen und geistigen Reise.

Ausgeführt wurde das Projekt durch Studio Sangath in Ahmedabad, das Khushnu Panthaki Hoof gemeinsam mit ihrem Partner Sönke Hoof leitet. Nachdem Doshi 2023 verstarb, führte das Studio die Ausführungsplanung in engem Dialog mit seiner ursprünglichen Vision fort. Die Tragwerksplanung übernahm das Ingenieurbüro Bollinger und Grohmann (Jan Knippers), die Lichtkonzeption das Studio Licht kunst Licht, die Akustikberatung das niederländische The Works Research Institute B.V. Auftraggeber ist Rolf Fehlbaum persönlich.

Die Hüllflächen des Retreats bestehen aus X-Carb-Stahl von ArcelorMittal, einem rezyklierten Werkstoff, der mit erneuerbaren Energien produziert wird. Die Wahl dieses Materials ist programmatisch: Der sich mit fortschreitender Bewitterung tieforange färbende Stahl verbindet das Bauwerk mit dem Erdreich, in das es sich eingräbt, und verleiht ihm eine zeitliche Dimension. Das Doshi Retreat altert sichtbar und wird dadurch Teil der Landschaft. Diese materialbasierte Ehrlichkeit korrespondiert mit dem Erbe des brutalistischen Diskurses, dem Doshi in seiner frühen Schaffensphase angehörte, ohne sich jemals darauf zu beschränken.

Was leistet Klang als architektonisches Element?

Im Doshi Retreat ist Klang keine atmosphärische Beigabe, sondern tragendes Entwurfselement. In den Boden eingelassene Lautsprecher senden wechselnde Sequenzen von Gong- und Keramikflötenklägen entlang der Wegeführung. Die Klänge werden nicht laut abgespielt, sondern vibrieren durch den Beton und den Stahl in den Körper der Begehenden. Khushnu Panthaki Hoof beschreibt diesen Effekt präzise: Es ist der Klang, der durch den Körper resoniert und die Grenze zwischen dem Selbst und der Struktur aufhebt. Diese Formulierung ist keine poetische Metapher, sondern eine räumlich erfahrbare Qualität.

Am Ende beider Pfade öffnet sich ein kreisförmiger Kontemplationsraum. Zwei halbrunde Steinbänke laden zum Verweilen ein. Ein Gong steht frei im Raum. Die Decke trägt ein handgetriebenes Mandala aus Messing, das in Indien gefertigt wurde und durch eine Öffnung im Scheitel natürliches Licht empfängt. Dieses Licht wird in schimmernde Goldreflexe gebrochen und erfüllt den Raum mit einer stillen, wandelnden Leuchtkraft. Ein schmaler Ring aus Regenwasser am Boden der Kammer vervollständigt den sensorischen Kreislauf.

Der Vitra Campus ist ein einzigartiges Feld architektonischer Einzelleistungen im deutschen Südwesten, unmittelbar an der Grenze zu Basel. Frank Gehry, Zaha Hadid, Herzog und de Meuron, Álvaro Siza und Tadao Ando haben hier gebaut; das Werksgelände des Möbelunternehmens ist zur öffentlich zugänglichen Lektion in zeitgenössischer Architekturgeschichte geworden. Das Doshi Retreat fügt dieser Kollektion eine Stimme hinzu, die fundamental anders klingt. Während die genannten Bauwerke ihre Präsenz durch Volumen, Geste und formale Spannung behaupten, versenkt sich das Retreat in den Boden und entfaltet sein Gewicht im Inneren. Es ist ein Bauwerk, das nicht angeschaut, sondern erlebt werden will.

Das Doshi Retreat ist auch in geografischer Hinsicht ein besonderes Ereignis für die Region. Weil am Rhein liegt in der Trinationalen Metropolregion Oberrhein, einem der dichtesten Kulturräume Mitteleuropas, in dem schweizerische, französische und deutsche Planungskulturen aufeinandertreffen. Der Vitra Campus profitiert von dieser Lage und zieht ein internationales Publikum an. Das Retreat schließt auf dem Campus eine inhaltliche Lücke: Es gibt erstmals einem nicht-westlichen architektonischen Denken Raum, ohne dieses zu exotisieren. Doshis Arbeit war stets dem sozialen Wohnungsbau in Indien verpflichtet; seine fürsorgliche Haltung gegenüber dem Körper und dem Bewusstsein der Nutzenden findet im Retreat ihre vielleicht reinste Formulierung.

Das Doshi Retreat ist kein Denkmal. Es ist kein Museum und keine Gedenkstätte. Es ist ein aktiver Raum, der seine Besucherinnen und Besucher einlädt, langsamer zu werden. In einer Baukultur, die zunehmend von Effizienzlogiken und bildschirmtauglichen Außenansichten bestimmt wird, ist das eine bemerkenswerte Aussage. Balkrishna Doshi hat sie, mit Unterstützung seiner Familie und seines Studios, in ein Stück Land im südlichen Baden-Württemberg eingeschrieben. Das Vermächtnis ist offen für alle, die bereit sind, den Weg zu gehen.