Baukunst - Erdschwarzbox in Tasmanien: Wenn Werbung Weltuntergang spielt
Unzerstörbare Beweissicherung: Wer steckt hinter dem teuersten Klimamemo aller Zeiten? © Earth’s Black Box

Erdschwarzbox in Tasmanien: Wenn Werbung Weltuntergang spielt

20.02.2026
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Ignatz Wrobel

Schwarzbox für den Weltuntergang: Gesellschaftskritik aus Stahl und Silizium

Stellen Sie sich vor, eine Werbeagentur baut ein Mahnmal für das Ende der Welt, und niemand wundert sich sonderlich darüber. Genau das geschieht in Australien, wo das Projekt Earth’s Black Box seit 2021 angekündigt wird, mehrfach verschoben wurde und noch immer nicht fertiggestellt ist. Dass ausgerechnet die Kommunikationsfirma Clemenger BBDO aus Melbourne das Konsortium anführt, sagt vermutlich mehr über unsere Gegenwart aus als jede Klimadatenreihe.

Das Vorhaben klingt nach Science-Fiction: Ein 10 Meter langer, 4 Meter breiter Monolith aus 7,5 Zentimeter dickem Stahl soll in der wilden Westküste Tasmaniens errichtet werden, gespeist von Solarzellen, vernetzt mit dem Internet, und darauf ausgelegt, Jahrtausende zu überdauern. Sein Auftrag: die vollständige Chronik des menschlichen Versagens im Angesicht der Klimakatastrophe zu speichern. Für die nächste Zivilisation, versteht sich.

Tasmanien als Bühne für globale Verantwortung

Die Wahl des Standorts ist kein Zufall. Tasmanien gilt als einer der geopolitisch und geologisch stabilsten Orte der Erde. Kandidaten wie Malta, Norwegen und Katar standen auf der Vorschlagliste, bevor das Team aus Forscherinnen und Forschern der University of Tasmania, der Künstlergruppe The Glue Society und der Werbeagentur Clemenger BBDO die südlichste australische Insel vorzog. Die Region ist vulkanisch ruhig, politisch befriedet und weit genug vom globalen Krisengürtel entfernt, um eine gewisse Überlebensperspektive zu bieten.

Geosoziale Überlegungen spielen dabei eine entscheidende Rolle: Wo soll das kollektive Gedächtnis der Menschheit aufbewahrt werden, wenn die Zentren der Macht und des Kapitals selbst Teil des Problems sind? In dieser Frage steckt ein subversiver Kern. Tasmanien, am Rand des globalen Bewusstseins, wird zur Bühne für eine Botschaft, die die Metropolen der Welt nicht ernst nehmen wollen.

Was gespeichert wird, und was das bedeutet

Die Blackbox soll zwei Kategorien von Daten erfassen. Erstens: Klimamesswerte wie CO₂-Ausstoß, Ozeanversauerung, Luft- und Meerestemperaturen, Artensterben, Landnutzungsveränderungen, Bevölkerungswachstum und Militärausgaben. Zweitens: das digitale Protokoll des politischen Diskurses, Presseberichte, Social-Media-Posts und Transkripte von Politikerreden, algorithmisch gefiltert und archiviert.

Diese Zweiteilung ist bemerkenswert. Sie erkennt an, was die Klimawissenschaft seit Jahrzehnten betont: Das Problem ist kein technisches, sondern ein gesellschaftliches. Nicht fehlende Daten, sondern fehlender politischer Wille blockiert den Wandel. Indem die Blackbox explizit Politikerreden und Tweets archiviert, setzt sie einen impliziten Anspruch: Rechenschaft. Wer hat was gesagt, und wann? Wer hat gehandelt, wer hat gezögert? Die Inschrift auf der Projektwebsite ist unmissverständlich: „Your actions, inactions, and interactions are now being recorded.“

Architektur als gesellschaftlicher Kommentar

Aus architektonischer Sicht ist Earth’s Black Box ein faszinierendes Paradox: ein Bauwerk, das für den Misserfolg gebaut wird. Während die große Mehrheit der gebauten Welt menschliche Schaffenskraft, Fortschritt oder Erinnerung feiert, ist dieser Monolith das erste Monument, das explizit für das Scheitern errichtet wird. Nicht als Trauerdenkmal für Vergangenes, sondern als präventive Dokumentation von etwas, das noch vermieden werden könnte.

Die Form ist reduziert bis zur Brutalität: ein Keil aus Cortenstahl, schräg in der tasmanischen Wildnis liegend, der an Stanley Kubricks schwarzen Monolithen in „2001: Odyssee im Weltraum“ erinnert. Kein Ornament, keine Versöhnlichkeit, keine Einladung. Das Gebäude verweigert den Dialog, es empfängt nur und sendet nicht. Diese kommunikative Einseitigkeit ist programmatisch: Die nächsten Generationen hören zu, die aktuelle Generation redet weiter wie bisher.

Jim Curtis, Creative Director bei Clemenger BBDO, beschreibt das Gebäude schlicht als „Werkzeug“. Doch ein Werkzeug, das kein einziges Problem löst, sondern lediglich dokumentiert, ist politisch, ob es will oder nicht.

Marketing, Kunst oder Aktivismus? Die schwierige Verortung

Die führende Rolle einer Werbeagentur wirft berechtigte Fragen auf. Kritikerinnen und Kritiker wie der amerikanische Klimaforscher Noah Diffenbaugh haben frühzeitig darauf hingewiesen, dass man die Frage des Klimawandels als existenzielle Bedrohung nicht mit der Frage des zivilisatorischen Zusammenbruchs vermengen sollte. Das Projekt bedient eine apokalyptische Ästhetik, die zwar emotional wirksam ist, wissenschaftlich aber vereinfacht.

Tatsächlich halten die meisten Klimawissenschaftlerinnen und Klimawissenschaftler das vollständige Aussterben der Menschheit durch den Klimawandel selbst in Hochemissionsszenarien für unwahrscheinlich. Was droht, ist etwas anderes: massenhafte Vertreibung, der Zusammenbruch von Nahrungssystemen, gewaltsame Konflikte um Ressourcen, das Ende bestimmter Lebensweisen und das Verschwinden ganzer Küstenregionen und Inselstaaten. Dieser realistische Horror wird durch apokalyptische Symbolik paradoxerweise verharmlost.

Dennoch hat die Blackbox etwas geleistet, was fünf Jahrzehnte Klimakommunikation nicht schafften. Sie produziert eine intuitiv verständliche Metapher für kollektive Rechenschaftspflicht. Jeder Mensch weiß, was eine Blackbox tut. Niemand braucht einen Hochschulabschluss in Klimawissenschaft, um zu verstehen, dass ein Planet, der eine Blackbox benötigt, in ernsthafter Gefahr ist.

Dauerverschiebung als ungewollte Selbstironie

Fertigstellung 2021 angekündigt. Dann 2023. Mitte 2024 hieß es erneut, man erwarte den Abschluss noch in diesem Jahr. Stand August 2025: gebaut wurde immer noch nicht. Dabei werden die Daten längst gesammelt, die Festplatten laufen, das Archiv wächst. Nur der Monolith fehlt. Diese Verzögerung hat eine unfreiwillige Komik: Das Mahnmal für menschliches Versagen scheitert einstweilen am menschlichen Versagen, rechtzeitig fertiggestellt zu werden.

Das 1,5-Grad-Ziel ist 2023 und 2024 zum ersten Mal jährlich verfehlt worden. El Granado mass am 29. Juni 2025 mit 46 Grad die heißeste Junitemperatur der spanischen Geschichte. In der chinesischen Provinz Xinjiang wurden im selben Monat erstmals 47 Grad registriert. Die Blackbox hätte viel zu schreiben, wenn sie denn stehen würde.

Urbane Gesellschaften im Archiv der Zukunft

Was bedeutet dieses Projekt für das urbane Leben des 21. Jahrhunderts? Die Blackbox archiviert nicht nur Temperaturkurven, sondern auch den sozialen Diskurs, der in Städten stattfindet: Proteste, Debatten in Parlamenten, Reaktionen auf Extremwetterereignisse, politische Programme und deren Scheitern. Städte sind die großen Schauplätze sowohl des Problems als auch der Lösung.

Hitzewellen, Extremniederschläge, steigende Meeresspiegel, der Verlust urbaner Freiraume, Hitzeinseleffekte in dichten Stadtquartieren: Die Blackbox wird eines Tages bezeugen, ob und wie Städte auf diese Herausforderungen geantwortet haben. Ob Kommunen in München, Wien oder Zürich auf Begrünung, Klimaanpassung und partizipative Stadtentwicklung gesetzt haben oder ob Partikularinteressen und Immobiliendruck dominierten.

In dieser Perspektive ist die tasmanische Blackbox kein fernes Kunstprojekt. Sie ist ein Spiegel, den eine Werbeagentur der planenden und bauenden Zunft vorhält. Die Frage, die er zurückwirft, ist unbequem: Was würde eine ehrliche Chronik des eigenen Handelns ergeben?